Aargauer Regierung

Der neue Landammann Alex Hürzeler: «Auch ich habe an Gewicht zugelegt»

Alex Hürzeler ist zum zweiten Mal Landammann. Im grossen Interview sagt der SVP-Vertreter, warum die Bildung von den Spardiskussionen nicht ausgenommen werden könne, weshalb er vor einem Jahr nicht ins Finanzdepartement gewechselt hat, was der FC Aarau braucht und wie er trotz zahllosen Einladungen und Apéros sein Gewicht hält.

Der neue Landammann und Bildungsdirektor Alex Hürzeler empfängt die Journalisten und die Fotografin in seinem funktional eingerichteten Büro im Behmen-Gebäude in Aarau. Auffallend sind zwei grosse Gemälde im Büro. Wenn Hürzeler vom Tisch aufschaut, fällt sein Blick auf ein Malojabild des Aargauer Malers Otto Wyler, hinter ihm hängt ein Bild von der Wasserflue. Er erzählt, warum es hier hängt, und warum es vielleicht bald ausgetauscht wird.

Herr Hürzeler, Sie sind zum zweiten Mal Landammann – sind Sie in erster Linie Fricktaler oder Aargauer?

Landammann Alex Hürzeler: Als Aargauer Regierungsrat bin ich selbstverständlich in erster Linie Aargauer. Ebenso bin und bleibe ich aber auch Fricktaler.

Und die Fricktaler selbst? Man sagt, da und dort hänge immer noch ein Porträt der österreichischen Kaiserin Maria Theresia.

Da kennen Sie das Fricktal aber schlecht. Wie alle anderen Regionen unseres schönen Kantons ist auch das Fricktal seit über 200 Jahren Teil des Aargaus. Die Fricktaler sind so gute Aargauerinnen und Aargauer wie die Freiämter, die Zofinger und alle anderen.

Was hält den seinerzeit von Napoleon geformten Kanton zusammen?

Wir sind ein Kanton von selbstbewussten Regionen. Das ist unsere grosse Stärke. Keine Region ist nur das Anhängsel einer dominanten Stadt. Wir sind bevölkerungsmässig der viertgrösste Kanton. Am Aargau kommt niemand vorbei, nicht nur verkehrstechnisch.

Vier von fünf Regierungsräten sind aus einer urbanen Region. Passt das für den eher ländlichen Aargau?

Ich bin aktuell tatsächlich der Einzige, der aus dem ländlichen Raum stammt, beziehungsweise nicht aus dem A1-Gürtel kommt. Mindestens so wichtig wie die Stadt-Land-Frage erscheint mir aber, dass immer wieder verschiedene Regionen vertreten sind. Auch die parteipolitisch ausgewogene Zusammensetzung des Kollegiums tut dem Aargau gut.

Acht Jahre bestand es aus drei bürgerlichen Vertretern, einem der SP, und der Grünen Susanne Hochuli. Nun sind Sie vier Bürgerliche. Fallen Entscheide jetzt mit 4 zu 1 Stimmen?

In unserem Tagesgeschäft als Regierungsratskollegium dominiert die Sachpolitik. Natürlich ist aber die parteipolitische Veränderung im neuen Regierungsrat spürbar. Inhaltlich am ehesten bei nationalen oder europäischen Fragestellungen.

Sie sind als Bildungsdirektor im Sandwich. Der Kanton will überall sparen, die Bevölkerung will aber die Bildung davon ausnehmen.

31 von 100 Ausgabenfranken des Kantons investieren wir in die Bildung. Diese ist uns wichtig, wir wollen sie im Aargau auf einem hohen Qualitätsniveau halten. Wir konnten jüngst die Kosten pro Schüler stabil halten oder teilweise gar leicht senken, ohne dass die Bildungsqualität merklich gelitten hätte. Bei den derzeit markant ansteigenden Schülerzahlen und wenn der Kanton weiterhin sparen muss – und das muss er –, kann auch der Bildungsbereich nicht ausgenommen werden.

Und was wollen Sie tun?

Wir müssen den Schulen vor Ort mehr Verantwortung und Kompetenzen übergeben. So können die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen noch gezielter und wirksamer für einen guten Bildungserfolg unserer Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden.

Ihre eigene Partei, die SVP, legt immer neue Sparforderungen vor, beispielsweise mit deutlich weniger Lehrpersonen als geplant auszukommen, oder die Lohnsumme zu senken. Nervt Sie das manchmal?

Die Parteien haben eine andere Aufgabe als die Regierung. Dass meine und andere Parteien den Spardruck hoch halten, ist verständlich. Nicht alle Vorschläge finden im Grossen Rat eine Mehrheit. Wir können auch nicht alles einfach aufs absolute Minimum herunterfahren, wenn wir ein attraktiver Kanton bleiben wollen. Trotz ausgeglichenem Budget 2018 besteht für die nächsten Jahre eine gewaltige Finanzierungslücke von bis 200 Millionen Franken. Es gibt weder für den Regierungsrat noch für das Parlament einen Weg vorbei am aufgegleisten Sanierungskonzept.

Jetzt reden Sie wie der Finanzdirektor. Warum haben Sie nach acht Jahren als Bildungsdirektor nicht das Departement gewechselt?

Das habe ich mir nach der Wiederwahl tatsächlich überlegt, mich dann aber ganz bewusst für den Verbleib im Bildungsdepartement entschieden.

Warum?

Einerseits fühle ich mich sehr wohl als Bildungs, Kultur- und Sportdirektor, ich habe einen sehr guten Mitarbeiterstab und konnte mir ein dafür wichtiges Netzwerk aufbauen. Ebenso laufen derzeit wichtige Projekte, die ich vollenden will, beispielsweise die Einführung des neuen Aargauer Lehrplans. Zudem finde ich es richtig, dass die grösste Partei, die SVP bzw. ihre gewählten Vertreter in den ausgabenintensivsten Departementen Bildung und Gesundheit Verantwortung übernehmen.

Die SVP schont ihre eigenen Regierungsräte allerdings nicht. Wie gehen Sie damit um?

Als Regierungsrat trage ich drei Hüte. In erster Linie bin ich Teil des Regierungskollegiums und für den ganzen Aargau da. In zweiter Linie bin ich Vorsteher eines Departements, womit ich sagen will, dass Departementsinteressen zwischendurch auch hinten anstehen müssen. Und drittens bin ich SVP-Mitglied und bringe mein Gedankengut und das meiner Partei in die Verwaltung und die Regierung ein. Es liegt in der Natur der Sache, dass man in einer Regierung nicht alle Positionen durchsetzen kann. Doch selbst wenn es beispielsweise um schwierige Sparvorlagen geht, bleiben wir im Regierungsrat ein Kollegium. Das ist sehr wichtig. Es wäre grundfalsch, wenn wir als Einzelkämpfer auftreten würden. Das wäre zum Schaden des Aargaus.

Wenn das Geld knapp wird, heisst es in Finanzdebatten immer öfters, der Swisslos-Fonds könne doch einspringen. Wird er damit nicht missbraucht?

Es gibt klare Vorgaben, wofür solche Gelder eingesetzt werden dürfen. Eine nationale Überwachungskommission achtet scharf darauf, dass diese eingehalten werden. Solange wir uns in diesem Rahmen bewegen, kann es punktuell durchaus Sinn machen, eine Aufgabe neu über den Swisslos-Fonds zu finanzieren.

Als Landammann sind Sie dieses Jahr an zahllosen Anlässen eingeladen. Frühere Repräsentanten sagen, sie hätten bei den vielen Apéros deutlich zugenommen.

Als langjähriger Politiker bin ich seit jeher an vielen Anlässen und Apéros eingeladen. Auch ich habe anfänglich an Gewicht zugelegt. Heute kann ich recht gut damit umgehen. Man muss halt Mass halten. Ich freue mich deshalb auf viele neue Begegnungen und die Festanlässe in meinem Landammannjahr.

Haben Sie noch Zeit für sich?

Als Regierungsrat ist man immer viel unterwegs. Meine Frau begleitet mich dabei oft und gerne, was mich sehr freut. Ich achte aber trotzdem darauf, möglichst einen Abend pro Woche und ein Wochenende pro Monat für uns und das Private frei zu halten.

Wie laden Sie Ihre Batterien auf?

Das kann ich gut im Kreise der Familie. Meine Frau und ich sind viel in der Natur unterwegs. Nicht als Leistungssportler, wir wandern oder spazieren. Weil ich heute im Gegensatz zu früher wenig Sport mache, versuche ich wenigstens Lifte zu meiden. Dafür gibt es Treppen, auch in meinem Departement.

Manche Spitzenpolitiker oder Manager joggen um sechs Uhr früh. Sind Sie auch so früh unterwegs?

Manche geben gar vor, regelmässig schon um 4 oder 5 Uhr früh aufzustehen. Das ist nichts für mich. Ich stehe etwa um 6 Uhr auf, die Arbeit beginnt dann zwischen 7 und 8 Uhr. Erholungsphasen und Schlaf sind wichtig.

Seinerzeit hätten Ihre Parteikollegen Thomas Burgherr und Sylvia Flückiger gern Offerten für Ihr Holzhaus gemacht, das Sie aus Deutschland importiert haben. Haben Sie ihnen inzwischen Ihr Haus gezeigt?

Das ist besprochen und bereinigt. Dazu musste ich sie nicht extra nach Hause einladen. Wir können an vielen Anlässen miteinander reden und taten und tun dies auch in aller Freundschaft. Unser Haus aber ist unser privater Rückzugsort.

Wehrt sich der Aargau eigentlich stark genug, wenn ihm Verschlechterungen drohen, wie beispielsweise beim Bahnausbauschritt 2030/35, wo wichtige Direktverbindungen verloren zu gehen drohen?

Die Wahrnehmung, gegenüber anderen schlechter gestellt zu werden, haben alle Kantone. Der Aargau ist verkehrsmässig zweifelsohne sehr belastet. Wir profitieren aber auch von den Verkehrssträngen. Der Aargau wehrt sich meines Erachtens sehr gut für seine Belange. Angesichts all der Wünsche der Kantone, die die Möglichkeiten des Bundes um ein Mehrfaches übertreffen, ist aber nicht alles machbar. Selbstverständlich passen wir auf, dass der Aargau in 15, 20 Jahren bahnmässig nicht unter die Räder kommt.

Sie sind auch Sportminister. Haben Sie noch Hoffnung, dass der FC Aarau ein Super-League-taugliches Stadion bekommt, ohne das dem Aargau endgültig die fussballerische Zweitklassigkeit droht?

Das Vereinswesen und der Sport ist ein bedeutender Faktor für unsere Gesellschaft. Dazu zählt auch der Spitzensport. Herausragende Leistungen und tolle Erfolge motivieren den Nachwuchs. Als Sportminister des viertgrössten Kantons wünsche ich dem Aargauer Fussball, dass der FC Aarau dereinst wieder in der Super League spielt. Das bedingt zwingend eine zeitgemässe Stadion-Infrastruktur. Das kann aber nur in einem gemeinsamen Kraftakt gelingen, bei dem auch die Wirtschaft mithelfen muss.

Die Wirtschaft im Aargau visiert tatsächlich einen Kraftakt an, eine Expo im Jahr 2027 in der ganzen Nordwestschweiz. Mit dem Segen der Aargauer Regierung?

Eine Region kann das nicht allein stemmen. Dafür sind viele Ideen und neue Ansätze nötig. Diese sind vorhanden. Wir verfolgen das Projekt mit Interesse und unterstützen es nach unseren Möglichkeiten. Die Durchführung einer Landesausstellung ist allerdings kein Kantonsauftrag. Sie muss von Bund, Regionen, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Bevölkerung gewollt und getragen sein.

Wäre eine Expo in Ihrem Sinn?

Der Aargau beweist immer wieder, dass er im Organisieren nationaler Grossanlässe sehr gut ist. 2019 richten wir in Aarau das Eidgenössische Turnfest aus, dem ich als OK-Präsident vorstehen darf. Eine Landesausstellung ist aber sehr viel grösser und komplexer. Ob die Expo dereinst im Aargau stattfindet, lasse ich offen. Sehr wichtig ist, dass der Bundesrat bald ein klares Signal aussendet.

Die Industrie trägt schwer am Frankenschock und an der Krise der Strombranche, wie die jüngste Hiobsbotschaft von General Electric zeigt.

Die Ankündigung von General Electric mit dem Verlust so vieler Arbeitsplätze ist ein riesiger Schock. Wir werden seitens der Kantonsregierung alles daransetzen, dass die negativen Auswirkungen möglichst in Grenzen gehalten werden können. Die Deindustrialisierung ist allerdings ein Prozess, der seit Jahrzehnten stattfindet. Die Digitalisierung und die fortschreitende Automatisierung verstärken dies noch.

Erfreulich ist hingegen, dass der wachstumsstarke Industriebereich der Chemie- und Pharmabranche im Fricktal sehr gut aufgestellt ist.

Aber das hilft dem Ostaargau nicht.

Erst recht wichtig ist jetzt, dass sich der Aargau mit seiner Hightech-Strategie, mit dem Park Innovaare, mit dem PSI, mit der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Industrie im Ostaargau gut und rasch weiterentwickelt. Hier sind sehr viele innovative Kräfte am Werk. Ich bin zuversichtlich, dass wir die kommenden Herausforderungen auch ohne ausgeprägte, ertragsstarke Finanz- und Dienstleistungsbranche als moderner Industrie- und Technologiekanton meistern werden.

In Ihrem Büro hängen je ein Bild der Malojagegend und der Wasserflue. Warum?

Das winterliche Malojabild des Aargauer Malers Otto Wyler und die sommerlich-grüne Wasserflue habe ich mir ganz bewusst im Fundus des Aargauer Kunsthauses als Leihgaben ausgesucht. Ich mag Landschaftsbilder sehr. Aktuell überlege ich mir aber, sie auszuwechseln. Dazu inspiriert hat mich die grandiose Kunsthaus-Ausstellung Swiss Pop Art, und nach neun Jahren im Amt tut etwas Abwechslung an den Bürowänden gut.

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