Podium
Ein Viertel mehr Wald im Aargau? Warum der Waldverantwortliche nicht begeistert ist

Sind Bäume die Antwort auf den Klimawandel? Experten diskutierten im Stapferhaus Lenzburg innovative Ideen einer Architektengruppe

Dominic Kobelt
Merken
Drucken
Teilen
Andreas Nütten, Martina Voser, Daniel Mosimann, Daniel Kolb, Ute Schneider , Fabian Dietiker, Rodderick Hönig und Martin Rufer diskutieren im Stapferhaus Lenzburg
15 Bilder
Das Podium war sehr gut besucht.
Es herrschte Maskenpflicht.
Die Einleitung machte Lukas Zumsteg mit einem Referat
Beat Schneider bei seiner Ansprache
Moderator Andreas Nütten stellte die Fragen. Es diskutierten...
Martina Voser
Daniel Mosimann, Stadtammann Lenzburg
Daniel Kolb
Ute Schneider, Stadtplanerin KCAP, Rotterdam Zürich
Fabian Dietiker
Rodderick Hönig, Leiter Edition Hochparterre
Martin Rufer, Präsident des Schweizer Bauernverbands
Das Podium stiess auf grosses Interesse.
Die Podiumsteilnehmer beleuchteten das Thema von unterschiedlichen Seiten.

Andreas Nütten, Martina Voser, Daniel Mosimann, Daniel Kolb, Ute Schneider , Fabian Dietiker, Rodderick Hönig und Martin Rufer diskutieren im Stapferhaus Lenzburg

Fabio Baranzini

Würden Sie gerne im Wald wohnen? Geht es nach der Architektengruppe «Bibergeil», wird dies in Zukunft möglich sein. Im Zukunftsplan «Forêt en plus» zeigen sie auf, wie der Kanton Aargau mit einem Viertel mehr Bäumen aussehen könnte, wie Siedlungs-, Landwirtschafts- und Waldfläche ineinander verwoben und die Nutzung modernisiert werden könnte. An einem Podium im Stapferhaus Lenzburg diskutierten Expertinnen und Experten diese Denkanstösse.

Gleich zu Beginn positionierte sich Fabian Dietiker, Leiter Abteilung Wald beim Kanton, in der Rolle des Spielverderbers: «Wir retten das Klima nicht mit Wald», stellte er fest. Die Studie fand er zwar anregend, und sie sei im Büro auch eifrig diskutiert worden, aber bei der Realisierung sehe er Probleme: «Damit Wald entsteht, braucht es Jahrzehnte bis Jahrhunderte – das ist ein Ökosystem, das wachsen muss. Zudem brennen weltweit grosse Flächen ab oder werden abgeholzt, dagegen ist die Fläche des Aargaus winzig. Wir müssen andere Hausaufgaben erledigen, um die Klimaerwärmung zu stoppen.» Er sei aber definitiv auch der Meinung, dass es mehr Grün brauche, besonders in den Siedlungsgebieten, sagte Dietiker.

Fabian Dietiker

Fabian Dietiker

Fabio Baranzini

Ist der Wald Erholungsraum oder Nutzfläche?

Im Lauf der Diskussion zeigte Dietiker sehr schön auf, warum ausgerechnet er als Wald-Verantwortlicher des Kantons seine Probleme mit den aufgezeigten Konzepten hat. Nicht die zusätzlichen Bäume, sondern die Durchmischung mit der Landwirtschaft und dem Siedlungsraum bereiten ihm Sorgen. «Ein grosser Teil unseres Trinkwassers kommt aus dem Wald, weil es da der Einsatz chemischer Stoffe stark reguliert ist.»

Bäume und Wiese im Quartier: Nebst mehr Wald sollen auch Wohngebiete grüner werden.
3 Bilder
Der «Central Park» ist wohl das markanteste Merkmal der Waldstadt Lenzburg.
Wenn Wohn- und Erholungsräume kombiniert werden: Ein mögliches Wald-Quartier der Zukunft.

Bäume und Wiese im Quartier: Nebst mehr Wald sollen auch Wohngebiete grüner werden.

Thorsten Beythien/FHNW

Landschaftsarchitektin Martina Voser machte sich für eine andere Denkweise stark: «Es ist absurd, Wald und Landwirtschaft zu trennen. Auch ein Wald ist bewirtschaftetes Land.» Es brauche nicht nur eine Verdichtung des Siedlungsraumes, sondern von Landschaft auf allen Ebenen, sagte sie. Dagegen werte sich Dietiker: «Waldboden können Sie nicht alle Jahre umpflügen, das ist einfach nicht dasselbe.» Früher seien die Wälder intensiver genutzt worden, genau deshalb sei das Waldgesetz entstanden, das diesen erhalten soll.

Martina Voser

Martina Voser

Fabio Baranzini

Martin Rufer, Direktor des Schweizer Bauernverbands, gab zu Bedenken, dass bereits jetzt pro Sekunde ein Quadratmeter Landwirtschaftsfläche verloren gehe. «Ich kann mir vorstellen, dass die Flächen künftig wieder enger zusammenwachsen, beispielsweise in Form von Waldweiden.» Rufer betonte aber: «Wir müssen schauen, dass wir den Wald in die Stadt bringen, nicht die Stadt in den Wald.»

Die bestehende Waldfläche im Kanton Aargau umfasst 49'000 Hektar Wald, was 36% der Kantonsfläche entspricht. Momentan stehen 17,6 Millionen Bäume.
3 Bilder
Zusätzlich sollen 12'000 Hektar Wald dazukommen. Das entspricht 25 Prozent der aktuellen Waldfläche. Rund 4,3 Millionen Bäume sollen so gepflanzt werden.
Mit dem zusätzlichen Wald soll sich die Fläche auf total 61'000 Hektar belaufen, was rund 45 Prozent der gesamten Kantonsfläche entspricht. Rund 21,9 Millionen Bäume soll es so im Kanton Aargau geben.

Die bestehende Waldfläche im Kanton Aargau umfasst 49'000 Hektar Wald, was 36% der Kantonsfläche entspricht. Momentan stehen 17,6 Millionen Bäume.

Abbildung: Gruppe Bibergeil

Auch Gesetze schränken Spielraum ein

Einigkeit herrschte darüber, dass in vielen Siedlungsgebieten mehr Pflanzen wünschenswert wären. Daniel Kolb, Kantonsplaner im Aargau, machte auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: «Es gibt Gesetze. Wenn der Baum zu Nahe an der Grundstücksgrenze des Nachbarn steht, darf dieser ihn fällen lassen. Vielleicht sind sie aber auch mal froh über dieses Gesetz, wenn Sie zum Beispiel eine Solaranlage auf ihrem Dach haben und der Baum des Nachbars seinen Schatten drauf wirft.»

Daniel Kolb

Daniel Kolb

Fabio Baranzini

Gleichzeitig zeigte er auf, wo ein weiterer Konfliktpunkt liegt: «Wir müssen heute verdichtet bauen. Da, wo früher ein Einfamilienhaus stand, steht heute ein Mehrfamilienhaus. Das braucht eine Tiefgarage, und die zieht sich bis an die Grundstücksgrenze – da kann man kaum noch Bäume drauf pflanzen», nannte er ein Beispiel.

Die Diskussion zeigte, dass viele der Ideen, die von den Architekten in «Forêt en plus» angedacht sind, in der Realität schwer umsetzbar sind. Nutzlos sind sie aber nicht: Sie können Anstösse für die Zukunft geben – und ein Umdenken ist nötig, darüber herrschte Einigkeit. Kolb spielte den Ball zurück ans Publikum: «Sie haben in den Gemeinden viel Einfluss auf die Bau- und Nutzungsordnung. Bringen Sie Ihre Ideen ein!»