Aargauer Auswanderer
Der Bike Hike der Welshs: In Australien brachen sie ihr Velo-Abenteuer ab

In 80 Monaten wollte die Fricktalerin Gaby Welsh mit ihrem Ehemann um die Welt radeln. Jetzt entdecken sie in ihrem Heimatland eine neue Stadt.

Claudia Meier
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Gaby Welsh und ihr Velo-Projekt
36 Bilder
Gaby und Andrew verabschieden sich von ihren Kindern Grace und Mark.
Das Nachtlager anfangs Januar 2017 in der Nähe von Geraldine.
Vier Lagen Kleidung hatte Gaby da an, es war 6 Grad, und das im Frühling, brrrr!
Auf dem Central Otago Railtrail im November 2017, es war kalt und regnete.
Ende Dezember 2017 auf dem Weg nach Queenstown, mit Lake Wakatipu.
Pause am letzten Tag auf der neuseeländischen Südinsel Ende Januar 2017.
Der Campingplatz auf dem Rimutaka Railtrail, Nordinsel Neuseeland, 26. Januar 2017.
Auf dem höchsten Punkt des Rimutaka Railtrails in Neuseeland am 27. Januar 2017.
Auch beim Ort mit einem der längsten Namen der Welt radelten sie vorbei, Ende Januar 2017.
Zuerst einen Kaffee trinken, dann wird das Zelt aufgestellt, in Tairua am 13. März 2017.
Mittagspause in Katikati am 7. März 2017.
Hier der letzte Tag auf dem Velo in Neuseeland am 17. März 2017. Das Velo-Shirt mit Gabys Namen war ein Abschiedsgeschenk von den ehemaligen Arbeitskollegen in Te Anau!
Mit dem Bus fahren sie nach Auckland, zu viel Verkehr für mit den Velos.
Andrews Job in Sydney war es, die Velos wieder zusammenstellen. Fünf Nächte verbrachten sie in der Jugi, bevor es in Australien im April 2017 weiterging.
Der erste Tag unterwegs in Australien im April 2017.
Andrew ist völlig kaputt, es war ein langer und heisser Tag im Mai in Queensland.
Road Trains in Australien, in Queensland im Mai 2017.
Hier sitzt Andrew während der Mittagspause in Australien am 5. Mai 2017 mit Kopfschutz gegen die vielen lästigen Fliegen.
Hier Happy Hour auf dem Campingplatz in Gulargabone, NSW Australien, am 4. Mai 2017.
Erster Abend in Queensland im Mai 2017.
Block A, Unterkunft auf der Traubenfarm in Emerald, Central Queensland.
Ihre Mitarbeiter-Kumpels aus Süd-Sudan, ehemalige Flüchtlinge, in der Küche auf der Traubenfarm.
Gaby Welsh: «Unsere Donga (australische Unterkunft) auf der Traubenfarm.»
Gaby, LeBron und Dani in Emerald, Central Queensland. Mit LeBron und Dani haben Andrew und Gaby auf der Traubenfarm in Emerald gearbeitet, und da er häufig dieses T-Shirt anhatte, nannten sie ihn einfach LeBron, es gefiel ihm.
Auf Magnetic Island, Queensland, Ende Juli 2017.
In Bowen, Mango Capital of Australia, im Juli 2017.
Gaby Welsh (52) aus Münchwilen und ihr neuseeländischer Ehemann Andrew (54) haben vor, mit dem Velo die Welt zu umrunden.
Gabys Überraschungsbesuch in Dunedin zu Marks 21. Geburtstag anfangs November 2017.
Im November 2017 gönnt sich die Familie eine Kreuzfahrt mit den Kindern Grace (23) und Mark (21) in Papua-Neuguinea.
Bevor Gaby und Andrew nach Neuseeland zurückkehrten, gingen wir über Weihnachten nach Singapur, wo sie am letzten Tag Ship trafen, der ebenfalls für ein paar Tage nach Singapur kam. Von April bis Dezember 2012 wohnte er bei Welshs und ging dort mit Grace und Mark in die High School in Te Anau.
Blick vom neuen, kleinen Zuhause auf den Lambton Quay in Wellington.
Jetzt leben sie in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington und besuchen den wöchentlichen Farmers-Market regelmässig.
Hier der Sonntagsmarkt in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington.
In Wellington ist Andrew seit Anfang 2018 General Manager der Chaffers Marina im Stadtzentrum.
In Wellington ist Andrew seit Anfang 2018 General Manager der Chaffers Marina im Stadtzentrum.

Gaby Welsh und ihr Velo-Projekt

zvg

Vor drei Jahren sagte Gaby Welsh in einem AZ-Interview: «Wellington wird als coolste Hauptstadt der Welt angepriesen.» Die gebürtige Fricktalerin aus Münchwilen ahnte damals noch nicht, dass sie 2018 mit ihrem neuseeländischen Ehemann Andrew in genau diese Stadt ziehen wird. Denn ihr Plan war ein anderer.

Das Paar, das seit 27 Jahren verheiratet ist, startete im November 2016 zum grössten Abenteuer seines Lebens. Die beiden wollten mit Tourenvelos und einem Anhänger in 80 Monaten von der Südinsel Neuseelands aus um die Welt radeln.

Ohne Hektik und mit gelegentlichen Pausen für wochenweise Arbeitseinsätze etwa in der Landwirtschaft. «Wir werden nicht jeden Tag 120 Kilometer zurücklegen», sagte Andrew vor dem Start gegenüber der neuseeländischen Zeitung «The Southland Times». Diesem Projekt ging eine fünfjährige Planungsphase voraus.

2013 wurde bei Gaby an der rechten Hüfte eine akute Osteoarthritis diagnostiziert. Irgendwann wird die heute 52-Jährige ziemlich sicher ein künstliches Hüftgelenk bekommen. Erfolgt die Operation aber zu früh, ist im fortgeschrittenen Alter nochmals ein Hüftgelenk-Ersatz nötig, was Probleme machen könnte.

Aargauer Auswanderer

Unter der Rubrik «Was ist aus Aargauer Auswanderern geworden?» erzählen wir diese Woche sechs Geschichten von Aargauern, die auf verschiedenen Kontinenten leben, und über die wir schon mal berichtet haben.

Sommer dem Winter vorgezogen

Anstatt zurückzulehnen und sich Sorgen zu machen, entschied sich Gaby deshalb, dieses Velo-Projekt möglichst bald mit den eigenen Hüftgelenken in Angriff zu nehmen. «Viele träumen davon, die Welt zu erkunden, haben aber den Mut nicht, die Anstellung zu kündigen und aufzubrechen», stellt Andrew fest.

Das Rüstzeug für ausgedehnte Radtouren holten sich die Eltern von zwei Kindern unter anderem im Fricktal. Denn schon mehrmals zogen sie dem neuseeländischen Winter den europäischen Sommer vor. Will heissen: Andrew (54) arbeitete in einer Führungsposition in Milford Sound im Fiordland-Nationalpark und Gaby in der staatlichen Naturschutz-Abteilung in Te Anau am Stück mit vielen Überstunden, sodass sie die Monate Juli, August oder September in Europa verbringen konnten. Hier haben sie viele Verwandte und Freunde.

Wenn das Paar bei Gabys Mutter in Münchwilen lebt, gehören Velorundfahrten fast zur Tagesordnung. Welshs Kinder Grace (23) und Mark (21) stehen zwar noch in der Ausbildung, wohnten aber schon lange viele Kilometer von den Eltern entfernt und sind daran, ihre eigenen Träume zu verwirklichen.

Der Startschuss zur Weltumfahrt fiel für Gaby und Andrew im November 2016 in Dunedin, einen Tag nach Marks 20. Geburtstag. Zuerst südwärts in Andrews Heimatstadt Gore und dann über 3000 Kilometer bis nach Auckland.

Im Alltag hatte das Paar eine klassische Rollenteilung. Andrew kümmerte sich um den guten Zustand der Fahrräder und – je nach Unterkunft – um das Zeltaufstellen. Gaby war für das Essen und die Wäsche zuständig.

Mitte April 2017 flogen Welshs mit den Fahrrädern im Gepäck nach Sydney und setzten ihr Abenteuer nordwärts übers Hinterland via Dubbo fort. Anders als in Neuseeland sind in Australien die Distanzen zwischen den einzelnen Ortschaften grösser, die Landschaften trockener, die Hitze oft grösser sowie die Fliegen noch lästiger. Sobald sich auf der Strasse ein Riesen-Truck näherte, ein sogenannter Road-Train, machten die Velofahrer diesem den Weg sofort frei. Nicht ausweichen konnten sie allerdings den zu Tode gefahrenen Kängurus. «Die stinken grausam. Autofahrer bekommen das gar nicht mit», erzählt Gaby Welsh.

Mit Ex-Flüchtlingen auf der Farm

Im Bundesstaat Queensland in Emerald stand Ende Mai 2017 der erste Arbeitseinsatz an mit Rebenschneiden auf einer Traubenfarm. Ein kleines Zimmer war während sechs Wochen Andrews und Gabys Zuhause. Die Küche und das Bad teilten sie sich mit den anderen Arbeitern aus Indien und ehemaligen Flüchtlingen aus Süd-Sudan, aber auch vielen Chinesen und Malaien. «Auf unserer Reise geht es letzten Endes auch darum, verschiedenste Leute zu treffen», sagt Andrew.

Nach einem ferienmässigen Abstecher mit einem Mietauto an die Ostküste war die Rückkehr auf die Traubenfarm eine grosse Enttäuschung. Abmachungen wurden nicht eingehalten und der Lohn lag plötzlich nur noch bei 5 Dollar pro Stunde. Das liess sich Andrew nicht bieten und fand eine bessere Stelle als Projektmanager auf dem Bau. Gaby kümmerte sich derweil um den Mini-Haushalt und löste ein Abo fürs Fitnesscenter und die Badi.

Um Sohn Mark zum 21. Geburtstag zu überraschen, flog Mutter Gaby letzten November nach Neuseeland. Als Geschenk gönnte sich die ganze Familie einige Tage später eine zehntägige Kreuzfahrt nach Papua-Neuguinea. Bald darauf kamen die Eltern zur Einsicht, dass sie die Radtour vorübergehend unterbrechen und zurück nach Neuseeland gehen, um in der Nähe ihrer Kinder zu sein, bis diese die Ausbildung abgeschlossen haben. Denn Mark hatte sich entschieden, die Universität zu verlassen und eine Lehre als Zimmermann zu absolvieren. Und Grace ist im sechsten Jahr ihres Medizinstudiums.

Neue Jobs in Gehdistanz

Als Andrew ab Februar 2018 eine Stelle als General Manager eines Jacht-Hafens im Stadtzentrum von Wellington fand, war klar, dass die Eltern ein kleines Appartement in der Hauptstadt mieten werden. Das Paar hatte als ein Lebensziel sowieso vor, einmal längere Zeit in einer Stadt zu wohnen. Es dachte allerdings eher an Rom oder Paris.

Ein prall gefülltes Mietauto reichte Ende Januar aus, um Welshs Hab und Gut von der neuseeländischen Südinsel in die Hauptstadt zu zügeln. Auch Gaby hat mittlerweile in Gehdistanz eine Stelle gefunden als persönliche Assistentin im administrativen Bereich beim staatlichen Migrationsamt, wo sie eng mit einer Schweizerin zusammenarbeitet.

Das reiselustige Paar, das sich vor 35 Jahren als Brieffreunde kennen gelernt hat, entdeckt nun eine ihm noch weitgehend unbekannte Stadt im eigenen Land mit einem schönen Wochenmarkt und pulsierendem Leben. Vielleicht ist Wellington eben doch die coolste Hauptstadt der Welt!