Anpfiff. Der Kampf um den Europameistertitel beginnt. Portugal oder Frankreich – wer gewinnt Final und Pokal? Die Franzosen beginnen stark, machen sofort Druck, greifen an. Der erste Schuss aus der Distanz – und schon steht es 1:0. Keine zehn Sekunden sind gespielt.

Der Ball rollt nicht über den Rasen des Stade de France im Norden von Paris, sondern über eine Filzplatte auf einer Terrasse hoch über Boniswil. Hier mit Blick auf den Hallwilersee spielen drei Mitglieder der «Baden Hotspurs» den EM-Final vom Sonntagabend schon einmal vor: ein Orakelspiel auf einem Spielfeld im Massstab 1:100 – drei Tipp-Kicker statt Krake Paul. «Tipp-Kick ist Fussball komprimiert auf zehn Minuten», sagt Philipp Derungs.

Alles begann mit 16: Daniel Nater, Präsident der Baden Hotspurs, erzählt, wie er entdeckte, dass er mehr Talent in den Fingern als in den Beinen hat – und was ihn heute noch am Tipp Kick fasziniert.

Alles begann mit 16: Daniel Nater, Präsident der Baden Hotspurs, erzählt, wie er entdeckte, dass er mehr Talent in den Fingern als in den Beinen hat – und was ihn heute noch am Tipp Kick fasziniert.

Der Entfelder ist der beste Spieler des Landes, letzten Herbst gewann er den Schweizer-Meister-Titel. Doch an diesem Abend ist Derungs passiert, was einem Tipp-Kicker nicht passieren darf: Seine Spielfiguren sind zu Hause liegen geblieben. Der Albtraum jedes Spielers, bestätigen seine Teamkollegen Daniel Nater und Daniel Kaufmann, die deshalb das entscheidende Spiel übernehmen. Vereinspräsident Nater, weisses Poloshirt mit Logo der «Baden Hotspurs» und hochgestelltem Kragen, spielt Portugal; Kaufmann, schwarz-weiss gestreiftes Trikot mit Rückennummer 8, spielt Frankreich. Dani gegen Dany, «ein Derby», sagen sie.

Der Match ist spannend, das Tempo hoch. Die Franzosen starten einen Angriff nach dem anderen. Doch dann ein schneller Konter der Portugiesen, ein Kunstschuss weit aus der eigenen Platzhälfte: der Ausgleich. Portugal kommt besser ins Spiel, geht beinahe durch einen direkt getretenen Eckball in Führung. Im Gegenzug versuchen es die Gastgeber mit einem Aufsetzer – 2:1. Kurz vor der Pause eine Riesenchance für die Franzosen, die Verteidigung ist ausgespielt, Schuss aus nächster Nähe; der Goalie hält, die Zeit ist um. Knappe Führung zur Pause.

Direkt getretene Eckbälle bedeuten Gefahr.

Direkt getretene Eckbälle bedeuten Gefahr.

Warum der Einsatz der eigenen Figuren matchentscheidend ist, zeigt ein Blick in Daniel Naters Köfferli. Für jede Situation hat er den passenden Spieler dabei: Einen roten für die Schüsse aus der Distanz, einen schwarzen für gefühlvolle Vorlagen, einen blauen für Lupfer, einen gelben für seine Spezialität, die direkten Eckbälle. Dem «Piraten» – er hat anstelle eines rechten Fusses eine Haarnadel – sieht man sein Alter an, die Farbe blättert ab, doch die Schüsse kommen nach wie vor gefährlich aufs Tor. «Damit spiele ich schon seit 30 Jahren», sagt Nater. Und das mit Erfolg: Der 51-Jährige ist mehrfacher Schweizer Meister.

Wiederanpfiff nach der Pause, die Franzosen stürmen los und schiessen erneut ein frühes Tor: 3:1. Trotz der Führung halten sie sich nicht zurück, schiessen aus allen Lagen. Mit einem Schuss aus der eigenen Hälfte erhöhen sie auf 4:1. Nun wirft Portugal alles in die Offensive – und wird beinahe mit einem Tor belohnt, doch der Ball prallt an die Latte.

Tipp-Kick: Die Spieler und ihre Spezialitäten.

Tipp-Kick: Die Spieler und ihre Spezialitäten.

Erfahren und erfolgreich sind alle sechs Mitglieder des Vereins, der gleich nach der Gründung 2011 den Team-Wettbewerb zweimal in Serie gewann, jeder stand schon im Einzelfinal. Kurz: Die Aargauer Tipp-Kicker haben hierzulande alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Auch deshalb beantragten sie, in der deutschen Regionalliga Süd mitspielen zu dürfen – als einzige Schweizer Mannschaft.

Die Teams stimmten dafür, die südlichen Nachbarn aufzunehmen, unter der Bedingung allerdings, dass deren Heimspiele in Deutschland stattfinden. 200 bis 400 Kilometer reisen die «Hotspurs»-Spieler deshalb pro Match; der Lohn für die Strapazen in der Freizeit: starke Gegner, packende Spiele.

Für jede Situation einen Spieler.

Für jede Situation einen Spieler.

Deutschland ist Erfinder- und bis heute Tipp-Kick-Nation Nummer 1. Die grössten Vereine haben mehr Mitglieder als die insgesamt rund 100 aktiven Spieler in der Schweiz. Der «Lionel Messi des Tipp-Kicks», Normann Koch, ist denn auch Deutscher. Koch hat das sogenannte Farbspiel erfunden, das den Sport revolutioniert hat. Dabei wird der eckige Ball so geschossen, dass die richtige Seite oben liegt; schwarz oder weiss entscheidet darüber, wer in Ballbesitz ist. «Früher war Tipp-Kick eine Glückssache, heute ist das anders», sagt Daniel Nater. Wer erfolgreich sein will, braucht Talent, aber auch viel Übung, da unterscheidet sich der kleine nicht vom grossen Fussball – keine Pokale ohne harte Arbeit.

Eine (fast ganze) Halbzeit Tipp-Kick mit zwei Toren.

Eine (fast ganze) Halbzeit Tipp-Kick mit zwei Toren.

Die nächste Chance auf weitere Titel bietet sich den «Baden Hotspurs» im Herbst, für den Cupfinal sind sie bereits qualifiziert, in die Schweizer Einzelmeisterschaft starten sie dieses Jahr mit Heimvorteil. Im Hotel Geroldswil, wo sie trainieren und dessen Namen als Sponsor auf den Trikots prangt, organisieren sie den Wettkampf. Erwartet werden um die 50 Teilnehmer, deutlich weniger als noch vor rund 20 Jahren.

Zu Spitzenzeiten seien bis zu 300 Spieler aktiv gewesen, sagt Daniel Kaufmann, der bereits in den 80er-Jahren als Teenager einen Club in Wettingen gegründet hatte. «Damals reichte die Mitgliederzahl, um je eine Mannschaft in der höchsten und zweithöchsten Liga zu stellen.»

Doch wie so viele Sportarten plagen auch die Tipp-Kicker Nachwuchssorgen. Eine Zeiterscheinung, sagen sie. Gegen das immer breitere Freizeitangebot zu bestehen, ist für das fast hundertjährige Spiel schwierig. Dazu komme, fügt Daniel Nater an: «Tipp-Kick ist eine Randsportart und wird es immer bleiben.»

Schüsse aus der Nähe sind schwer zu halten.

Schüsse aus der Nähe sind schwer zu halten.

Die Zeit wird knapp für die Portugiesen, drei Tore Rückstand und bald ist Schluss. Ein Eckball kommt gefährlich aufs französische Tor, der Ball bleibt allerdings am Verteidiger hängen. Die letzte Minute läuft. Mit Distanzschüssen wollen Ronaldo & Co. die Niederlage noch abwenden – ohne Erfolg. Das Spiel ist aus: 4:1. Frankreich ist Europameister.

Mit den Franzosen als Gewinner können die Tipp-Kicker gut leben – «Hauptsache nicht Deutschland»–, weniger gut kann der Präsident hingegen mit seiner Niederlage leben, er fordert sogleich zur Revanche heraus.