Bauboom

Im Aargau stehen 7323 Wohnungen leer – Vermieter locken schon mit Geschenken

Im Kanton Aargau werden fleissig neue Wohnungen gebaut, gleichzeitig steigt der Leerwohnungsbestand. Um die Wohnungen zu vermieten, locken Besitzer mit Geschenken. Profitieren können Mieter, die auch abseits der Zentren suchen.

Zig neue Mehrfamilienhäuser, wo früher Weiden und Wiese waren. Das Quartier Esterli-Flöösch in Staufen steht stellvertretend für den Bauboom im Kanton Aargau. 4887 Millionen Franken wurden gemäss Baustatistik im Jahr 2015 für Bauprojekte ausgegeben. Eine Zunahme um 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zunahme sei in erster Linie auf den Wohnungs- und auf den übrigen Privatbau zurückzuführen, heisst es in der Medienmitteilung des Departements Finanzen und Ressourcen. Beim Kanton geht man davon aus, dass die Bauinvestitionen auch 2016 weiter zugenommen haben.

Die vielen neuen Wohnungen, nicht nur in Staufen, sondern auch in anderen Gemeinden sind zwar fertig, aber viele stehen noch leer. Niemand will einziehen. Ein Problem, das zurzeit vielen Immobilienbesitzern zu schaffen macht. Auf Portalen wie Immoscout24 versuchen sie verzweifelt, potenzielle Mieter mit Geschenken anzulocken. Eine Wohnung in einem Neubau in Dottikon wird mit den Worten «Sofort einziehen und erst ab Februar 2018 bezahlen!!!» angepriesen. In Erlinsbach setzen die Vermieter anstatt auf drei Ausrufezeichen auf Grossbuchstaben und versprechen: «3 MONATE GRATIS LEBEN!» Solche Zückerli – es können auch Gratis-Staubsauger, -E-Bikes oder -Flachbildfernseher sein – sind ein letzter Versuch der Immobilienbesitzer, die Wohnungen loszuwerden, ohne die Miete zu senken.

Für die Mieter sind das gute Aussichten. Sie können von den hohen Leerständen profitieren, sofern sie nicht in einer Stadt wie zum Beispiel Baden auf Wohnungssuche sind. Dort sind die leeren Wohnungen nämlich weiterhin Mangelware. In der Peripherie hingegen haben sie mehr Auswahlmöglichkeiten und damit höhere Chancen, eine Wohnung zu bekommen.

Höchster Wert seit 20 Jahren

Der Grund für den Überschuss an Wohnungen sind die tiefen Zinsen. Sie führen dazu, dass in den Wohnungsbau investiert wurde und wird. Immobilien gelten als attraktive Anlage, weil es schwieriger wird, Geld gewinnbringend anzulegen. Aber die Nachfrage nach neuen Wohnungen wächst nicht gleich stark, unter anderem weil die Zuwanderung abgenommen hat. Das führt dazu, dass immer mehr Wohnungen leer stehen. Und der «Blick» diese Woche bereits titelte: «Hier entstehen die nächsten Geistersiedlungen».

Einige Gemeinden im Aargau haben gute Chancen auf einen Platz auf der Liste der zukünftigen Schweizer Geistersiedlungen. Der Kanton kommt schweizweit nach Solothurn und Appenzell Innerhoden auf die dritthöchste Leerwohnungsziffer. Dieser Wert misst den Anteil der leer stehenden Wohnungen am Gesamtwohnungsbestand per 31. Dezember des Vorjahres. Im Aargau stieg die Leerwohnungsziffer dieses Jahr um 0,16 Prozentpunkte auf 2,34 Prozent. Der Wert war seit 1998 nicht mehr so hoch. Damals betrug er 2,38 Prozent. Am 1. Juni 2017 standen im Aargau von den 312 678 Wohnungen 7323 leer. Das sind 636 Einheiten oder 9,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Diese Zunahme sei sowohl durch eine Steigerung der Leerstände in Neubauten, in höherem Mass aber durch solche in Altbauten bedingt, heisst es in der Baustatistik des Kantons. Die Leerwohnungsziffern variieren nicht nur von Kanton zu Kanton, sondern auch in den einzelnen Gemeinden. Im Aargau reichen sie von 0,06 Prozent in Hausen im Bezirk Brugg bis zu 11,11 Prozent in Rümikon im Bezirk Zurzach.

Donato Scognamiglio, CEO der Immobilienberatungsfirma IAZI mit Sitz in Zürich, zeigte in seinem Referat am Donnerstagabend am Bau- und Wirtschaftskongress der Aargauischen Kantonalbank (AKB) auf, wo der Mietwohnungsmarkt zu kippen droht. Der Aargau gehört zur Gefahrenzone. Unter den zehn Orten mit dem höchsten Leerstand-Risiko-Indikator sind gleich drei Aargauer Gemeinden: Buchs, Menziken und Reinach. Dass Donato Scognamiglio nicht empfiehlt, an Orten mit vielen leeren Wohnungen zu investieren, brachte er mit einem Wortspiel zu Kölliken – 105 leere Wohnungen, Leerwohnungsziffer 5,26 – auf den Punkt: «Wenn ich sehe, wie da gebaut wird, macht mir nicht nur der Name der Ortschaft Bauchweh.»

Einfamilienhäuser nur für Reiche

Im Gegensatz zu Mehrfamilienhäusern sind Eigenheime gemäss Donato Scognamiglio «attraktiv». Das Problem sei jedoch, dass sie zunehmend unerschwinglich seien. Ein Musterhaus in Aarau – freistehend, Baujahr 2005, 143 m2 Fläche und zwei Bäder – sei heute 13 Prozent teurer als vor fünf Jahren und 32 Prozent teurer als vor zehn Jahren.

Zwar ist das Musterhaus im Aargau im Vergleich zu Zürich, wo das Haus 2,1 Millionen Franken kostet, günstiger. Aber die 1,1 Millionen Franken, die man in Baden oder Aarau in die Hand nehmen müsste, sind ein stolzer Betrag. Auch im weniger städtischen Windisch kostet das Musterhaus noch 941'000 Franken. «Da muss man entweder sehr, sehr viel verdienen oder neben den Eltern müssten auch noch die Kinder und Haustiere zum Haushaltseinkommen beitragen», sagte Donato Scognamiglio.

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