Thailand

«Bis zum Ende durchziehen»: Wie das Betreuungsparadies eines Aargauer Auswanderers unter Quarantäne funktioniert

Hans-Jörg Jäger und seine thailändische Frau Lanee betreiben im Nordosten Thailands eine Seniorenresidenz, in der auch Demenzkranke leben. Um die Gefahr für ihre Bewohner einzudämmen, entschloss sich das Paar für einen selbst auferlegten Lockdown ihrer Anlage.

Aus Vernunftsgründen müsse er seine Residenz unter vollständige Quarantäne stellen, so Hans-Jörg Jäger. Und er tut gut daran: In seiner Residenz leben fast ausschliesslich Hochrisikopatienten, für die eine Ansteckung mit dem Corona-Virus tödlich sein kann.

Der Aargauer, der seit gut zehn Jahren mit seiner Frau im Nordosten Thailands lebt und dort eine Seniorenresidenz betreibt, war schon ein paar Mal Gegenstand unserer Berichterstattung. Dies, weil er mit seinem Angebot auch für Demenzkranke eine aussergewöhnliche Betreuung anbietet. Und weil seine Geschichte eine Erfolgsgeschichte ist – berühmt wurden die Jägers durch das Schweizer Fernsehen, das sie für die Dok-Serie «Auf und davon» begleitete.

Ein kleiner See, ein Schwimmbad, 13 Bungalows mit Terrasse, ein Hotel und ein Restaurant, ein Fitness- und Massageraum: Die Jägers bedienen mit ihrem grossen Angebot Senioren, Demenzkranke, Timeout-Gäste und andere Besucher. Bedroht jetzt Covid-19 das Schweizer Paradies in Südostasien?

Um Thailand ist es ruhig

Über und aus Thailand hört man derzeit nicht viel. Die offizielle Zahl der mit dem Corona-Virus Infizierten ist gering: Stand Montag bestätigt die thailändische Regierung 1'388 Infizierte, das Land hat rund 70 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. 

Die Dunkelziffer jedoch ist vermutlich hoch, beachtet man die Tatsache, dass besonders in den letzten rund zwei Wochen viele Thailänderinnen und Thailänder von den touristischen Zentren in ihre Heimatregionen gereist sind – die Verkehrsströme könnten die Ausbreitung des Virus begünstigt haben. Der Tourismus ist in Thailand einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren, und der fällt jetzt so gut wie weg.

Auch Jäger berichtet: «Die Leute trafen mit Sack und Pack aus Bangkok in unserem Dorf ein, weil sie in der Hauptstadt ihre Arbeit verloren. Unsere Gäste sind alle über 70 Jahre alt, der Jüngste bin ich mit bald 63, unser ältester Gast ist 93 Jahre alt. Es blieb uns nichts anderes übrig, als uns unter Quarantäne zu stellen.» In der Residenz wohnen derzeit insgesamt 39 Personen: elf Gäste, davon sind sechs in Betreuung, 23 Angestellte, die Schwiegereltern Hans-Jörg Jägers sowie dessen drei Neffen im Alter zwischen drei und elf Jahren.

50% Lohn, wer zuhause bleibt

Zusammen mit den Angestellten und den Gästen habe Jäger beschlossen, alles dicht zu machen. Die Angestellten haben selbst entscheiden können, ob sie drinnen – also innerhalb der Mauern der Residenz – oder draussen im Dorf bleiben wollen. «Wer mitmacht bekommt eine Prämie von einem halben Monatslohn und wer nicht mitmacht, bekommt immerhin noch 50% Lohn, damit sie möglichst zu Hause bleiben.»

Lanee's Residenz in Thailand: das Betreuungsparadies eines Aargauer Auswanderers unter Quarantäne

Einblick: Hans-Jörg Jäger führt in einem Video-Rundgang über das abgeriegelte Areal.

  

Die Versorgung sei kein Problem: Per SMS könnten er und seine Frau Lanee direkt vom Grosshändler bestellen oder vom Metzger. Reis sei an Lager, Brot würden sie selber backen. «Und mittlerweile haben wir auch genügend Alkohol – um alles gut desinfizieren zu können, versteht sich.»

Zusammen Sport treiben, Bäume fällen

Der Alltag sei etwas abenteuerlich, erzählt Jäger. Es entstehe «Lagerfeeling», weil man alle an einem Strang ziehe und gemeinsam den Alltag planen müsse. «Morgens um 6 Uhr ist Laufen angesagt, und abends um 17.30 Uhr wieder. So können alle miteinander Sport betreiben. Doch auch schon lange Anstehendes wird jetzt gemeinsam erledigt, wie alte Holzhäuschen abbrechen und entsorgen, oder auch Bäume, die am Absterben sind, werden gefällt und entsorgt.»

Weil niemand mehr weder rein und raus kann, entfallen einige Routinen, die besonders für Senioren und Demenzkranke wichtig wären. Der wöchentliche Ausflug zum Beispiel, Coiffeur-Termine und andere regelmässige Termine. «Ein dementer Gast merkt, dass etwas anders ist, und fragt jeden Tag, warum so viele Menschen permanent in der Residenz seien und warum man nicht mehr nach draussen gehe», so Jäger. Ansonsten mache die Quarantäne für die Gäste keinen grossen Unterschied.

Kontakt in die Schweiz hilft

Etwas salopp könnte man behaupten, dass es derzeit keine Rolle spielt, ob Angehörige in der gleichen Stadt oder am anderen Ende der Welt wohnen: Man kann sie sowieso nicht besuchen, Pflege- und Seniorenheime sind auch in der Schweiz abgeriegelt.

Sich über Skype, Facetime oder Telefon mit seinen Angehörigen daheim in der Schweiz auszutauschen, ist darum normal für die Bewohnerinnen und Bewohner von Lanee's Residenz: Schon vor der Corona-Krise war dies der einzige Weg, um Kontakt etwa mit den Kindern zu haben (ausser einem Besuch natürlich). Doch «nicht jeder pflegt den Kontakt zu seinen Eltern oder Grosseltern gleich intensiv, das war schon vor Corona so.»

Hans-Jörg und Lanee Jäger schauen jetzt, was die Regierung macht, und wie sich das ganze ausbreitet. Bis auf Weiteres halten sie die Quarantäne aufrecht. 

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