Fahrende
«Dieses Jahr war für uns ein Rückschlag»

Das jenische Ehepaar Joseph und Margrit Gerzner, das mit ihrem Camper in den Wintermonaten in Spreitenbach haust, schaut zurück auf letzten Frühling, als ihr Protestcamp in Bern geräumt wurde.

Sarah Serafini
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Joseph und Margrit Gerzner mit ihren Enkelkindern. Die Familie Gerzner überwintert auf dem Standplatz für Fahrende in Spreitenbach.

Joseph und Margrit Gerzner mit ihren Enkelkindern. Die Familie Gerzner überwintert auf dem Standplatz für Fahrende in Spreitenbach.

Jiri Reiner

Von März bis Ende Oktober sind Joseph und Margrit Gerzner mit ihrem Wohnwagen unterwegs. Sie sind Jenische, Schweizer Fahrende. Joseph Gerzner ist Alteisenhändler.

Gibt es irgendwo Alteisen, das ausgewechselt werden muss, so ist er der Fachmann, der weiss, wie es richtig abmontiert wird. Margrit Gerzner ist Hausfrau.

Naht der Winter, kehrt das Paar nach Spreitenbach zurück und bezieht sein Winterquartier auf dem Standplatz für Fahrende, das ihm der Kanton vermietet. Hier bleibt es, bis das Pfeifen der Vögel im Frühling wieder auf die Fahrt lockt.

Dieses Jahr kamen die Gerzners spät zurück, erst im November. Sowieso sei dieses Jahr anders gewesen als sonst, sagt Joseph Gerzner: «Was im April in Bern passierte, war schlimm.» Das letzte Jahr sei für ihn ein Rückschlag gewesen.

Nicht nur ein persönlicher, auch ein historischer für alle Jenischen. Jahrzehntelang wurden Jenische geächtet und verfolgt. Man entzog ihnen die Kinder und gab sie in Pflegefamilien.

In den 70er-Jahren begann die Anerkennung ihrer Rechte. 1998 wurden sie als nationale Minderheit anerkannt. 2014 kam Bern. Für das Ehepaar Gerzner ein traumatisches Erlebnis.

Grosse Beteiligung an Protest

Die Gerzners sitzen auf dem Sofa in ihrem umgebauten Wohnwagen, der Platz für alles Nötige bietet. Eine moderne Küche, die Wände weiss gekachelt, ein Wohnschrank aus Holz, ein Flachbildfernseher an der Wand.

Die Familie der Gerzners wohnt nebenan, ebenfalls in umgebauten Wohnwagen. Zusammen sind es rund 30 Gerzners, die auf dem Standplatz überwintern.

Fällt die Türe zu, so hört man von der lärmigen Hauptstrasse fast nichts mehr. Gerzners Heim ist eine kleine Oase zwischen A1 und Limmat. Jedes Fenster ist mit Leuchtketten versehen, rote Samtmaschen sind an das Treppengeländer geknüpft.

Die sechs schwarzen Kunstlederstühle, die um den Esstisch stehen, sind mit übergrossen Weihnachtsmann-Mützen überzogen. Den Enkelkindern sagen die Gerzners, dass der Samichlaus wohl seine Kappe hier vergessen habe.

Joseph Gerzner blickt zurück auf die Ereignisse im April: Ein Protest für mehr Halteplätze. Als der Aufruf kam, sei klar gewesen, dass man mitmache. Denn das Ehepaar kenne das Problem. «Jedes Jahr wenn wir auf Fahrt gehen, beginnt das Theater aufs Neue», sagt Margrit Gerzner.

Ständig müsse man befürchten, dass die Plätze voll seien. Um ein Zeichen zu setzen, fuhren sie also mit ihrem Wohnwagen nach Bern und besetzten die Kleine Allmend.

Dort trafen sie Fahrende aus der ganzen Schweiz, 120 Familien seien es etwa gewesen. Bleiben durften sie nicht lange. Unter grosser medialer Aufmerksamkeit wurde das illegale Protestcamp polizeilich geräumt.

Rund 100 Polizisten kesselten die Fahrenden ein. Obwohl die Räumung kontrolliert und ohne Gewaltanwendung verlief, war die Situation für die Protestierenden unangenehm. Ältere Jenische sagten in Medienberichten, die Räumung habe dunkle Erinnerungen geweckt.

«Die Polizei hat mir eine Nummer auf den Handrücken geschrieben. Ich hatte keinen Namen mehr, sondern war nur noch diese Nummer.»

Margrit Gerzner ist auch acht Monate nach dem Vorfall noch so empört wie damals. Ihr Mann sagt: «Wir wussten nicht, wo unsere Grosskinder waren. Ich hatte Angst.»

Dabei hätten sie doch nur auf ihre Anliegen aufmerksam machen wollen. Joseph Gerzner schüttelt den Kopf. «Ich verstand die Welt nicht mehr.»

Viel Medienaufmerksamkeit

Die Räumung und die vielen Medienberichte verursachten eine Grundsatzdebatte über Schweizer Fahrende. Wer sind eigentlich diese Jenischen? Woher kommen sie? Wie leben Sie? Wie viel Platz brauchen sie?

«Frau Gerzner, können Sie einmal die Maccheroni ins Wasser werfen und mit der Kelle rühren?»

«Frau Gerzner, dürfen wir filmen, wie Sie den Wohnwagen putzen?»

«Frau Gerzner, schauen Sie noch einmal in die Kamera!» Margrit Gerzner seufzt.

«Nach diesem Jahr bin ich ein richtiger Medienprofi.» Nicht über alles, das berichtet wurde, sei sie glücklich. Vor allem die Bedienung alter Klischees nervt sie. «Die Leute vergessen, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Wir stinken nicht, haben keine zerlumpten Kleider, sondern leben so modern wie alle anderen auch.»

Jetzt aber blicken die Gerzners vorwärts. Weihnachten steht vor der Türe, ein neues Jahr bricht an. Gerzners sind römisch-katholisch und gehen jede Woche zur Messe. Heute Abend werden sie den Christbaum schmücken und ihn ins Wohnzimmer neben die kindshohe Madonnafigur aus Holz stellen.

Danach besuchen sie die Mitternachtsmesse. Wenn sie zurückkommen, werden die Enkelkinder geweckt und Geschenke ausgepackt. Sie werden Lieder singen, auf Deutsch und auf Jenisch.

Am 25. fahren sie ins Bündnerland zu Margrit Gerzners Eltern. Dort kommt immer dasselbe zum Abendessen auf den Tisch: Hühnchen und Knöpfli mit brauner Sauce – «eine Spezialität von uns Fahrenden», sagt Margrit Gerzner. Silvester wird das Paar wohl auf seinem Standplatz in Spreitenbach verbringen.

Was wünschen sich die Gerzners für das neue Jahr? Joseph Gerzner: «Meine Familie soll gesund sein, das ist mir das Wichtigste.» Margrit Gerzner: «Eigentlich bin ich wunschlos glücklich.» Nach kurzem Überlegen fügt sie an: «Doch, ich wünsche mir auch etwas für das nächste Jahr: Ich wünsche mir mehr Standplätze für Fahrende.»