Die Kritik reisst nicht ab. Der Ärger ist gross. Gesundheitsdirektorin Franziska Roth werden fehlende Wertschätzung und Respektlosigkeit vorgeworfen. Von mehreren Seiten und immer wieder. Seit der Regierungsrat am Dienstag letzte Woche – nur drei Tage, bevor die Vernehmlassung zum neuen Spitalgesetz endete – ein Gutachten der Firma Pricewaterhouse Coopers (PwC) zur Situation und strategischen Ausrichtung des Kantonsspitals Aarau (KSA) veröffentlicht hatte, steht die Gesundheitsdirektorin im Kreuzfeuer.

Einige Parteien kritisierten Zeitpunkt und Art der Veröffentlichung. Ihnen stösst sauer auf, dass sie gleichzeitig wie die Medien über das Gutachten informiert wurden und die Empfehlungen der Experten nicht in die Vernehmlassung eingeflossen sind.

Die FDP bezeichnete das Vorgehen bereits an jenem Dienstag als «respektlos». Die Grünliberalen waren «ziemlich befremdet» und «gar nicht glücklich». Die CVP erwartet eine Erklärung bezüglich der «fragwürdigen und respektlosen Vorgehensweise». Am Freitag doppelte FDP-Grossrätin Martina Sigg in einem Beitrag im Mitteilungsblatt der Freisinnigen nach.

Der Titel: «Wie Frau Roth es schafft, die ganze Gesundheitskommission zu verärgern» oder «erspriessliche Zusammenarbeit geht anders». Sigg sitzt seit 2010 im Grossen Rat. Die Apothekerin ist Mitglied der Gesundheitskommission. Sie gehört nicht zu jenen Politikern, die zu allem ihren Senf dazugeben müssen. Umso erstaunlicher, in welcher Deutlichkeit sie es in diesem Fall tut.

Die E-Mail kam um 18.04 Uhr

Sigg schreibt, die Kommissionssitzung vom 22. Januar sei von 13 bis 17 Uhr angesetzt gewesen. Die 15 Mitglieder hätten alle einen Nachmittag freigenommen, seien gespannt gewesen, was sie zum traktandierten PwC-Gutachten erfahren würden. «Bis zum Vorabend war ungewiss, ob und wann wir informiert würden», schreibt Sigg. Es sei aber im Vorfeld «ganz klar» versprochen worden: «Wir sollten deutlich vor der Presse informiert werden.»

Umso mehr staunte Sigg, als sie am Vorabend der Sitzung um 18.04 Uhr per Mail informiert wurde, dass Regierungsrätin Roth am nächsten Tag um 15 Uhr einen Pressetermin habe, um den Bericht vorzustellen. Das über 100-seitige Gutachten war «zur Vorbereitung der morgigen Sitzung» angehängt.

Martina Sigg, FDP-Grossrätin: «Kein anderes Regierungsmitglied würde so etwas auch nur in Erwägung ziehen.»

  

Damit sei die Kommission faktisch nicht vor der Öffentlichkeit informiert worden, schreibt Sigg. Dass Roth eine Pressekonferenz während der Kommissionssitzung ansetzt, zeuge «gegenüber den Milizparlamentarierinnen und -parlamentariern von einer Respektlosigkeit und Geringschätzung sondergleichen», findet Sigg. «Kein anderes Regierungsmitglied würde so etwas auch nur in Erwägung ziehen.»

Es sind aber nicht nur kantonale Politikerinnen und Politiker, die sich in den letzten Tagen von der Regierungsrätin mehr Respekt und Wertschätzung gewünscht hätten. Auch die Teilnehmer des Gemeindeseminars in Frick waren enttäuscht. Roth war vorletzte Woche ins Fricktal gereist, um ein Inputreferat zu halten und sich anschliessend den Fragen der Anwesenden zu stellen.

Die folgenden Referate hörte sie aber nicht mehr. Sie hatte einen Anschlusstermin. Der schnelle Abgang wurde von den Teilnehmern kritisiert. Sie sprachen von einer verpassten Gelegenheit. Sagten, sie hätten schon erwartet, dass sich die Regierungsrätin die Zeit nehme. Selbst Parteikollegen von Roth waren verärgert.

Zusammenarbeit in Gefahr?

Franziska Roth selber reagierte zunächst versöhnlich. Sie bedauerte. Sprach von einem Missverständnis. Davon, dass sie niemanden vor den Kopf stossen wollte. Bot an, sehr gerne nochmals ins Fricktal zu kommen. Doch die versöhnlichen Töne verklangen bald.

Zwei Tage später wehrte sich Roth in einer Stellungnahme. Die Kritik entbehre jeglicher Grundlage und sei unfassbar. «Für mich ist es zudem mehr als ‹mangelnde Wertschätzung›. Es ist eine Respektlosigkeit mir gegenüber, die ihresgleichen sucht!»

Die Regierungsrätin wirft ihren Kritikern das vor, was diese ihr vorwerfen: Mangel an Respekt. Die Geschichte dreht im Kreis. Über Inhalte des Spitalgesetzes wird kaum diskutiert. Sigg fragt denn auch, ob die Regierung «in dieser Art der Nicht-Kommunikation» auch Nachteile und Risiken in Bezug auf die Zusammenarbeit mit der Legislative im Allgemeinen und auf die hängige Spitalgesetzgebung im Besonderen sehe.