Bundesgericht
Bub (†2) zu Tode geschüttelt: So lange muss der Ex-Partner einer Aargauer Mutter ins Gefängnis

Ein Kind wird monatelang misshandelt und stirbt an den Folgen eines Schütteltraumas. Der Beschuldigte fordert vor Bundesgericht eine mildere Strafe – ohne Erfolg.

Manuel Bühlmann
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Die roten Lämpchen im Kopf dieser Simulationspuppe zeigen die Hirnregionen an, die bei einem Kleinkind durch Schütteln geschädigt werden. (Symbolbild)

Die roten Lämpchen im Kopf dieser Simulationspuppe zeigen die Hirnregionen an, die bei einem Kleinkind durch Schütteln geschädigt werden. (Symbolbild)

Keystone/DPA dpa/A4312/_FRANZISKA KRAUFMANN

Der Verdacht fiel sogleich auf den damaligen Lebenspartner der Mutter, die in jener Oktobernacht 2014 ihr Kind verlor. Unmittelbar nach dem Tod des Zweijährigen wurde der Mann noch im Spital festgenommen. Beim Buben aus dem Kanton Aargau stellten die Mediziner ein Schütteltrauma fest, daneben fanden sie weitere Hinweise auf Kindsmisshandlung. Über Monate hinweg war das Kleinkind Gewalt ausgesetzt gewesen, davon zeugten zahlreiche Verletzungen – Hämatome, Stauchungsbrüche, Würgemale, Verbrennungen.

Das Bezirksgericht Baden verurteilte den Beschuldigten, der nicht der leibliche Vater des Kindes ist, im September 2017 wegen vorsätzlicher Tötung und mehrfacher einfacher Körperverletzung zu 13 Jahren Freiheitsstrafe. Nachdem das Aargauer Obergericht das Urteil im Juli 2019 bestätigt hatte, wandte er sich ans Bundesgericht. Vor der obersten Instanz versuchte er, den Gang ins Gefängnis abzuwenden, er verlangte stattdessen eine bedingte Freiheitsstrafe von maximal 24 Monaten.

Heftiges Schütteln als Todesursache

Im Zentrum des am Freitag veröffentlichten Bundesgerichtsurteils steht die Frage, ob der Mann eventualvorsätzlich oder fahrlässig handelte, als er das Kind schüttelte. Die Antwort ist deshalb von Bedeutung, weil fahrlässig begangene Delikte deutlich milder bestraft werden.

Das rechtsmedizinische Gutachten kam zum Schluss: Todesursache war ein mehrfaches heftiges Schütteln oder eine einmalige extrem heftige Schüttelbewegung rund elf Stunden bevor das Kleinkind im Spital verstorben ist. Eine Erkenntnis, die sich nicht mit den Aussagen des Beschuldigten deckte. Er gestand zwar, den Buben geschüttelt zu haben, er habe dies aber einmalig, nur kurz und nicht fest getan. Ausserdem gab er an, die damit verbundene Gefährdung sei ihm nicht bewusst gewesen.

Den Tod in Kauf genommen

Das Aargauer Obergericht wertete dies als Schutzbehauptung. Die verheerenden Folgen eines Schütteltraumas seien allgemein bekannt, urteilte die kantonale Instanz. Der Beschuldigte habe den Buben ruhigstellen wollen und mit seinem Verhalten dessen Tod in Kauf genommen. Für das Obergericht stand somit fest: Der Mann hat eventualvorsätzlich gehandelt.

Zum gleichen Schluss kommen die beiden Bundesrichterinnen und der Bundesrichter, wie das aktuelle Urteil zeigt. Von einem bloss fahrlässigen Vorgehen des Beschuldigten ist ihrer Ansicht nach nicht auszugehen. Vielmehr habe er schwere Verletzungen in Kauf genommen, «indem er dem Kind seinen Willen mit den ihm bekannten Verletzungsfolgen weiterhin mit Gewalt aufzwang», stellt das Bundesgericht fest. Die wiederholten Gewaltausbrüche gipfelten im Schütteltrauma mit tödlichen Folgen. Der Beschuldigte ist demnach zu Recht wegen vorsätzlicher Tötung verurteilt worden.

Verdächtiger Arztwechsel

Der Ex-Freund der Mutter bestreitet, den Buben über Monate hinweg misshandelt und ihm die zahlreichen festgestellten Verletzungen zugefügt zu haben. Ursprünglich hatte ihn die Staatsanwaltschaft in zwanzig Punkten wegen einfacher Körperverletzung angeklagt, in elf Fällen wurde er verurteilt. Die Gerichte stützen sich dabei auf Indizien. Besonders belastend: Erste Verletzungen waren aufgefallen, nachdem der Beschuldigte vermehrt die Betreuung des Buben übernommen hatte. Bereits im Sommer vor der tödlichen Tat hatte ein Mediziner verdächtige Punktblutungen festgestellt, in der Folge sorgte der Lebenspartner der Mutter für einen Arztwechsel. «Es ist anzunehmen, dass er sich dadurch des Verdachts auf Kindesmisshandlung bewusst entziehen wollte», heisst es im Urteil. Der Aargauer Entscheid hält auch in Bezug auf die Verurteilung wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung vor der obersten Instanz Bestand.

Das Bundesgericht weist seine Beschwerde ab. Damit werden nicht nur die 13 Jahre Freiheitsstrafe, sondern auch die Genugtuungssummen für die Eltern des verstorbenen Kindes bestätigt: Der Verurteilte muss der Mutter 45'000 Franken, dem leiblichen Vater 25'000 Franken bezahlen.