Aarau

Kunsthaus-Direktorin Madeleine Schuppli geht: «Die Leidenschaft mit anderen zu teilen, war meine liebste Aufgabe»

Madeleine Schuppli, 54, liebte ihre Rolle als Kommunikatorin zwischen Künstlerinnen und Besuchern.

Madeleine Schuppli, 54, liebte ihre Rolle als Kommunikatorin zwischen Künstlerinnen und Besuchern.

Nach 12 Jahren hat Madeleine Schuppli als Direktorin des Aargauer Kunsthaus gekündigt. Das Publikum und die Aufgaben hätte sich in dieser Zeit verändert, sagt sie im Bilanz-Interview.

Madeleine Schuppli hat einen Ecktisch im Foyer des Aargauer Kunsthauses für das Gespräche ausgewählt. Es ist ein Kommen und Gehen – viele Besucherinnen winken ihr zu. Man kennt und schätzt die Direktorin.

Sie gehen nach zwölf Jahren, ziemlich überraschend. Was konnten Sie nicht mehr machen, was Ihnen am Herzen liegt?

Madeleine Schuppli: Vor allem Ausstellungsprojekte. Zum Beispiel dasjenige mit Julian Charrière, einem der aktuell interessantesten jungen Schweizer Künstler. Das Projekt habe ich nun den Kolleginnen übergeben und es wird ab Mai zu sehen sein. Für 2021 hatte ich ein Projekt mit Yinka Shonibare eingefädelt, dem britisch-nigerianischen Künstler. Ob das nun dennoch stattfinden wird, ist noch offen.

Und abgesehen von Ausstellungen?

Ein neuer Sammlungskatalog ist dringend fällig. Dank Geld vom Bundesamt für Kultur wird es möglich, diesen zu realisieren. Wir sind am Konzept, die Umsetzung übernimmt die Sammlungskuratorin Simona Ciuccio. Und ein Anliegen ist mir, dass sich das Museum als Haus weiter entwickeln kann.

Was heisst das?

Unser Gebäude ist sehr schön, hat gute Ausstellungsräume. Aber der Entwurf für die Erweiterung wurde vor über zwanzig Jahren gemacht. Seither haben sich die Bedürfnisse entwickelt, wir haben mehr Besucher, an den Vernissagen stehen die Leute gedrängt im brechend vollen Foyer. Wir machen sehr viele Veranstaltungen, haben aber keinen adäquaten Raum dafür. Der Duft des Mittagessens verbreitet sich im Haus. Anpassungen sind nötig.

«Maske» ist Ihre letzte Ausstellung. Dabei geht es um Fragen wie, wer will ich sein, was verberge ich? Kunsthaus-Direktorin ist auch eine Rolle: Welche Facette mochten Sie am meisten?

Die Vielfalt! Besonders wohl gefühlt habe ich mich in der Rolle der Kommunikatorin: das Publikum zu begeistern, mit den Künstlern oder den Mitarbeitenden zusammen ein Projekt zum Fliegen zu bringen, die eigene Leidenschaft mit anderen zu teilen.

Und die schwierigste Rolle?

Da kommt mir spontan nichts in den Sinn. Doch, weniger angenehm fand ich die Rolle der Bittstellerin, wenn es darum ging, Gelder für Ausstellungen zu akquirieren. Doch das macht vermutlich keine Museumsleitung so richtig gerne.

Sie sind in der Organisation der Museen, ICOM, aktiv, seit 2015 gar Präsidentin. Das ist ziemlich viel Aufwand. Gab es auch Ertrag?

Für die Vertiefung des Netzwerkes in der Schweiz und international hat es viel gebracht. Ein Mehrwert war es zu sehen, wie sich Bedingungen für Museen in den unterschiedlichen Gesellschaften unterscheiden. Was heisst es beispielsweise in Kuba, in einem quasitotalitären Staat, Museumsarbeit zu machen. Kulturpolitik war ein wichtiges Thema, etwa die Revision des Schweizer Urheberrechts.

Wie positionieren Sie das Aargauer Kunsthaus innerhalb der Schweizer Museumsszene?

Es ist ein Museum, das breit wahrgenommen wird, ein überregionales Publikum anzieht und Themen setzen kann, die nicht bereits in aller Munde sind. Es war mir immer wichtig, Ausstellungen zu machen, die eine aktuelle Relevanz haben.

Angefangen haben Sie mit dem britischen Künstler Mark Wallinger. Einzelausstellungen mit internationalen Künstlern gab es vorher in Aarau nicht. Warum haben Sie 2009 diese Schiene eingeführt?

Für mich war das wie selbstverständlich. Es braucht Offenheit und eine Beschränkung auf die Schweiz macht für mich keinen Sinn. Bei der Sammlung ist es anders. Da ist die Fokussierung auf Schweizer Kunst, die seit den Anfängen im 19. Jahrhundert gilt, sinnvoll. Gerade dank dieser Beschränkung, hat das Aargauer Kunsthaus heute die wichtigste öffentliche Sammlung von Schweizer Kunst.

Beim Stellenantritt haben Sie gesagt: «Ich freue mich auf die Arbeit mit der Sammlung». Haben Sie diese Freude gefunden?

Sehr! Die Sammlung hat einen tollen Grundstock, der über lange Zeit angelegt wurde. Und wir können sie auch substanziell weiter entwickeln, weil wir – im Vergleich zu anderen Museen – über ein respektables Ankaufsbudget verfügen. Wir haben beispielsweise in Aarau das grösste Werk von Thomas Hirschhorn überhaupt, von Sophie Taeuber-Ap konnten wir vor ein paar Jahren ein Relief kaufen, was ja unterdessen für ein Museum fast unmöglich ist. Auch von vielen jüngeren Künstlerinnen und Künstlern haben wir bedeutende Ankäufe getätigt. Wichtig ist es aber auch, die Sammlung immer wieder anders zu zeigen und sie mit Ausstellungen zu verbinden.

Ein anderes Ziel von Ihnen war es, neben der NAB einen zweiten Hauptsponsor zu finden. Das ist nicht gelungen. Warum?

Sponsorengeld zu finden ist schwierig im Aargau. Wir haben uns sehr bemüht. Mit dem früheren Kunstvereinspräsidenten Sepp Meier wie mit dem jetzigen, Kaspar Hemmeler, sind wir bei verschiedenen Firmen vorstellig geworden. Ohne Erfolg. Der Aargau hat im Vergleich zu anderen Kantonen sehr wenige Stiftungen. Viele unserer Drittmittel sind ausserkantonal.

Andrerseits haben Sie mehr Ausgaben, weil die Museen auch Veranstaltungsmaschinen geworden sind: Führungen, Diskussionen, Künstlergespräche, Filme, Konzerte, Workshops...

Mit gefällt der Begriff «Maschine» nicht. Es geht nicht darum, ein Programm abzuspulen, sondern eine Alternative zum «einsamen», kontemplativen Museumsbesuch anzubieten. Die Besucherinnen kommen vermehrt in Gruppen, wollen zusammen etwas erleben, Künstler kennen lernen, sich gemeinsam anregen lassen.

Ist das primär Mehrarbeit oder ein Gewinn?

Es ist beides. Wichtig ist, dass die Veranstaltungen nicht beliebig sind, sondern zum Ausstellungsprogramm passen. Bei «Maske» waren das Anlässe mit Literatur, Mode, Film... Zum Künstlergespräch mit Simon Starling kamen junge Kunstschaffende aus der ganzen Schweiz. Der Museumsbesuch ist auch etwas Soziales. Wir bieten nach den Veranstaltungen jeweils einen kleinen Apéro an, dann stehen die Besucherinne und Besucher an der Bar, reden miteinander, mit dem Referenten. Das wird sehr geschätzt, und so fördern wir einen offenen und lockeren Austausch.

Am Kunsthaus sind alle Schlüsselpositionen – ausser die Technik – mit Frauen besetzt. Ist das Zufall oder weil Sie eine Frau sind?

Für mich spielt es keine Rolle, ob Frau oder Mann. Die Mitarbeitenden müssen gut sein – und wir haben viele sehr qualifizierte und engagierte Leute im Team – Frauen und Männer.

International gelten Künstlerinnen aktuell als interessanter und mutiger. Zu sehen sind in den Museen und an grossen Events aber mehr und prominenter Männer.

Die Kunstwelt ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und Frauen sind ja immer noch nicht wirklich gleichberechtigt – etwa in punkto Lohn oder Vertretung in Führungspositionen. In Aarau haben wir zahlreiche Künstlerinnen wie Sophie Taeuber-Arp, Mirjam Cahn, Fiona Tan oder Su-Mei Tse prominent gezeigt.

Museums-Direktorinnen in der Schweiz sind keine Ausnahmen mehr, aber je grösser das Haus, desto seltener sind sie. Man erwartete eigentlich, dass Ihr nächster Karriereschritt die Leitung eines grösseren Hauses in der Schweiz oder im Ausland wäre. War das keine Option?

Option schon. Aber als ich konkret angefangen habe über einen Wechsel nachzudenken, habe ich gemerkt: Ich möchte nochmals etwas Anderes machen, eine andere Perspektive einnehmen. Und das bietet meine neue Stelle bei Pro Helvetia.

Sie leiten bei der Kulturstiftung ab Februar die Abteilung «Visuelle Künste». Was heisst das?

Das heisst Förderung von Schweizer Kunst, insbesondere im Austausch mit dem Ausland sowie über die nationalen Sprachregionen hinweg. Dazu kommen Schwerpunktthemen wie Nachwuchsförderung, Gleichstellung, Künstlerhonorare oder transdisziplinäres Arbeiten. Pro Helvetia hat ein Netz an Aussenstellen im Ausland – unter anderem in Indien, China oder Russland – um den internationalen Austausch zu ermöglichen. Und Pro Helvetia verantwortet den Schweizer Auftritt an den Venedig Biennalen für Kunst wie auch für Architektur.

Die Künstler für die Biennale bestimmen nicht Sie, sondern eine Jury. Aber mit welcher Art Kunst kann und soll sich die Schweiz im Ausland präsentieren?

Ein gutes Beispiel ist die Architektur-Biennale 2020: Ein interdisziplinäres Team aus Genf beschäftigt sich mit unserer Landesgrenze. Ein Thema, das für die Schweiz wichtig ist und auch international im Brennpunkt der gesellschaftlichen und politischen Konflikte und Diskussionen steht. Wie gestaltet man Grenzen, wie durchlässig sind sie? Das Biennale-Team hat die Schweizer Grenzen bereist und erforscht. Die Schweiz sollte sich mit Projekten präsentieren, die nicht nur die Innensicht beleuchten, sondern auch fragen: Wer sind wir in der Welt, wie interagieren wir mit anderen? Das finde ich hoch spannend!

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