Am letzten Donnerstag, dem 6. Juni, haben die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Baden ein Mail erhalten. Dies von der offiziellen Mailadresse, von der in der Regel Rundmails verschickt werden. Unterschrieben hat eine Schülerin im Namen «vieler weiterer jungen Frauen der Kantonsschule Baden».

Der Inhalt betrifft den Frauenstreiktag vom kommenden Freitag, 14. Juni. «Auch wer sich nicht Feminist oder Feministin nennt, kann sich für gerechtere Löhne interessieren…», heisst es beispielsweise, oder: „Wir müssen weiterkämpfen!» und «Animiert eure Lehrperson zum Mitmachen und nutzt diese Chance!» Wer ohne die Lehrperson der jeweiligen Unterrichtsstunde am Programm teilnehme, müsse einen halben Joker-Tag nehmen. Aufgeführt ist das Programm, welches am 14. Juni an der Kanti durchgeführt wird. Weiter ist dem Mail das Aargauer Manifest zum Frauenstreik angehängt.

Jungfreisinnige kritisieren Kanti Baden wegen Frauenstreik

Jungfreisinnige kritisieren Kanti Baden wegen Frauenstreik

Die Kantonsschule Baden ruft die Schülerinnen und Schüler mit dem offiziellen Mailverteiler auf, am Frauenstreik vom 14. Juni teilzunehmen. Die Jungfreisinnigen kontaktierten deswegen den Bildungsdirektor

Auch bei einigen Mitgliedern der Jungfreisinnigen ist dieses Mail im Postfach gelandet. Und es stösst ihnen sauer auf. Heute gelangen sie mit einem offenen Brief an Bildungsdirektor Alex Hürzeler. Auch wenn nicht die Schulleitung der Absender des Mails ist, so habe diese ihre Adresse doch offenbar für einen Aufruf am Streik teilzunehmen, zur Verfügung gestellt, der Aufruf sei also im Wissen der Schulleitung und mit deren Erlaubnis geschehen.

«Politisch einseitig motiviert»

«Wir beurteilen das sehr, sehr kritisch», sagt Martin Mennet, der Vizepräsident der Jungfreisinnigen Aargau gegenüber der AZ. Es widerspreche klar der Neutralität der Bildung, welche für eine Aargauer Schule laut dem Aargauischen Schulgesetz zu gelten hat, wenn die Schülerinnen und Schüler «absolut unkritisch» mit der Thematik des Frauenstreiks konfrontiert würden.

Insbesondere das angehängte Manifest beinhalte Forderungen, hinter welcher nicht zwingend eine Mehrheit der Aargauer Bevölkerung stehe, so der Jungfresinnigen-Vize. «Es sind umstrittene Punkte drin, wenn alle Schülerinnen und Schüler diese unkritisch vorgesetzt bekommen, verletzt das die gesetzlich verankerte Neutralität.»

Seiner Ansicht nach würden Schülerinnen und Schüler mit einem derartigen Mail unter Druck gesetzt, am Frauenstreik, einer politischen Veranstaltung, teilzunehmen. «Der Kanton Aargau ist der einzige Kanton der Deutschschweiz, der künftig während der obligatorischen Schulzeit  ein Fach politische Bildung führen wird. Mit solchen politisch einseitig motivierten Aktionen der Schule wird leider genau denjenigen Kräften Recht gegeben, die mit der Schaffung eines Fachs politische Bildung eine politische Beeinflussung der Schülerinnen und Schüler befürchten», sagt Martin Mennet.

Daniel Franz, der Rektor der Kantonsschule Baden, kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Er wurde von Schülern, die den Jungfreisinnigen angehören, am Montag damit konfrontiert. «Ich war überrascht, denn wir haben weder ein politisches Statement abgegeben, noch zur Beteiligung am Frauenstreik aufgerufen», sagt der Rektor. Es sei der Schulleitung völlig bewusst, dass die Schule politisch neutral ist, aber: «Wir haben hier nur die Leitplanken gesetzt und begrüssen es, wenn das Thema diskutiert wird.» Das Vorgehen, wonach Schüler den offiziellen Mailverteiler nutzen können, um Anliegen für die gesamte Schülerschaft anzubringen, sei üblich.

Initiiert wurde der Thementag zum Frauenstreik, wo unter anderem der Film «Die göttliche Ordnung» gezeigt wird, von einer Gruppe von Schülerinnen und Mitarbeiterinnen. «Wir unterstützen dieses Engagement», sagt Daniel Franz. «Der Frauenstreik ist ein relevantes gesellschaftspolitisches Ereignis. An einer Kantonsschule soll man sich mit solchen Themen auseinandersetzen.»

An der Schule fänden immer wieder Veranstaltungen zu Aktualitäten statt. «Wenn eine Podiumsdiskussion zu einem anderen Ereignis durchgeführt wird, geht das ja auch», so Franz. Er sagt, man hätte noch weiter gehen können, Workshops oder Diskussionsrunden organisieren können. «Der erste Frauenstreik war ein Grossereignis. Das darf etwa im Geschichtsunterricht ein Thema sein», so der Rektor. Mit dem Programm, wie es jetzt steht, habe man aber eine «gute Flughöhe».

Sicher sei, dass die Schulleitung niemanden zum Streik aufrufe und die Lehrerinnen selber entscheiden, ob sie mit ihrer Klasse eine Filmvorführung besuchen. Zudem gilt: Wer streikt, muss freinehmen, egal ob Lehrerin oder Schüler. Da die Demonstration in Aarau erst am späten Freitagnachmittag stattfindet, wenn wenig Unterrichtsstunden geplant sind, geht der Rektor nicht davon aus, dass dies für Viele nötig sein wird.

Kanton heisst Engagement gut

Mit den Schülern, die an ihn gelangt sind, sucht Daniel Franz jetzt das Gespräch. Martin Mennet begrüsst das sehr, wie er sagt. Allerdings ändere es nichts daran, dass der Regierungsrat in Zukunft besser hinschauen müsse, dass die Neutralität an der Schule eingehalten werde, zumal der Fall Kanti Baden nicht der erste sei. «Wir finden auch, dass die Auseinandersetzung mit politischen Themen an der Schule Platz haben muss. Aber sie muss kritisch sein und darf auf keinen Fall einseitig daher kommen».

Das Programm der Kanti Baden umfasse die Auseinandersetzung mit dem Thema, wie dies auch in anderen Zusammenhängen of vorkomme, teilte das kantonale Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) gestern mit. Das BKS begrüsse grundsätzlich die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen an Mittelschulen. «Die Schülerinnen und Schüler sollen sich mit ihnen auseinandersetzen und sich eine Meinung bilden». Die Schulleitung gebe nach Meinung des BKS mit der Erlaubnis zum Programm kein politisches Statement ab, sondern heisse das Engagement der Schülerinnen und Lehrpersonen gut, auf die Anliegen des Frauenstreiks aufmerksam zu machen.