Prozess
Gericht steht vor einer schwierigen Frage: Wer hat morgens um 3.45 Uhr mit dem Messer zugestochen?

Vor dem Bezirksgericht Baden wurde der Überfall auf einen Escort-Unternehmer verhandelt, der dabei mehrere gefährliche Messerstiche davontrug. Offen ist, welcher der drei Dominikaner, die ihn in Killwangen überfielen, der Messerstecher ist.

Fabian Hägler
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Wer hat beim Überfall auf einen Escort-Unternehmer im Sommer 2014 mit dem Messer auf das Opfer eingestochen?

Wer hat beim Überfall auf einen Escort-Unternehmer im Sommer 2014 mit dem Messer auf das Opfer eingestochen?

Symbolbild: Fotolia

Sonntag, 1. Juni 2014, 3.45 Uhr, in einem Waldstück oberhalb von Killwangen: Joel F., Luis C. und Felix G., drei Männer aus der Dominikanischen Republik, sitzen in einem Auto. Sie warten darauf, dass André R. endlich das Licht löscht und einschläft - denn das Trio will den Escort- Unternehmer überfallen. Sie vermuten Drogen bei André R., darauf sind sie aus.

Ihr Plan: Einer soll die Türe zum Haus mit einem Geissfuss und einem Messer leise öffnen, der zweite soll André R. fragen, wo die Drogen sind und ihn notfalls mit einem Elektroschockgeräte ausser Gefecht setzen, der dritte soll ihn mit Klebeband fesseln und dann die Wohnung nach dem Stoff durchsuchen.

Doch der Plan geht schief: Die Türe lässt sich mit den Einbruchswerkzeugen nicht leise öffnen, deshalb rammt das Trio diese mit einer Löwenstatue aus Stein auf, die sie vor Ort finden. Das verursacht natürlich Lärm, André R. erwacht – und findet sich nach drei Tagen im Koma schwer verletzt im Kantonsspital Baden wieder. Später erzählt André R. mehreren Medien, die Unbekannten hätten 13 Mal auf ihn eingestochen.

Keine Zeugen, kein Beweis und nur Anwälte vor Gericht

Für das, was in seiner Wohnung passierte, als die Dominikaner eingedrungen waren, gibt es keine Zeugen. Es gibt auch keine Beweise, eine Tatwaffe wurde nie gefunden. Dafür gibt es zwei Versionen des Tathergangs, die sich diametral unterscheiden: Jene von Joel F. und Luis C., die wegen des Überfalls bereits rechtskräftig verurteilt sind, und jene von Felix G., dem die Staatsanwaltschaft versuchten Mord vorwirft.

Am Donnerstag fand vor dem Bezirksgericht Baden die Verhandlung gegen Felix G. statt, wobei weder der Dominikaner als Beschuldigter, noch seine Komplizen als Zeugen, oder André R. als Opfer anwesend waren. Der Angeklagte liess sich aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig dispensieren, der Geschädigte erschien nicht, weil die Konfrontation mit Felix G. für ihn zu belastend gewesen wäre, die beiden Mittäter hatten schon früher im Verfahren keine Fragen der Verteidigung beantwortet.

So sassen sich vor dem fünfköpfigen Gericht unter Leitung von Daniel Peyer drei Anwälte gegenüber: Staatsanwalt Marc Dellsperger, der eine 14-jährige Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes für Felix G. forderte, Michael Hunziker, der namens von André R. eine Genugtuung von 70 000 Franken verlangte, und Pascal Veuve, der als amtlicher Verteidiger des Dominikaners einen Freispruch beim Mordversuch und eine bedingte zweijährige Freiheitsstrafe für einfachen Raub beantragte.

Urteil am Freitag - wem glaubt das Gericht?

Das Urteil gegen Felix G. wird erst heute Freitag bekannt gegeben – entscheidend dafür ist, welche Variante des Tathergangs das Gericht für glaubwürdig hält. Für Staatsanwalt Dellsperger ist klar, dass die Komplizen, die Felix G. während des Verfahrens schwer belasteten, den Ablauf korrekt wiedergeben.

Demnach soll Felix G. dem Opfer mit dem Elektroschocker zwei Stromstösse versetzt und mit einem Messer auf ihn eingestochen haben, weil André R. nicht sofort antwortete und sich zudem heftig wehrte. Als das Opfer sagte, die Drogen seien in der Küche, sei Felix G. dorthin gegangen und habe in einem Beutel im Reiskocher versteckt Kokain gefunden.

Damit sei er ins Wohnzimmer zurückgekommen, wo André R. blutend auf dem Sofa lag. Felix R. sei enttäuscht gewesen über die kleine Menge Drogen und habe erneut auf das Opfer eingestochen.

Tod in Kauf genommen oder das Opfer beschützt?

«Der Beschuldigte nahm in Kauf, das Opfer durch die Messerstiche zu töten», sagte der Staatsanwalt. Felix G. sei perfid und rücksichtslos vorgegangen. «Er war bereit, über Leichen zu gehen, nur um einen finanziellen Vorteil zu erzielen», sagte Dellsperger.

Nur dem Zufall sei es zu verdanken, dass das Opfer überlebt habe. Zudem sei es kein einfacher, sondern ein qualifizierter Raub: Die drei Täter hätten den Überfall detailliert geplant, mit dem Elektroschocker sei zudem eine gefährliche Waffe eingesetzt worden.

Verteidiger Veuve hält einen anderen Tathergang für wahrscheinlich, der Felix G. massiv entlasten würde. Dieser habe zwar André R. mit dem Elektroschocker zwei Stromstösse versetzt, ihn aber nicht mit einem Messer attackiert.

Vielmehr sei Felix G. in die Küche gegangen und habe dort nach den Drogen gesucht – in diesem Moment sei die Situation im Wohnzimmer eskaliert. Joel F. und Luis C. hätten auf das Opfer eingestochen, weil sich André R. offenbar vehement gewehrt hatte.

Die Aussagen der zwei Komplizen seien sehr widersprüchlich, stellte der Verteidiger fest. So wolle einer von ihnen gesehen haben, wie Felix G. auf dem Opfer kniete und auf André R. einstach, während der andere sagte, der Dominikaner und das Opfer seien gestanden.

Zudem habe Felix G. zwar Blut am Traineroberteil gehabt, das er beim Überfall trug, aber nicht an den Handschuhen, sagte der Verteidiger. Dies spreche dagegen, dass er ein Messer in der Hand gehabt und zugestochen habe.

Schliesslich könne er das Opfer nicht gleichzeitig festhalten, mit dem Elektroschocker attackieren und ihm Messerstiche zufügen – dafür hätte er keine Hand frei gehabt. Felix G. habe zudem kein Messer mitgeführt. Und es sei kein Motiv für die Messerstiche ersichtlich, so Veuve: «Er wollte nur, dass der Geschädigte ihm sagt, wo die Drogen sind.»

Der Verteidiger stellte seinen Mandanten fast als Lebensretter von André R. dar: Felix G. habe einem Komplizen das Messer aus der Hand geschlagen und verhindert, dass dieser weiter auf das Opfer eingestochen habe. Insgesamt lasse sich die Schuld von Felix G. nicht bewiesen, daher sei dieser nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» freizusprechen.