Coronavirus
«Eine Grenzschliessung darf nie mehr passieren»: Stattdessen also testen? So reagieren die Aargauer Firmen

Die Politik will Grenzgänger regelmässigen Tests unterziehen. Die Firmen, in denen sie arbeiten, sollen sie testen. Die Reaktionen in der Wirtschaft reichen von Unverständnis bis hin zur Forderung nach überbetrieblichen Lösungen.

Sébastian Lavoyer
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Die Angst vor eingeschleppten Virusmutationen wächst, und mit ihr werden die Rufe nach verschärften Kontrollen an der Grenze laut – im Bild der Zoll in Koblenz

Die Angst vor eingeschleppten Virusmutationen wächst, und mit ihr werden die Rufe nach verschärften Kontrollen an der Grenze laut – im Bild der Zoll in Koblenz

Samuel Buchmann

«Im Bürgerdialog haben uns viele Menschen klar gesagt: ‹Eine Grenzschliessung darf nie mehr passieren, das war schlimmer als im 2. Weltkrieg›», sagte die Lörracher Landrätin Marion Dam­mann Anfang Dezember im Interview mit der AZ. Trotzdem sollen die Grenzen wegen Corona wieder weniger durchlässig werden. Die Präsidenten aller grossen Parteien fordern vom Bundesrat ein strengeres Grenzregime, wie die «Sonntagszeitung» publik machte.

Damit dies nicht zu einem riesigen Chaos führt, so der Plan der überparteilichen Allianz, sollten die Grenzgängerinnen und -gänger regelmässig in den Schweizer Firmen getestet werden, in denen sie arbeiten. Es sei notwendig, dies alle drei Tage zu tun.

Aargau zählt 14'500 Grenzgänger, 80 Prozent davon aus Deutschland

Nun hängt die Aargauer Wirtschaft sehr ausgeprägt von Grenzgängern ab. Im September 2020 arbeiteten laut Bundesamt für Statistik rund 14'500 Grenzgängerinnen im Kanton. Ungefähr 80 Prozent kommen aus Deutschland. Die mit Abstand meisten Grenzgänger arbeiten in der Pharma-Hochburg Kaiseraugst, auf den Rängen folgen Rheinfelden und Baden.

Die AZ hat bei systemrelevanten Firmen und Arbeitgebern im Aargau nachgefragt, die mehr oder weniger Grenzgänger beschäftigen. Wir wollten wissen, was sie davon halten würden, wenn der Bundesrat auf die Forderungen der Parteichefs einginge.

Rund ein Drittel der Novartis-Angestellten sind Grenzgänger

Bei Roche in der Pharma-Hochburg Kaiseraugst arbeiten die meisten im Homeoffice. Die verbleibenden Mitarbeitenden, insbesondere in der Produktion und in der Forschung, würden unter Einhaltung strenger Sicherheits- und Hygieneregeln arbeiten. Sie seien unverzichtbar für das Unternehmen und die Versorgung der Bevölkerung. Deshalb würde man diese Leute schon heute an den jeweiligen Standorten Corona­tests unterziehen, wie Mediensprecherin Nina Maehlitz mitteilt. Ob man Verständnis für Verschärfungen hätte, dazu will Roche nichts sagen. Man kommentiere die politische Debatte nicht.

«Testen wäre mit viel Aufwand verbunden»

Rund ein Drittel der 11'900 Novartis-Angestellten in der Schweiz sind Grenzgänger aus Frankreich und Deutschland. Man verfolge die politische Diskussion. Aber ohne Kenntnis der genauen Ausgestaltung allfälliger Massnahmen möchte man keine Stellung beziehen zu unseren Fragen, so Mediensprecher Satoshi Sugimoto.

«Eine Verschärfung an der Landesgrenze wäre ziemlich willkürlich»

Anders bei Siegfried aus Zofingen. Obwohl weiter weg von der Grenze und weniger abhängig von Grenzgängerinnen (rund 10 Prozent, also 60 von 600 Siegfried-Mitarbeitenden kommen aus dem Ausland zur Arbeit), scheut sich Kommunikationschef Peter Gehler nicht vor einem klaren Statement. Man teste bereits heute breit und intensiv, wenn jemand positiv getestet würde. Aber: «Grenzgänger grundsätzlich alle drei Tage zu testen, wäre mit sehr viel Aufwand verbunden. Man muss sich immer vor Augen halten, dass es viel Fachpersonal braucht, um diese Tests durchzuführen, und dass das Ganze auch noch administrativ unter Kontrolle gehalten werden muss.»

«Wir sehen nicht, dass Landesgrenzen dafür taugen, um gegen Corona vorzugehen», so Gehler. Es gäbe ja auch Unterschiede zwischen den Kantonen und Gemeinden. Trotzdem schreie da niemand nach einer Schliessung oder Verschärfung. «Eine Verschärfung an der Landesgrenze wäre demnach ziemlich willkürlich und eher politisch als sachlich begründet», schliesst Gehler.

Forderung nach Koordination durch den Kanton

Bei den Kantonsspitälern könnte man einen signifikanten Ausfall von deutschen Arbeitnehmenden nicht kompensieren, sagte Regierungsrat Jean-Pierre Gallati im Dezember. Dies, obwohl der Anteil der Grenzgänger niedriger ist als in der Pharma. Am Kantonsspital Baden arbeiten rund 130 Grenzgänger, was fünf Prozent der Belegschaft entspricht. Sie spielen eine «fundamentale Rolle» bei der lokalen Gesundheitsversorgung, wie Sprecher Omar Gisler sagt. Das Kantonsspital Aarau ist weniger von Grenzgängern abhängig (50 von 5000 Mitarbeitenden). Da beide über Test-Infrastruktur verfügen, wäre es keine grosse Sache, auch eigene Mitarbeitende regelmässig zu testen, heisst es auf Anfrage. Wie sinnvoll das wäre, dazu wollen sich die Kantonsspitäler nicht äussern.

In Leibstadt könne man nicht auf sie verzichten

Betroffen wären auch die Atomkraftwerke. Rund 15 Prozent, also 70 von 460 Mitarbeitenden des AKW Beznau, sind Grenzgängerinnen und -gänger. Der Schutz der Mitarbeitenden sei seit Beginn der Pandemie von grösster Wichtigkeit, teilt ein Axpo-Mediensprecher mit. Man habe stets alle behördlichen Massnahmen zur Eindämmung unterstützt, alles umgesetzt. «Dies gilt auch für ein allfälliges Screening der Grenzgängerinnen und Grenzgänger. Entsprechende Vorabklärungen sind erfolgt und können umgesetzt werden.»

«Derzeit sind noch zu viele Fragen offen»

Das Atomkraftwerk in Leibstadt ist noch stärker auf Grenzgänger angewiesen, rund ein Viertel der 500 der Angestellten reist aus dem Ausland zur Arbeit. Man könne nicht auf sie verzichten, und man würde sie testen, wenn es verlangt würde. Doch Thomas Gerlach, Mediensprecher des Atomkraftwerks Leibstadt, sagt: «Angesichts von fast 14000 Grenzgängerinnen und Grenzgängern allein im Kanton Aargau sollte die Umsetzung betriebsübergreifend koordiniert werden. Dementsprechend wird die Politik sicher auch die Umsetzungsfrage in ihre Überlegungen mit einbeziehen müssen.»

Noch vorher muss sich der Aargau die Frage stellen, ob er überhaupt die Kapazitäten für mehr Tests hätte. Müsste man die rund 14500 Grenzgängerinnen und Grenzgänger jeden dritten Tag testen, würde das im Schnitt zu rund 5000 zusätzlichen Tests pro Tag führen. Ist dies mit den heutigen Zentren machbar? Kantonsärztin Yvonne Hummel: «Derzeit sind noch zu viele Fragen offen, deshalb kann ich mich noch nicht zu dieser Idee äussern.»