Aarburg
Der Aufpasser der umstrittensten Asylunterkunft der Schweiz

Daniel Bühler leitet die Asylunterkunft in Aarburg. Hier leben vor allem Syrer. Bühler muss ihnen viel erklären über das Leben in der Schweiz – auch, wie das mit der Abfalltrennung funktioniert.

Nora Bader
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Daniel Bühler aus Schönenwerd hat sich in seinem Job als Leiter der Asylunterkunft in Aarburg bereits gut eingelebt.

Daniel Bühler aus Schönenwerd hat sich in seinem Job als Leiter der Asylunterkunft in Aarburg bereits gut eingelebt.

Raphael Nadler

Daniel Bühler ist Seelenklempner, Hauswart, Lehrer, Arzt und Rezeptionist in einem. Er ist seit August der Leiter der mittlerweile schweizweit bekannten Asylunterkunft an der Lindengutstrasse. Eingelebt habe er sich gut, sagt der 62-Jährige. Er strahlt Ruhe aus. Und diese braucht er.

Die Herausforderungen kommen täglich und sind nicht vorhersehbar. Zum Beispiel, wenn eine Frau ein Kind erwartet: Einmal habe abends um 23 Uhr sein Handy geklingelt. «Die Wehen setzten ein, der Mann wusste nicht, wohin.» Bühler bestellte ein Taxi, alles verlief gut. Drei Kinder sind in seiner Zeit als Leiter der Asylunterkunft in Aarburg bereits geboren worden – zwei weitere sind noch unterwegs. Mit ihnen hat die Unterkunft dann genau 80 Bewohner.

Wenn ein Kind neu in die Unterkunft kommt, ist Bühler dafür verantwortlich, dass ein Bett und ein Wagen bereitstehen, wenn die Mutter aus dem Spital zurückkehrt. Seine Natelnummer gebe er nur in Notfällen wie diesem raus. Eigentlich müsste er das aber nicht tun, und das weiss der Schönenwerder auch. Er ist zu Bürozeiten in Aarburg vor Ort, abends und am Wochenende schaut der kantonale Nachtdienst vorbei.

Abschalten nicht immer einfach

Auf Ärzte und Spezialisten ist man auch in der Asylunterkunft angewiesen. Nicole Baltzinger, welche Mütterberatung betreibe, habe kürzlich angeboten, einmal monatlich in der Unterkunft vorbeizuschauen, erzählt Bühler. «Das kam sehr gut an.» Und die Mütterberaterin hat Bühler auch geholfen, eine Hebamme für die schwangeren Frauen zu finden.

Man spürt, dass ihn die Schicksale der hier lebenden Menschen nicht kalt lassen. «Ich gebe zu, dass ich – vor allem anfangs – schon manchmal an meine Grenzen gestossen bin», sagt er. Schlimm seien etwa Fälle von Gewalt in Familien. Da zieht er die betreffenden Amtsstellen bei und holt Hilfe bei Fachstellen. Abzuschalten sei nicht immer einfach. «Ich bin der Typ, der am Sonntagnachmittag schon wieder an die Arbeit denkt. Mich abzugrenzen gelingt mir aber immer besser.» Dennoch gebe es auch Tage, die schwer zu verdauen, ja «richtig heavy», seien. «Da muss ich abends mit meiner Frau darüber sprechen.»

Grundsätzlich helfe ihm bei der Bewältigung des Alltags vor allem seine Lebenserfahrung und eine dicke Haut. «Man wächst rein in diesen Job», sagt der gelernte Uhrmacher. Auch im Verkauf hat Daniel Bühler vor seiner Arbeit beim Sozialdienst gearbeitet. Unter anderem seine Führungserfahrung trage dazu bei, dass er klare Linien ziehen könne.

Ab und an wird seine Geduld dennoch auf die Probe gestellt: Viele Asylsuchende würden hohe Forderungen stellen. «Dann weise ich sie darauf hin, dass sie in der Schweiz zu Gast sind.» Er müsse viel Aufklärungsarbeit leisten: «Ich zeige ihnen, wie man Abfall trennt, Hausaufgaben erledigt, putzt. Man könnte sagen, die Asylsuchenden werden fit gemacht für das in Leben in einer Gemeinde.»

Post aus Bern

Bühler macht auch für sie Arzttermine ab, sorgt dafür, dass alle ihre Billetts erhalten, ihre Medikamente nehmen, mit Windeln oder Putzmitteln versorgt sind. Er steht in Kontakt mit der Gemeinde, der Schule, Ärzten, der Polizei. Mit den Asylsuchenden verständigt er sich auf Englisch, Deutsch, Französisch und wenn nötig auch mit Händen und Füssen.

Bei Bedarf kann Daniel Bühler zudem zwei freischaffende Kulturvermittler anfordern. Das tut er, wenn es beispielsweise darum geht, den Asylsuchenden Entscheide aus Bern zu übersetzen und zu vermitteln. «Es ist für die Asylsuchenden nicht immer leicht zu verstehen, weshalb sie nun welchen Status bekommen.»

Kinder lernen schnell

Manchmal komme es auch zu Konflikten unter den Bewohnern. «Ich versuche dann, zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Vorstellungen zu schlichten.» Die Bewohner sind zusammengewürfelt: 80 Prozent sind Syrer, 15 Prozent Tibeter, eine Familie stammt aus Afghanistan. Teilweise leben verschiedene Familien in einer Wohnung.

14 Kinder aus der Lindengutstrasse sind mittlerweile eingeschult worden. «Den Kindern gefällt es in der Schule. Sie sind motiviert und wollen etwas lernen», sagt Bühler. Er staune immer wieder, wie schnell die Kinder Deutsch lernen würden – im Gegensatz zu manchen Erwachsenen. Unter den Asylsuchenden habe es auch immer wieder Analphabeten. «Die Betroffenen versuchen dann, das zu verstecken.» Und er versuche, ihnen zu helfen, sagt er.

Proteste sind nicht spürbar

«Die Nachbarn in der Umgebung sind sehr nett. Auch die Kinder verstehen sich untereinander gut», sagt Daniel Bühler. Von den Protesten, die die Einrichtung der Asylunterkunft den Sommer über begleiteten, merke er nichts. «Die Leute begegnen uns herzlich und grüssen.» Eine Frau habe allen Neuzuzügern Schöggeli gebracht, andere würden Kleider oder Plüschtiere spenden.

Und herzlich erlebt Bühler auch die meisten Asylsuchenden in der Unterkunft. «Viele wollen mich einladen.» Er nehme höchstens mal einen Kaffee oder einen Tee an. «Sonst entsteht Missgunst, weil man mehr Zeit bei den einen als bei den anderen verbringt.»

«Ich bin sowieso ein Einzelkämpfer, aber das bin ich gerne», sagt er. Und er habe es wirklich nie auch nur eine Sekunde bereut, diesen Job angenommen zu haben.

Vom Protest-Grillen bis zum Einzug

Die Asylbewerber sollten eigentlich schon im Mai in die insgesamt 14 Wohnungen an der Lindengutstrasse einziehen. Eingezogen sind sie dann erst im Juli. Denn der Protest aus Aarburg war stark. Der
Gemeinderat versuchte alles, um die Unterkunft zu verhindern. Gemeindeammann Hans-Ulrich Schär überlegte sogar, die Wohnungen zu kaufen. Es scheiterte am Geld.
Während der Aarburger Gemeinderat Ende April fieberhaft nach einer rechtlichen Möglichkeit suchte, um die Unterkunft zu verhindern, trafen sich rund 300 Menschen vor der Asylunterkunft an der Lindengutstrasse. Sie grillierten Würste und tranken Bier. Es war ihre Art des Protestes gegen die Asylunterkunft.
Die Protest-Grillierer machten schweizweit Schlagzeilen. Sie wurden dafür vor allem aus linken Kreisen scharf kritisiert. Doch sie liessen sich nicht beirren und sammelten 1400 Unterschriften gegen die Asylunterkunft. Der Protestführer gründete ausserdem eine Facebook-Gruppe, die immer wieder durch extreme und fremdenfeindliche Kommentare auffiel.
Anfang Mai untersagte dann die Gemeinde mit einer Verfügung den Bezug der Unterkunft. Der Gemeinderat argumentierte, dass es für die Nutzung der Wohnungen als Asylunterkunft eine Umnutzungsbewilligung brauche. Es war klar: Die Gemeinde wollte mithilfe einer langen rechtlichen Auseinandersetzung auf Zeit spielen.
Die Entscheide gingen hin und her. Zwischenzeitlich wusste sich der Aarburger Protestführer nicht mehr anders zu helfen und parkierte sein Auto vor den Eingang der Unterkunft, sodass niemand mehr hineingehen konnte. Anfang Juli zogen überraschend die ersten Asylsuchenden ein. Ein paar Tage zuvor hatte das Verwaltungsgericht die Verfügung aus Aarburg, die den Bezug der Liegenschaft untersagte, aufgehoben. Der Kanton hat einen Mietvertrag für fünf Jahre. (WUA)