Einkaufszentren

«Das ist faktisch ein Supermarktverbot» – Aldi und Lidl kritisieren Vorschriften im Aargau

Vor gut fünf Jahren wurde die Lidl-Filiale in Muri eröffnet – heute ist es für den Discounter schwierig, neue Standorte zu finden.

Vor gut fünf Jahren wurde die Lidl-Filiale in Muri eröffnet – heute ist es für den Discounter schwierig, neue Standorte zu finden.

Lidl-Manager kritisiert restriktive Praxis bei neuen Standorten im Aargau – der Kanton verweist auf Raumplanungs-Vorgaben.

Die beiden deutschen Discounter Aldi und Lidl üben scharfe Kritik an der Umsetzung des neuen Raumplanungsgesetzes im Aargau. Lidl spricht von «grossen Hürden» für ihre Expansion. Das neue Gesetz sei «faktisch ein Moratorium für die Ansiedelung von neuen Verkaufsflächen», sagt Lidl-Sprecherin Corina Milz.

Dennoch sei der Aargau nach wie vor interessant für Lidl und biete auch Potenzial – allerdings weniger auf der grünen Wiese als vielmehr in den Ortszentren. «Da unsere Expansion auf dem Land schon weit fortgeschritten ist, fokussieren wir uns neben der Agglomeration auch auf das städtische Gebiet», hält Corina Milz fest.

Lidl ist seit 2009 in der Schweiz präsent und betreibt zurzeit 8 Filialen im Aargau.

Auch Aldi, mit momentan 13 Geschäften im Kanton, beschwert sich über zu viele Vorschriften. Die Bedingungen hätten sich in den letzten Jahren zunehmend verschlechtert im Aargau, betont Aldi-Sprecher Philippe Vetterli. Neue Einkaufszentren würden ab einer bestimmten Fläche, oft bereits ab 500 Quadratmetern, an gewissen Orten ausgeschlossen. «Faktisch kann in diesen Gebieten mit ‹Supermarktverboten› keine Aldi-Filiale realisiert werden, da sich unsere Verkaufsflächen zwischen 600 und 1200 Quadratmetern bewegen.» Dies schränke die Entwicklung neuer Standorte massgeblich ein, hält Vetterli fest. Oft könne «die Nachfrage der Kunden an bestimmten Standorten nicht erfüllt werden».

Uni-Arbeit zerpflückt Raumplanungsgesetz

Befeuert wird die Kritik der deutschen Discounter durch eine Untersuchung an der Hochschule Luzern. In seiner Arbeit  schreibt Thomas Bätzold, Absolvent des Masterstudienganges Immobilienmanagement an der Hochschule Luzern, der aktuelle Richtplan des Kantons Aargau behindere den Wettbewerb im Detailhandel und fördert damit indirekt den Einkaufstourismus ins benachbarte Ausland. Grund seien konkret «die verschärften Restriktionen für Standorte mit mittelgrossen Verkaufsnutzungen».

Bätzold, der beruflich als Immobilienleiter bei Lidl tätig ist, hält fest: Der Richtplan sehe in neuen Einkaufszentren «ausserhalb bestehender Siedlungsstrukturen eine Gefährdung der Grundversorgung der Bevölkerung in den Ortszentren». Die Gemeinden müssten mögliche Standorte für Läden mit einer Fläche zwischen 500 und 3000 Quadratmetern ausdrücklich festlegen. «Diesen Standorten wird eine zusätzliche Belastung der ohnehin schon stark beanspruchten Verkehrsnetze zugeschrieben», schreibt Bätzold.

Coop zufrieden im Aargau

Die etablierten Grossverteiler Migros (62 Aargauer Läden) und Coop (47 Filialen) schätzen die Entwicklung unterschiedlich ein. Coop lobt die Raumplanung und streicht die gute Zusammenarbeit mit den Gemeinden heraus. «Für eine Gemeinde ist es sehr positiv, eine Coop-Verkaufsstelle im Ort zu haben», sagt Markus Eugster, Leiter Kommunikation Coop Nordwestschweiz-Zentralschweiz. «Im Dialog mit der Gemeinde werden die Möglichkeiten besprochen, wobei auch die Raumplanung eine Rolle spielt.»

Migros bemängelt Restriktionen

Weniger glücklich mit den raumplanerischen Vorschriften im Aargau ist dagegen die Migros. Zwar betont die Migros, bisher keine schlechten Erfahrungen bei der Standortsuche im Aargau gemacht zu haben. Sprecher Reto Wüthrich gibt aber zu bedenken: «Die aktuellen Entwicklungen in der Gesetzgebung zielen leider zusehends auf Restriktionen für Verkaufsflächen, Fahrtenbeschränkung oder Parkplatzlimitierung», sagt Reto Wüthrich, Leiter Kommunikation. Hier herrsche ein offensichtlicher Widerspruch zwischen den Bedürfnissen und dem Verhalten der Kunden und gewissen politischen Stossrichtungen. Das sehe die Migros kritisch, sagt Wüthrich.

Kanton kontert Kritik

Mit den Vorwürfen der Discounter konfrontiert, sagt Bernhard Fischer, Sektionsleiter in der kantonalen Abteilung Raumentwicklung: «Die Realisierung neuer Einkaufsflächen ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine raumplanerische und verkehrsplanerische Frage.» Der zunehmend knappe Raum und die hohen Verkehrsbelastungen würden es unausweichlich machen, für neue Einkaufsflächen gut geeignete Standorte zu ermitteln und schlecht geeignete Standorte auszuschliessen.

Dazu habe der Grosse Rat bereits 2010 die heute geltenden Anforderungen in den Richtplan aufgenommen. Wichtige Aspekte sind laut Fischer das Verkehrsaufkommen, die Immissionen, der Anschluss an den öffentlichen Verkehr, aber auch das Ortsbild, die Siedlungsqualität und die effiziente Bodennutzung. Gemäss dem Auftrag im Raumplanungsgesetz und im Richtplan prüfen die Gemeinden, ob und wo sie solche Areale zur Verfügung stellen wollen, und regeln dies in ihren Bau- und Nutzungsordnungen.

Fischer betont: «Davon abzukehren, widerspräche dem Grundauftrag des Raumplanungsgesetzes diametral, für eine geordnete Siedlungsentwicklung und für die Abstimmung von Siedlung und Verkehr zu sorgen.» Der Raumplanungsfachmann beim Kanton hält fest, gefordert seien deshalb Lösungen, «die den wirtschaftlichen Anforderungen ebenso genügen wie dem Auftrag des Raumplanungsgesetzes».

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