Wenn die Schweiz von morgen zur Schule geht, gibt sie dem Lehrer die Hand. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse P6b in Waltenschwil gehen einzeln zu ihrem Klassenlehrer. «Grüezi Herr Kägi» – «Salü Simi».

Und wenn sie am Mittag nach Hause gehen, geben sie ihm die Hand, und wenn sie am Nachmittag wieder kommen, geben sie ihm die Hand. Nicht, weil sie es müssten – sondern, weil sie es wollen. «Wir haben ihnen das nie beigebracht», sagt Dominik Kägi. «Sie machen das von allein. Es gehört irgendwie einfach dazu.»

Während der Anstand immer dabei ist, muss das Smartphone zu Hause bleiben. Hat es jemand doch im Sack und es macht sich während des Unterrichts bemerkbar, muss es der Eigentümer oder die Eigentümerin eine Woche lang abgeben. Die Regel greift: Kägi kann sich nicht erinnern, wann er zuletzt ein Telefon beschlagnahmen musste.

Potenziell gefährdet wäre jedes Kind in seiner Klasse: Alle haben ein Smartphone, die meisten ein iPhone. Sie sind damit nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Laut dem Schweizerischen Roten Kreuz haben heute nur 2 von 100 Schweizer Jugendlichen kein Handy – 97 haben ein Smartphone.

Was früher auf dem Schulweg stattfand, wandert immer mehr in Whatsapp oder Instagram ab: «Social Media». «Eltern können (oder wollen) dem häufig nicht folgen und begleiten ihre Kinder darum selten optimal», schreibt das Rote Kreuz.

Der Satz steht in der Beschreibung des «Chili»-Medientrainings. Ziel des eintägigen Kurses: Mit einer Fachperson finden Schüler Antworten auf die Fragen der digitalen Medien: Wie gehe ich selbst damit um? Welche Gefahren gibt es? Was tun, wenn ich Missbrauch erlebe? Bin ich süchtig?

Sorglos im digitalen Leben

An diesem Dienstag in Waltenschwil heisst die Fachperson Uschi Wenger, ist 68 und Sozialpädagogin. Sie sagt: «Am PC sind die Jungen schneller als ich. Aber sie sehen nicht dahinter.» Heisst: Im «richtigen Leben» überlegen sich die Jugendlichen, wie sie sich benehmen – geben etwa dem Lehrer unaufgefordert die Hand.

Im digitalen Leben tun sie dies weniger, machen ein Selfie, stellen es auf Instagram und können weder wissen noch abschätzen, wie andere darauf reagieren. Uschi Wenger illustriert das Problem mit einem Spiel. Die Schüler sitzen in zwei Reihen hintereinander, wie in einem Bus.

Die Kursleiterin hält vier Karten in der Hand: grün, gelb, rot, blau. Für jede Farbe vereinbaren die Gruppen ein Zeichen, das mit dem Finger auf den Rücken vor einem «gemalt» wird. Der hinterste Schüler merkt sich die Farbe und gibt das Zeichen durch. Dort, wo es schneller und korrekt ankommt, sitzen die Sieger. Das Experiment zeigt: Schnell wird aus dem Dreieck ein Kreis, aus der Welle ein Kreuz. Anna sagt: «Ui. Der andere kann es ja immer falsch verstehen, wenn ich online etwas schreibe. Immer!»

Vorbereitet für den Ernstfall

In einem «Medienraster» schreiben die Schüler auf, welche Geräte sie wie oft nutzen. Die Schweiz von morgen ist auch eine neue Online-Generation: «TV: ein paarmal pro Woche; PC: ein bis zwei Stunden pro Monat; iPhone: täglich ca. 1 Stunde.» 

Uschi Wenger spielt einen Film ab. Er zeigt, wie ein Schüler gehänselt und zusammengeschlagen wird. Einer der Schläger filmt die Tat mit dem Handy und prahlt damit in der Schule. Das Opfer wehrt sich, zeigt seine Mitschüler an, diese werden vor die Schulleitung zitiert. Die Szenen sind gestellt, aber nicht realitätsfremd.

Lea sagt: «Ich würde dem Video sicher keinen Like geben.» Auf weissen Zetteln stehen Varianten, wie sie sich in dieser Situation helfen könnten, auf grünen Zetteln konkrete Aktionen. Die Schüler diskutieren mit der Kursleiterin. Sie finden, das Opfer im Film habe richtig gehandelt. Nadja sagt: «Das Opfer würde ja selbst zum Täter werden, wenn es sich mit einer Tat rächen würde.»

Sie sind froh, selbst noch nie einen Medienmissbrauch erlebt zu haben – aber auch froh, zu wissen, was sie im Ernstfall tun könnten. Etwa: sich Hilfe holen, Screenshots sichern, es sich zweimal überlegen, bevor man ein Bild oder ein Video weiterleitet. Simi etwa sagt: «Wenn ich ein Selfie mache, stelle ich es nicht mehr rein.»

Die Schüler sind sich einig: Künftig wollen sie wieder mehr offline sein, weniger posten. Und Uschi Wenger sagt nach Kursschluss: «Ich würde gerne ein halbes Jahr später nochmals vorbeigehen, um zu schauen, was aus den Vorsätzen geworden ist.»

Sind Ihre Kinder vorbereitet – diskutieren Sie mit!