Schicksal

Der Traum vom Fliegen kostete ihn das Gehen

Jakob Blaser aus Schafisheim ist seit einem Absturz mit dem Segelflugzeug im Jahr 2009 querschnittgelähmt. Den Traum vom Fliegen hat er nicht ganz begraben: Noch immer fliegt er als aufmerksamer Passagier. Der harte Kampf zurück ins Leben.

Jakob Blaser packt ein paar Holzscheite in den Schwedenofen. Er wirft einen brennenden Zündwürfel hinein und schliesst die Ofentür.

Den Belüftungs-Regler am Abzugsrohr stellt seine Ehefrau Barbara ein. Der 64-Jährige weist sie dabei an. Auch für den Holznachschub ist sie besorgt.

Für Jakob Blaser selber ist der Abzug in unerreichbarer Höhe, das Holz nur sehr mühsam in die Stube zu holen. Er ist seit einem Absturz mit dem Segelflugzeug vor gut viereinhalb Jahren Paraplegiker und sitzt heute im Rollstuhl.

Nach dem Absturz folgte eine Zeit voller Ungewissheit. Vor allem für Jakob Blasers Umfeld, seine Frau und die beiden gemeinsamen Söhne. Schwer verletzt war Jakob Blaser am 24. Mai 2009 nach dem Unfall ins Kantonsspital Aarau eingeliefert worden - Verletzungen am Rückenmark, ein zerschmettertes Fussgelenk, gebrochene und gequetschte Rippen und ein Oberschenkelbruch.

Als er seine Umwelt erstmals wieder bewusst wahrnimmt, sind sieben Wochen seit dem Unfall vergangen und sein blaues Auge ist schon wieder verheilt. Dass er sich beim Absturz auch ein «Veilchen» zugezogen hatte, weiss er nur, weil es ihm die Ärzte erzählen.

Es ist der Moment, als er von Aarau nach Nottwil ins Schweizerische Paraplegiker-Zentrum verlegt wird. «Davor war alles sehr diffus. Ich habe diese Zeit wie einen Traum erlebt - einen Albtraum», sagt er am Esstisch in seinem Haus im Aargauer Dorf Schafisheim.

Immer wieder durchlebt er in dieser Zeit «undefinierbare Albtraum-Situationen». Mehrmals versucht er, sein Krankenbett zu verlassen. Doch das ist unmöglich, die Verletzung seines Rückenmarks ist irreparabel. Jakob Blaser ist seit dem Absturz von den Lendenwirbeln abwärts gelähmt. Das ist damals aber noch nicht wirklich bis in sein Bewusstsein vorgedrungen.

Keine einfache Kindheit

Jakob Blaser lernt früh, durchzubeissen. Das beginnt schon bei seiner Geburt auf dem elterlichen Bauernhof in Langnau im Emmental: Er war viel zu leicht, als er auf die Welt kam. Sein Zwillingsbruder ist an diesem Dezembertag im Jahr 1949 ein paar Minuten schneller und vor allem auch schwerer.

Weil sich seine Eltern bald trennen, werden der dreijährige Jakob und seine insgesamt vier Brüder bei verschiedenen Pflegefamilien untergebracht.

Und hier nimmt der Traum vom Fliegen - wenngleich er in weiter Ferne ist - für den Buben erstmals Formen an: Einer der Söhne seiner Pflegefamilie fliegt als Privatpilot Motorflieger. «In der Holzwerkstatt des Hofes hingen defekte Fliegerutensilien wie etwa ein Propeller an der Wand.» Jakobs Faszination ist geweckt.

Im Alter von zehn Jahren kehrt Jakob in sein Elternhaus zurück. Seine Eltern versuchen es nochmals zusammen und sammeln die Kinder wieder ein.

«Die Familie war wieder vereint, danach ging es ganz gut.» Er beginnt, sich seinen Traum vom Fliegen mit dem Bau und Betrieb von Modellflugzeugen im Kleinen zu erfüllen.

Doch auch das geht nicht ohne Einschränkungen: Weil Fernsteuerungen damals für ihn unerschwinglich teuer sind, müssen die Flieger so konstruiert sein, dass sie kreisen.

Der Weg zurück ins Leben

In Nottwil beginnt für Jakob Blaser wenige Monate nach dem Unfall der schwierige Weg zurück ins Leben.

Nach den langen Wochen im Dämmerzustand mit Zwangsernährung ist nur schon die Wiederaufnahme des Essens eine Qual. Der damals 59-Jährige muss sich ständig erbrechen.

Auch seine Muskulatur hat sich während des wochenlangen Liegens enorm zurückgebildet.

Schritt für Schritt wird er in der Reha auf sein Leben im Rollstuhl vorbereitet.

«Da wird man als Patient extrem gefordert», sagt er rückblickend. Das dichtgedrängte Programm lässt meist keine grösseren Verschnaufpausen zu. Arztvisiten, Besprechungen und Trainings folgen einander Schlag auf Schlag. «Das ist aber auch gut. Es lenkt von der Situation ab.»

Trotzdem freut er sich jeweils vor allem auf die Wochenenden, an denen der Reha-Betrieb in Nottwil ruht. Auch die Besuche haben Jakob Blaser während dieser Zeit aufgestellt und motiviert. «Familie, Bekannte und Freunde aus der Segelfluggruppe Lenzburg sind regelmässig nach Nottwil gekommen.»

Für eine zusätzliche Belastung neben der Reha sorgt sein stark zerschmettertes Fussgelenk. Diese komplizierte Verletzung wird weiterhin in Aarau behandelt. Zwischenzeitlich droht gar eine Amputation.

Noch heute muss Jakob Blaser darauf achten, dass seine Füsse nicht kalt werden. War er früher noch begeisterter Wintersportler, so mag er die kalte Jahreszeit nun nicht mehr.

Vom Landwirt zum Unternehmer

Jakob Blaser absolviert die Lehre als Landwirt auf dem elterlichen Hof, etwas anderes stand gar nie zur Debatte.

«Ich bin quasi von Geburt an in diesen Beruf hineingewachsen.» Die erste reelle Chance, seinem Traum vom Fliegen ein kleines Stück näher zu kommen, sieht er in der Rekrutenschule: Er hofft auf eine Einteilung in die Fliegerabwehr, wird stattdessen aber als Trainsoldat im Materialtransport mit Pferden gedrillt.

Später übernimmt sein Zwillingsbruder den Hof der Eltern. Jakob Blaser landet nach mehreren Zwischenstationen 1973 auf einem Grossbetrieb in Bassersdorf, wo er als Mittzwanziger seine heutige Ehefrau Barbara kennen lernt.

Etwa zur selben Zeit Mitte der 1970er Jahre beginnt sein Zwillingsbruder mit Deltasegeln und später auch mit Gleitschirmfliegen.

Das Fliegervirus erwischt Jakob Blaser nun definitiv. Trotzdem wird es noch fast 20 Jahre dauern, bis er selber mit dem Gleitschirmfliegen beginnen wird. 1977 heiratet er Barbara und drei Jahre später kommen 1980 und 1983 Christoph und Mathias zur Welt.

Erst als die beiden Söhne langsam erwachsen werden, verwirklicht sich Jakob Blaser seinen Traum vom Fliegen. Nun hat er Zeit dafür und macht 1998 das Gleitschirm- und zwei Jahre später das Segelflug-Brevet.

Beim Segelfliegen profitiert er auch von seinen Erfahrungen als Landwirt: «Sowohl im Segelfliegen als auch in der Landwirtschaft ist das Wetter ein entscheidender Faktor.»

Das Segelfliegen beschreibt Jakob Blaser als permanente geistige Herausforderung. «Es ist sehr anspruchsvoll, ein Zusammenspiel mit der Natur.» Die Piloten müssen enorme Kenntnisse über Thermik und Meteorologie haben. Und genau das macht für ihn den Reiz des Segelfliegens aus.

Im Herbst 2007 beginnt Jakob Blaser nach Weiterbildungen den Aushub für seinen ersten Bauauftrag als selbstständiger Bauunternehmer. Endlich hat er seine geschäftliche Berufung gefunden. Im Winter 2009 nimmt er seinen zweiten Bauauftrag in Angriff. Wenige Monate, bevor sich sein Leben von Grund auf verändert.

Der Unfall

Es ist ein sonniger Frühlingstag vor viereinhalb Jahren. Insgesamt hat Jakob Blaser bis zu diesem 24. Mai 2009 knapp 478 Flugstunden als Pilot in einem Segelflugzeug absolviert.

Sein Klub, die Segelfluggruppe Lenzburg, führt ab und zu Seilwinden- statt Flugzeugschleppstarts durch. So auch an diesem Sonntag. Für Jakob Blaser nichts Neues. Neben unzähligen Starts im Flugzeugschlepp hat er bis dahin auch insgesamt 45 Windenstarts in seinem Palmarès.

Doch diesmal geht beim Start auf dem Flugplatz im aargauischen Birrfeld etwas schief. Was, kann Jakob Blaser nicht sagen. Er hat keine Erinnerungen an den Unfall.

«Die Beschleunigung und das Abheben des Segelflugzeugs wurden von mehreren Segelflugpiloten als ‹normal› beschrieben», wird es später im Unfall-Schlussbericht der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (Sust) heissen. Zum Unfallzeitpunkt kurz nach halb zehn Uhr herrscht auf dem Birrfeld leichter Rückenwind.

«Der Windenstart mit einer LS 8 ist unter diesen Bedingungen anspruchsvoll», heisst es im Sust-Bericht weiter.

Auf einer Höhe von rund 40 Metern über dem Boden kommt es zum Strömungsabriss. Das Segelflugzeug kippt über den rechten Flügel ab. Mit der Nase voran schlägt es auf dem Gelände des Flugplatzes Birrfeld auf.

Die genaue Ursache des Absturzes kann aber auch die Sust nicht eruieren. Vom Pilotenfehler über unglückliche meteorologische Umstände bis hin zu kleinsten Materialproblemen kommen mehrere Faktoren dafür infrage, einzeln oder in Kombination.

Ein knappes Jahr nach dem Absturz kehrt Jakob Blaser aus Nottwil nach Hause zurück. Das Haus ist damals bereits möglichst für ihn angepasst worden.

So mussten beispielsweise das Bad umgebaut, die Terrassentür verbreitert oder auch ein Rollstuhl-Lift fürs Obergeschoss eingebaut werden. Beraten worden sind seine Frau und er dabei von Experten des Paraplegiker-Zentrums. Für die Unterstützung aus Nottwil hat Jakob Blaser nur lobende Worte: «Das war sehr wertvoll für uns.»

Auch in juristischen Fragen bezüglich der Unterstützung durch die Invalidenversicherung (IV) kann er auf von Nottwil angeheuerte Spezialisten zählen. Trotzdem wird seine IV-Rente erst im Jahr 2013 gesprochen und ausbezahlt.

Obwohl er zeit seines Lebens nur in Berufen gearbeitet hat, die durch seine Querschnittlähmung nicht mehr möglich sind, ist er für die IV nur zu 69 Prozent invalid. Eine volle IV-Rente erhält er deshalb nicht.

Am 10. Dezember 2014 sind die Diskussionen um seinen Invaliditätsgrad hinfällig. Dann nämlich feiert Jakob Blaser seinen 65. Geburtstag und wird damit offiziell zum Pensionär. Etwas früher schon ist er Grossvater geworden. Im Herbst 2012 kam seine erste Enkeltochter zur Welt.

Regelmässig hüten seine Frau und er das kleine Mädchen. «Am Anfang hatte sie schon Respekt vor der ungewohnten Erscheinung», sagt Barbara Blaser.

Mittlerweile aber sei das vorüber. Gerne spiele die Kleine am Rollstuhl des Grossvaters herum. Oder erwarte ihn freudig, wenn er mit dem Rollstuhl-Lift aus dem Obergeschoss heruntergefahren komme. Einzig auf seinen Schoss will sie sich noch nicht setzen.

Verarbeitung ohne Erinnerung

Dass sich Jakob Blaser nicht mehr an den Absturz erinnern kann, macht für ihn selber die Verarbeitung nicht einfacher. Wie auch die Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle kann er nur vermuten, was schlussendlich zum Absturz geführt hat.

«Unmittelbar nach dem Unfall hat er noch an der Unfallstelle mit den Rettern gesprochen», sagt seine Ehefrau Barbara.

Er habe den Kollegen, der als Erster beim Wrack war, gefragt, was gerade geschehen sei und weshalb er seine Beine nicht bewegen könne.

Vor der Notoperation im Kantonsspital Aarau habe er auch noch mit ihr selber gesprochen.

«Als er in den Operationssaal geschoben wurde, verabschiedete er sich mit den Worten ‹bis gleich› von mir», erzählt Barbara Blaser.

Die fehlenden Erinnerungen an das, was an diesem Sonntag im Jahr 2009 schiefgelaufen ist, belasten Jakob Blaser.

«Natürlich gibt es die grosse Frage nach dem Warum.» Immer wieder kommt sie auf. Jakob Blaser lässt sich davon aber nicht herunterziehen. Er versucht, möglichst nicht über das «Was wäre, wenn» nachzudenken - und wenn er es doch tut, dann versucht er sich auf andere Gedanken zu bringen.

Psychologische Hilfe nimmt er keine in Anspruch. Es scheint, dass er für sich seinen Frieden gefunden und mit dem Schicksalsschlag - so weit das eben geht - abgeschlossen hat.

Diesen Eindruck unterstreicht seine Frau Barbara: «Er hat das in meinen Augen ziemlich gut verarbeitet. Er jammert auch nie über das, was passiert ist.» Sie ist beeindruckt vom Lebenswillen, den ihr Mann in den Wochen und Monaten nach dem Absturz an den Tag gelegt hat. «Es bringt mir ja nichts, zu jammern», sagt er.

Die Rückkehr aufs Birrfeld

Im Sommer 2010 kehrt Jakob Blaser ein gutes Jahr nach seinem Unfall erstmals auf seine fliegerische Stammbasis im Birrfeld zurück. Einen Grossteil seiner Flüge hat er auf dem Aargauer Flugplatz unternommen.

Heute verbringt er allerdings kaum mehr Zeit dort: «Was soll ich mit dem Rollstuhl auf dem Rasen rumgurken», sagt er.

Mit dem Segelfliegen hat er aber auch heute kein Problem. Gerne fliegt er nun als Passagier in Segelflugzeugen mit. «Ich habe dabei keine Angst. Das ist für mich wie vor dem Absturz.» Obwohl die Möglichkeit bestünde, will Jakob Blaser heute nicht mehr als Pilot ins Segelflugzeug. «Ich geniesse es nun lieber als Passagier, ohne Verantwortung.»

Das heisse aber nicht, dass er einfach im Flugzeug sitze und die Aussicht bewundere. «Auch als Passagier bin ich immer noch voll dabei und beobachte genau.»

Die verflossenen Träume

«Natürlich habe ich nicht mehr die Träume von früher», sagt Jakob Blaser. Die habe er jetzt halt begraben müssen.

Heute sind es andere Dinge, die für ihn zählen. So geniesst er es nun, das Aufwachsen seiner ersten Enkeltochter mitzuerleben oder gemütlich ein Buch zu lesen. Die Träume sind ruhiger geworden. Den Bubentraum, selber ein Flugzeug zu steuern, aber hat er sich erfüllt - und er lebte ihn während neun Jahren.

Doch gerade die Erfüllung dieses Traumes hat Jakob Blaser nach seinem Absturz enorm viel abverlangt. Sieben Wochen verbrachte er auf der Intensivstation des Kantonsspitals Aarau, fast neun Monate im Schweizerischen Paraplegiker-Zentrum in Nottwil.

Etliche Operationen musste er über sich ergehen lassen. Nicht zu vergessen das intensive Training für das Leben im Rollstuhl, unzählige Stunden in Physio- und Ergotherapie.

Das alles war nötig, damit Jakob Blaser nun wieder etwas selbstständiger Leben kann. Trotzdem ist er im Alltag auf die Hilfe seiner Frau Barbara angewiesen. «Ohne sie ginge es nicht.»

So ist es auch mit dem Anfeuern. Im Schwedenofen glüht das Feuer weiter vor sich hin, wärmt das Wohnzimmer.

Den Nachschub an Holzscheiten für das nächste Einfeuern wird - wie immer seit Jakob Blasers Absturz - Ehefrau Barbara besorgen. Diese Aufgabenteilung hat ihnen das Schicksal auferlegt.

*Der az-Redaktor absolviert die Diplomausbildung Journalismus am Medien-Ausbildungs-Zentrum (MAZ) in Luzern. Dieser Artikel ist seine Diplomarbeit.

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