Brittnau
Integration in Turnschuhen: Der mit den Asylbewerbern joggt

Samuel Wagner joggt mit den Asylbewerbern – dabei ist es aber nicht geblieben. Er hilft ihnen auch bei anderen Dingen.

Lilly-Anne Brugger
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Joggen als Integration: Samuel Wagner rennt mit den Asylsuchenden durch Feld und Wald, zeigt ihnen aber auch günstige Einkaufsmöglichkeiten in der Region. Raphael Nadler

Joggen als Integration: Samuel Wagner rennt mit den Asylsuchenden durch Feld und Wald, zeigt ihnen aber auch günstige Einkaufsmöglichkeiten in der Region. Raphael Nadler

«Eigentlich bin ich wie die Jungfrau zum Kind dazu gekommen», sagt Samuel Wagner und lacht. Er habe gerne etwas tun wollen für die Asylsuchenden, die seit Anfang Jahr in der Gemeinde Brittnau leben. Wichtig sei ihm gewesen, dass es etwas sei, was den Asylsuchenden den Alltag erleichtert. «Da ich montags eh immer joggen gehe, war das naheliegend», sagt Wagner.

Um 13 Uhr rennt er bei sich zu Hause in der Rossweid los. Um 14 Uhr trifft er sich mit den Asylsuchenden im Dorf. Meist würden fünf bis neun Personen mitkommen, vorwiegend die jungen Männer.

Die Route wählt Samuel Wagner spontan aus, wenn möglich Routen, die zu einem Gespräch einladen: Durch den Wald, der Wigger entlang, aber auch mal durch Zofingen oder zu den günstigen Einkaufsmöglichkeiten in der Region.

«Joggen ist für mich Beziehung. Beim gemeinsamen Rennen ist es viel einfacher, miteinander zu sprechen.» Dabei war die Kommunikation zu Beginn gar nicht so einfach. Nur einer der Asylsuchenden aus Afghanistan konnte gut englisch, zwei rudimentär. Diese haben dann für ihre Landsleute übersetzt.

Mittlerweile spricht Samuel Wagner aber nur noch deutsch mit den Asylsuchenden. «Unglaublich, welche Fortschritte sie in dieser Zeit gemacht haben.»

Ein Freund sein

Samuel Wagner ist in Brittnau kein Unbekannter. Vor zehn Jahren hat er angefangen, als Sozialdiakon für die reformierte Kirchgemeinde zu arbeiten. Fünf Jahre lang war er im Storchendorf tätig mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit.

Seit fünf Jahren ist er nun für die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Brunnen-Schwyz tätig. Der Liebe wegen ist der im Baselbiet aufgewachsene Wagner in Brittnau wohnen geblieben. «Würde ich noch hier arbeiten, könnte ich mich nicht so für die Asylsuchenden engagieren», sagt Samuel Wagner.

Die Abgrenzung zwischen Arbeit und ehrenamtlicher Tätigkeit wäre dann kaum möglich. Jetzt ist er dafür umso engagierter um die Integration der Asylsuchenden bemüht. 15 Personen aus Afghanistan sind momentan in der Gemeinde untergebracht – Samuel Wagner steht vor allem mit den jungen, alleinreisenden Männern in Kontakt. Ihnen eine Tagesstruktur zu vermitteln, sei eines der Ziele, sagt Samuel Wagner.

Ein anderes, ihnen ein Freund zu sein. Zwischen 18 und 31 Jahre sind die Asylsuchenden alt und haben für ihr junges Alter schon einiges durchmachen müssen. Aktiv nach ihrer Vergangenheit fragt Samuel Wagner sie nicht. «Wenn sie aber das Bedürfnis haben zu sprechen, dann bin ich da», sagt er.

Und dieses Bedürfnis ist immer mal wieder vorhanden. Per Whatsapp oder Viber steht der 38-Jährige mit den Asylsuchenden in Kontakt. Wenn diese ein offizielles Schreiben erhalten, beispielsweise vom Kanton, schicken sie ihm eine Fotografie davon und lassen sich erklären, was das für sie bedeutet.

Günstig einkaufen

Samuel Wagner engagiert sich nicht alleine für die Asylsuchenden. Unter der Leitung von Eva Hartmann haben sich zwei Gruppen mit ehrenamtlichen Helfern aus dem Dorf gebildet: Sechs Personen organisieren den Deutschunterricht, weitere elf Personen unterstützen die Afghanen bei der Integration. Da gehören auch gemeinsame Abendessen dazu.

In guter Erinnerung ist Samuel Wagner das Nouruz-Fest geblieben, das afghanische Neujahr. Die Asylsuchenden haben für die Schweizer gekocht, die Schweizer die dafür nötigen Lebensmittel zur Verfügung gestellt. «Es war gar nicht so einfach, alles zu besorgen», erinnert sich Samuel Wagner.

Gerade beim Einkaufen werde ihm immer wieder bewusst, mit welchen Mitteln die Asylsuchenden haushalten müssten: 10 Franken bekommen sie pro Tag. «Wenn ich im Coop Pouletbrüstchen kaufe, habe ich ihr Tagesbudget bereits aufgebraucht und sonst noch nichts gekauft», sagt er nachdenklich. Deshalb hat er den jungen Männern auch schon die günstigen Einkaufsmöglichkeiten in der Region gezeigt: Den Denner in Strengelbach beispielsweise.

Schweizer Fans

Beim montäglichen Joggen mit den Afghanen ist es nicht geblieben. Samuel Wagner hat die Asylsuchenden schätzen gelernt – und unternimmt mit ihnen auch sonst mal etwas. Immer mit dem Fokus, die Integration zu fördern, ihnen ihr Gastland vertraut zu machen. So hat er gemeinsam mit einigen Asylsuchenden während der Europameisterschaft das Public Viewing besucht. Dies habe den Asylsuchenden sehr gut gefallen. «Die Afghanen und die Kinder haben bei den Schweizer Goals am lautesten gejubelt», erzählt Samuel Wagner lachend.