Grosser Rat

Eine schlechte Zeit, um über die Standorte der Aargauer Berufsschulen zu richten

Der Grosse Rat in Aarau wird am Dienstag über die Standorte der Aargauer Berufsschulen debattieren.

Der Grosse Rat in Aarau wird am Dienstag über die Standorte der Aargauer Berufsschulen debattieren.

Nach einer langen Sommerpause tagt der Grosse Rat am Dienstag wieder. Auf der Traktandenliste steht das Standortkonzept für die Berufsschulen. Ein heisses Eisen, an dem man sich die Finger verbrennen kann.

Offen ausgesprochen wurde es von der Industrie- und Handelskammer: So wie sich das Standort- und Raumkonzept für die Sekundarstufe II (Mittel- und Berufsfachschulen) am Dienstag präsentiert, kann man es auch gleich sein lassen. «Eine spürbare Verbesserung bezüglich Qualität oder Kosten der Berufsfachschulen gegenüber dem Ist-Zustand wird nicht erreicht», so der Wirtschaftsverband. Der Grosse Rat solle daher gar nicht erst auf die Vorlage eintreten.

So dürfte es am Dienstag auch mit grosser Wahrscheinlichkeit herauskommen. Niemand ist mit den Vorschlägen der Regierung, die von der Bildungskommission noch einmal zerzaust wurden, wirklich zufrieden. Und weil es kaum einheitliche Parteilinien gibt, sondern vor allem um regionale Befindlichkeiten geht, dürfte man sich auch schwerlich auf eine Stossrichtung für einen Auftrag einigen können, mit dem die Vorlage noch einmal zur Überarbeitung an die Regierung zurückzuweisen wäre. Gar nicht erst auf das Geschäft einzutreten und es damit vom Tisch zu wischen, wäre die logische Konsequenz. So wie es aussieht, waren fünf Jahre Projektarbeit im Departement von SVP-Bildungsdirektor Alex Hürzeler für die Katz.

Der Spareffekt ist gering

Darum geht es: Der Regierungsrat erteilte dem Bildungsdepartement 2011 den Auftrag, die Berufsschullandschaft im Aargau mit drei Zielsetzungen neu zu ordnen: eine gleichmässigere und insgesamt höhere Auslastung des Schulraums; eine Verteilung der Berufe auf die Berufsfachschulen, welche die Bildung von Kompetenzzentren fördern; eine Reorganisation der Berufsfachschulen, die den Bedürfnissen der Regionen Rechnung trägt.

Herausgekommen ist nach heftigen Auseinandersetzungen ein moderater Kompromiss mit möglichst wenig regionalpolitischen Opfern: Brugg und Zofingen sollen die kaufmännische, Wohlen die gewerblichindustrielle Berufsschule verlieren. Zudem soll die Wirtschaftsmittelschule an der Alten Kanti in Aarau an die Kantonsschule in Zofingen verlegt werden.

Das Sparpotenzial dieser Lösung wird auf noch knapp zwei Millionen geschätzt, ins Auge gefasst hatte man sechs Millionen. Die Bildungskommission des Grossen Rats lehnt allerdings auch die Schliessung des KV-Standorts Brugg und die Verlegung der Wirtschaftsmittelschule von Aarau nach Zofingen ab.

Geschäft kommt zur Unzeit

«Der Berg hat eine Maus geboren – oder nicht mal das», konstatiert FDP-Fraktionschef Bernhard Scholl nun vor der heutigen Beratung des Geschäfts im Grossen Rat. Die Fraktionen legen ihre Haltung erst am Dienstag früh definitiv fest, aber er könne sich kaum vorstellen, dass das Geschäft zu Ende beraten wird, so Scholl. Für ihn gibt es bei dieser Vorlage allerdings ohnehin «keine Parteien-, sondern nur Regionen-Vertreter».

Er sehe nur Nichteintreten oder allenfalls eine Rückweisung als realistische Varianten. Dass die Reform wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt ist, sei zwar schade, angesichts der bevorstehenden Wahlen aber auch verständlich. Denn so kurz vor den Wahlen will sich kaum ein Grossrat dem Vorwurf aussetzen, gegen die Interessen seiner Region gestimmt zu haben. Auch Dieter Egli, Co-Präsident der SP-Fraktion, rechnet deshalb damit, dass eine Mehrheit seiner Fraktion zu Nichteintreten tendieren wird. «Das Timing für dieses Geschäft ist nicht optimal», meint er. Will heissen: Gleich vor den Wahlen ist man nicht bereit, sich für eine Lösung zu exponieren, die für einen kleinen Effekt viel durcheinander wirbelt.

Unbehagen über die Pläne

Man kann sich umhören, wo man will, es tönt überall ähnlich. Wenn er sich in seiner Fraktion umschaue, gebe es kaum noch jemanden, der sich für die Variante der Regierung oder jene der Bildungskommission stark macht, sagt SVP-Fraktionspräsident Jean-Pierre Gallati. Auch CVP-Fraktionschef Peter Voser will bei seinen Leuten ein Unbehagen über die Pläne der Regierung spüren.

«Ich gehe eher davon aus, dass es einen Nichteintretensentscheid geben wird.» Der Schwachpunkt des Standortkonzepts ist für ihn augenfällig: «Es verärgert alle – ohne dass tatsächlich viel passiert.» Irène Kälin, Fraktionspräsidentin der Grünen, lässt kaum ein gutes Haar an der Vorlage: Entweder zentralisiere man die Berufsschullandschaft gleich konsequent oder dann könne man sie auch belassen, wie sie sei.

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