Museum Aargau

Der neue Direktor ist Secondo, Medienprofi und Quereinsteiger mit klingendem Namen

Marco Castellaneta, Direktor Museum Aargau: «Ich glaube, dass wir Orte wie das Schloss Hallwyl brauchen. Auch, weil sie uns in der zunehmend fragmentierten und digitalisierten Gesellschaft als kontemplative Oase einfach guttun.»

Marco Castellaneta, Direktor Museum Aargau: «Ich glaube, dass wir Orte wie das Schloss Hallwyl brauchen. Auch, weil sie uns in der zunehmend fragmentierten und digitalisierten Gesellschaft als kontemplative Oase einfach guttun.»

Marco Castellaneta (51) tritt heute sein Amt als Direktor des Museums Aargau an. Ein guter Grund für einen Herbstausflug zum Schloss Hallwyl zu einem Gespräch mit dem «Neuen»

Es ist ein prächtiger Herbstnachmittag auf Schloss Hallwyl. Schulklassen stürmen über die Zugbrücke, Figuren in historischen Gewändern verrichten unbeeindruckt ihr Tagwerk, als seien sie aus der Zeit gefallen. Wanderer machen Halt und kehren ein, sie sitzen im Schlosshof und geniessen blinzelnd ihren Kaffee; rund ums Schloss schwimmt ein Schwan friedlich seine Runden. Die Nachmittagssonne taucht die Szenerie in warmes Licht und erzeugt eine fast schon kitschig schöne Stimmung.

«Sehen Sie», sagt Marco Castellaneta und zeigt auf das alte Schloss, das voller Leben ist, «das gefällt mir am Museum Aargau: Man muss keine neuen Museen bauen, bereits die Gebäude sind Museen. Sie inszenieren sich selber. Wer hierher kommt, erlebt Geschichte und Geschichten einzigartig am historischen Schauplatz.»

Ein Luzerner im Aargau

Castellaneta ist Stadtluzerner mit Wohnung am Kornmarkt in der Altstadt. «Ich bin ein Altstadtkind» sagt er. Schon seine Grossmutter hat in der Altstadt einen Hutladen geführt. Und Fasnächtler ist er auch. «Seit ich sechs Jahre alt war, habe ich keine einzige Luzerner Fasnacht verpasst», erzählt er, auch wenn er nicht mehr ganz so heftig mitmache wie in jungen Jahren. Selbstverständlich ist er auch Fan des FC Luzern; leidet und freut sich mit. Leiden und Freuden halten sich da im Moment die Balance.

Die berufliche Tätigkeit als Geschäftsführer Betriebe beim Schweizerischen Nationalmuseum und die Liebe haben allerdings dazu geführt, dass Castellaneta auch in Zürich einen Wohnsitz hat, zum «Doppelbürger» geworden und meist nur an den Wochenenden in der Leuchtenstadt anzutreffen ist.

Für das Gespräch hat er sich das Schloss Hallwyl ausgesucht. «Das Schloss liegt auf der Verbindungsachse Aargau–Luzern mit den drei Schlössern Heidegg, Hallwyl und Lenzburg. Und es ist wichtiger Bestandteil des Museums Aargau», sagt Castellaneta. Zudem habe er einen starken persönlichen Bezug zum Hallwilersee aus Kindheitstagen: Viele Ausflüge hätten an den See und ins Seetal geführt, und sein erstes Konzert als Musiker hat er in Beinwil am See gegeben.

Schon als Kind war er gern hier: Marco Castellanetta erzählt, wieso er das Schloss Hallwyl für den Termin mit der az ausgesucht hat, und erklärt seine Leidenschaft für das «Museum Aargau».

Schon als Kind war er gern hier: Marco Castellanetta erzählt, wieso er das Schloss Hallwyl für den Termin mit der az ausgesucht hat, und erklärt seine Leidenschaft für das «Museum Aargau».

Heftige Liebe auf den zweiten Blick

Castellaneta – der Namen kommt einem doch irgendwie bekannt vor. War da nicht früher was mit Fernsehen? Richtig. Castellaneta leitete ab 1999 Sat.1 (Schweiz) und «live ran»-Fussball und war Chefredaktor und Moderator verschiedener Sendungen und Formate beim Schweizer Fernsehen. «Meine allerersten Gäste in der damaligen Sendung ‹konsum TV› und ‹Marktplatz› waren übrigens Christine Egerszegi und Ueli Giezendanner», erinnert er sich. Über 400 Fernseh- und über 500 Radiosendungen hat er im Laufe der Jahre moderiert. Danach wechselte Castellaneta zu Ringier, wo er als Geschäftsführer bis 2013 den Bereich Entertainment mit Beteiligungen leitete. Dann der eher überraschende Berufswechsel: Er wird Geschäftsführer Betriebe beim Schweizerischen Nationalmuseum.

«Das war keine Liebe auf den ersten Blick, aber eine heftige auf den zweiten», sagt Castellaneta. «Ein Museum kann Geschichte sinn- und identitätsstiftend erzählen, die Besucher packen und immer wieder überraschen und anregen. Das hat mich gereizt und fasziniert mich bis heute.» Da kommt es ihm zugute, dass er als erfahrener Medienprofi weiss, wie man Menschen mit Geschichten unterhält und fasziniert.

Auch der Wechsel zum Museum Aargau ist eine Geschichte in zwei Teilen. Als die Stelle des Direktors zum ersten Mal ausgeschrieben war, registrierte das Castellaneta sehr wohl; er bewarb sich aber nicht, weil er noch mitten in den Vorbereitungen für die Neueröffnung des Landesmuseums Zürich steckte. Doch als im März 2016 das Inserat ein zweites Mal erschien, war der Zeitpunkt ideal; die grossen Projekte beim Nationalmuseum waren in der Abschlussphase, ein Wechsel passte.

Der schönste Arbeitsplatz im Kanton

Was hat ihn denn gereizt, in den Aargau zu wechseln? Das junge Museum Aargau sei eine der grossen Museumsgruppen in der Schweiz und geniesse einen hervorragenden Ruf, erklärt Castellaneta. Zudem biete ihm das Museum Aargau etwas, was er bisher vermisst habe. «Im Museum Aargau trage ich auch die Verantwortung für Inhalte, kann zusammen mit dem Team die Themen festlegen und die Ausstellungen mitgestalten.» Das war beim Nationalmuseum nur beschränkt möglich. In den letzten zwei Monaten hat sich Castellaneta eine Auszeit genommen, ist mit Camper, Velo und Wanderschuhen durch Frankreich, Spanien und Italien gezogen. Ist dabei immer wieder auf Schlösser und Klöster gestossen, hat festgestellt, wie regional Europa geblieben ist, dass es häufig Schlösser und Klöster sind, welche die Geschichte der Regionen geprägt haben. «Und damit schliesst sich der Kreis: Denn im Aargau war das doch genauso.»

Was wird er verändern? Castellaneta lacht. «Ich werde zuerst einmal und eine recht lange Zeit einfach nur zuhören. Das Museum Aargau mit seinen acht Standbeinen ist auf einem sehr guten Weg und erfolgreich dazu, es verfügt über ein hervorragendes Team, hier herrscht eine gute Stimmung. Meine Aufgabe sehe ich vorerst darin, die vielen Qualitäten zu verfestigen und zu konzentrieren und diese pointiert zu kommunizieren. Ich freue mich sehr auf die Arbeit mit diesem Team.»

Und besonders freut er sich auch auf den wohl schönsten Arbeitsplatz im Aargau: Das Büro des Direktors des Museums Aargau befindet sich auf Schloss Wildegg, mit herrlicher Aussicht.

Der Name Castellaneta passt

Das passt: Der Name «Castellaneta» und arbeiten wie ein König auf dem Schloss, dem «castello» auf Italienisch? Doch Castellaneta winkt ab. Er sei ein Secondo, seine Familie stamme ursprünglich aus Apulien. Und Castellaneta bedeute zwar tatsächlich «der von den Schlössern kommt». Wahrscheinlich hätten seine Vorfahren einst auf Schlössern gedient. Und das werde er auch als neuer Direktor tun: der Sache dienen, nicht vom Thron herunter oder als Raubritter, sondern als «Primus inter Pares».

Was er sich wünscht: «Die Aargauerinnen und Aargauer, am liebsten auch alle Menschen aus der übrigen Schweiz, sollen ins Museum Aargau kommen und beim Herausgehen denken: Ja, da komme ich wieder.»

Dann zeigt er nochmals auf den Schlosshof mit der alten Linde im bunten Herbstkleid: «Ich glaube, dass wir Orte wie das Schloss Hallwyl brauchen. Auch, weil sie uns in der zunehmend fragmentierten und digitalisierten Gesellschaft als kontemplative Oase einfach guttun.»

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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