Kaliumiodid
Im Fall eines Atomunfalls: Jodtabletten bringen bei Erwachsenen nichts

Der Bundesrat hat beschlossen, dass Jodtabletten im Umkreis von 50 Km eines Atomkraftwerk abgegeben werden. Für den Fall eines Atomunfalls wird die Aargauer Bevölkerung flächendeckend versorgt. Angeblich ist die Wirkung bei Erwachsenen ungenügend.

Urs Moser
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Im Herbst wird die Bevölkerung mit neuen Jodtabletten eingedeckt.

Im Herbst wird die Bevölkerung mit neuen Jodtabletten eingedeckt.

Lukas Brügger

Der Bundesrat hat eine Änderung der Jodtablettenverordnung beschlossen. Neu werden Jodtabletten im Umkreis von 50 statt 20 Kilometern eines Kernkraftwerks flächendeckend abgegeben – für den Aargau heisst das ausnahmslos an alle Haushaltungen. Im Herbst beginnt die Verteilaktion. Sie kostet rund 30 Millionen Franken, zu bezahlen von den Kernkraftwerkbetreibern.

Ü40: Tabletten sind unwirksam

Jodtabletten schützen nicht vor der Strahlenkrankheit, sie sollen aber wenigstens das Risiko verringern, an Schilddrüsenkrebs durch die Aufnahme von radioaktivem Jod zu erkranken. Was der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist: Für einen Grossteil der Bevölkerung würde es bei einem Atomunfall dennoch keine Rolle spielen, ob man die Tabletten schluckt oder nicht.

«Jenseits des 40. Lebensjahres, wahrscheinlich sogar schon jenseits des 20. Lebensjahres bringt die Einnahme eigentlich nichts», sagt Lukas Frey, leitender Arzt am Institut für Nuklearmedizin des Kantonsspitals Aarau.

Mit zunehmendem Alter werde die Schilddrüse strahlenresistenter, erklärt der Arzt dazu. Allerdings würden die Tabletten Erwachsenen in aller Regel auch nicht schaden.

Hauptwirkung bei Kinder und Jugendlichen

Frey will daher die Verteilaktion auf keinen Fall kritisieren. Nur wäre es für ihn angezeigt, breiter darüber zu informieren, dass die Jodtabletten ihre Hauptwirkung bei Kindern und Jugendlichen haben, bei denen das Schilddrüsenkrebs-Risiko im Fall eines Atomunfalles zehnfach höher wäre als bei Erwachsenen.

Er befürchtet nämlich, dass es im Ernstfall gerade umgekehrt laufen könnte: Dass die Erwachsenen die Tabletten schlucken und sie den Kindern nicht abgeben, weil sie denken, sie könnten ihnen schaden. Eine Befürchtung, die man beim Bundesamt für Gesundheit BAG offenbar nicht teilt.

Es bestätigt zwar, dass die Jodtabletten gerade für Kinder eine sehr sinnvolle und wirksame Massnahme sind und mit zunehmendem Alter bei der Einnahme von Kaliumiodidtabletten sogar das Risiko von Nebenwirkungen in Form einer vorübergehenden Schilddrüsen-Überfunktion steigt.

Einige Ausnahmemeinungen

Verschiedene Experten würden aber die Einnahme dennoch auch für über 45-Jährige empfehlen, wenn mit einer Strahlenabsorption von über 1 Gray zu rechnen ist (Einheit der Energiedosis durch Strahlung).

Kommt hinzu: Bei der Verteilung im Einzelfall zwischen Haushalten mit Kindern, jungen Erwachsenen oder älteren Menschen zu unterscheiden, wäre schlicht zu kompliziert. Und: «Im Katastrophenfall könnte man kaum kommunizieren, dass für die älteren Leute keine Jodtabletten bereitstehen», so BAG-Sprecherin Katrin Holenstein.