Historische Häuser im Aargau

Das Haus der vielen Generationen – eine Villa, die eine Familie verbindet

Eva und Leonhard Fueter mit Familie vor ihrem Haus an der Römerstrasse in Baden.

Eva und Leonhard Fueter mit Familie vor ihrem Haus an der Römerstrasse in Baden.

Dieses Haus an der Römerstrasse hat eine lange Geschichte: Einst bestieg das Ehepaar Zellweger in Sumatra ein Schiff, um herzufahren. Heute lebt bereits die fünfte Generation der Familie hier.

Die Wohnung ist leer, und trotzdem ist es, als wäre vor einer Minute noch jemand hier gewesen. Im Wohnzimmer riecht es nach Waschpulver, an der Decke brennt eine Lampe, die Balkontür ist geöffnet, und ein brauner Rollladen versperrt die Sicht nach draussen. Da draussen scheint zwar nicht die Sonne, aber würde sie scheinen, so würden schmale Lichtpalisaden schräg in den Raum dringen. Und dann sähe es ein wenig aus wie in einer imperialen Villa aus dem Sumatra des vorletzten Jahrhunderts.

Von Sumatra nach Europa

Die Menschen, die hier wohnten, kamen tatsächlich aus der indonesischen Kolonie. Wenige Jahre, nachdem die neoklassizistische Villa in Baden fertig gebaut war, bestieg das Ehepaar Zellweger ein Schiff in Sumatra und fuhr in Richtung Europa. Das war im September 1908, das Ehepaar war besorgt um seine Kinder, in einem Land, in dem es noch so gut wie keine medizinische Versorgung gab.

Herr und Frau Zellweger waren beides Ärzte. Klara Zellweger war eine der ersten Frauenärztinnen des Landes, und beinahe wäre sie als Mitglied von Shackletons Südpolexpedition in die Weltgeschichte eingegangen, denn für die Expedition hatte sie sich schon angemeldet, aber dann kam ihr die Liebe in die Quere und sie zog nach Sumatra. Zurück in der Schweiz eröffnete sie in ihrem Wohnhaus in Baden ihre Praxis, und Ehemann Jean Jacques Zellweger war der Arzt des nahen Grandhotels.

Ein Würfel auf der Seele

Klara Zellweger sagte manchmal von diesem Haus, es sei ein Würfel und dieser Würfel liege ihr auf der Seele, er wolle sie erdrücken, denn das grosse Haus und der grosse Garten gaben viel zu tun.

Ihre Tochter würde später ebenfalls vom Würfel reden, diesem grossen Steinding, das Lebensstunden wegfrass, das abgestaubt, gewienert und poliert werden wollte. Aber der Würfel war eben auch schön, mit den Stuckaturen an der Decke, den massiven Riemenböden, der umwucherten Fassade, und die Tochter war weitsichtig, sie wusste, dass zukünftige Familien für diesen Würfel keine Zeit haben würden.

Im ersten Stock riechts nach Waschpulver

Deshalb baute sie ihn um, und sie unterteilte ihn in zwei Wohnungen, später wurden drei daraus. Ihr Sohn Leonhard Fueter bewohnt heute mit seiner Familie das Erdgeschoss, die ehemalige Praxis; eine seiner Töchter wohnt im ersten Stock, wo es nach Waschpulver riecht; und der dritte Stock ist vermietet.

Fueter mag das Alte, er kaufte im Jahr 2004 das geschichtsträchtige Bernerhaus in Baden.

Wieso nicht abbrechen?

Jetzt sitzen die Eheleute Eva und Leonhard Fueter in einer modern umgebauten Küche und sinnieren über die Frage nach, warum man diesen Würfel nicht einfach abbrechen und ein Dutzend Blockwohnungen hinstellen soll. Denn denkmalgeschützt wäre dieses Haus nicht.

«Es gibt viele Gründe, ein solches Haus zu behalten», sagt Leonhard Fueter. Es bedeute für ihn Familie, seine Enkel seien die fünfte Generation, die hier lebe. «Es hat viel mit Identität zu tun», sagt er.

Eine Last

«Diese Identität war manchmal eine Last», sagt Eva Lehmann Fueter. Sie lebte mit diesen Gegenständen und dieser Familiengeschichte, die aber nicht ihre eigene war und, die sie manchmal lieber nicht so nahe gehabt hätte. «Als ich hier einzog, fühlte ich mich klein, ich dachte, dieses Haus würde mich verschlucken», sagt sie.

Darum mussten sich einige Dinge ändern. Und so verschwand aus dem Ehe-Schlafzimmer beispielsweise das Porträt eines Grossonkels aus dem neunzehnten Jahrhundert, der sehr ernst, fast grimmig, von der Wand geguckt hatte.

Irgend Etwas erinnert an diesem Haus noch immer vage an eine Villa in den Tropen, als hätte das Ärzte-Ehepaar 1908 etwas aus Sumatra mitgebracht, das man seither nicht mehr rausbrachte.

Aber trotz der langen Geschichte dieses Hauses würde das Ehepaar Fueter nicht hier ausziehen. «So ein Haus ist auch ein Fundament», sagt Leonhard Fueter, «es erinnert einen immer daran, woher man kommt.»

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