Schutzmassnahmen

Auf Baustellen-Besuch: So funktioniert das einzigartige Aargauer Kontrollmodell

Der Kanton Aargau holt für die Hygienekontrollen auf Baustellen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter ins Boot. So sollen die Baustellen weiterlaufen und der Schutz der Arbeiter gewährleistet sein.

Ein junger Mann in einem weissen Ganzkörperanzug und einer Schutzmaske desinfiziert auf der Baustelle des neu entstehenden Alterszentrum St.Bernhard in Wettingen eine Toilette nach der anderen. Die Reinigung erfolgt täglich und ist eine der Massnahmen, die das hier zuständige Bauunternehmen Hächler AG getroffen hat, um den Schutz seiner Angestellten während der Pandemie zu gewährleisten.

24 Männer arbeiten auf der Baustelle. Sie gehören zu denjenigen, die ihre Arbeit während des Ausnahmezustands unmöglich von zu Hause aus machen können. Der Arbeitgeber – so hat es der Bundesrat explizit ausgedrückt – ist verpflichtet, seine Angestellten vor der grassierenden Pandemie zu schützen, indem die vorgegebenen Distanz- und Hygienemassnahmen eingehalten werden.

Doch Bauen ist Teamsache und die schwere Arbeit auf einer Baustelle erfordert oft körperliche Nähe. Seit der Kanton Tessin in Eigenregie beschloss, die Baustellen zu schliessen, wurden schweizweit immer wieder kritische Stimmen laut. Verärgerte Bauarbeiter melden sich bei Gewerkschaften und beklagen die Tatsache, dass Hygiene- und Abstandsregeln nicht eingehalten würden.

Der Kanton Aargau hat seine Kontrollen systematisiert

Bajram Arifaj und Andreas Giger-Schmid betreten die Wettinger Grossbaustelle, auf der in den nächsten zwei Jahren 126 Pflegezimmer und 45 Alterswohnungen entstehen. Ihr Besuch ist unangekündigt. Im rohen Betonbau begeben sich die beiden Kontrolleure in den zweiten Stock. Dort wird gerade aus frischem Beton eine Decke gegossen. Zwei Männer und ein Kranführer sind am Werk. Gewappnet mit Helm und Klemmbrett begutachten Arifaj und Giger-Schmid die Situation auf der Baustelle. Die Bewertung über die Einhaltung der Vorgaben betreffend Hygiene und sozialer Distanz erfolgt nach der vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO vorgegebenen «Checkliste für Baustellen».

Nebst der Frage, ob die Bauarbeiter den empfohlenen Sicherheitsabstand einhalten, müssen die beiden Kontrolleure unter anderem auch überprüfen, ob die sanitären Anlagen gereinigt sind, ob genügend Plätze für die Pausen geschaffen wurden, ob die Bauarbeiter genügend Zugang zu fliessendem Wasser und Seife haben und ob die Anzahl Personen bei Gruppenfahrten nach Vorgaben erfolgt. Die Kontrolleure sprechen auch die Bauarbeiter direkt an.

Einheitlichkeit statt Einseitigkeit bei den Kontrollen

Das Besondere: Die beiden Kontrolleure, die normalerweise jeweils für die Gewerkschaften Syna und Unia arbeiten, sind heute im Auftrag des Kantons unterwegs. Seit dem 30. März hat der Kanton Aargau die Hygienekontrollen auf den Baustellen systematisiert und intensiviert. Um die Vorgaben des Bundes wirksam umzusetzen, hat das Departement Volkswirtschaft und Inneres bei der Paritätischen Berufskommission Bau Aargau (PKB) Hilfe geholt.

Auf diese Weise hat der Kanton Aargau ein einzigartiges Kontrollmodell für Baustellen eingeführt: Die für die PKB tätigen Baustellenkontrolleure setzen sich aus Gewerkschaftsmitarbeitenden und aus Verbandsmitarbeitenden zusammen. In diesem Kontrollmodell sind also sowohl die Interessen der Arbeitnehmer als auch diejenigen der Arbeitgeber vertreten. Sie führen proaktiv Hygienekontrollen gemäss der SECO-Checkliste auf den Aargauer Baustellen durch.

Immer nur drei Bauarbeiter pro Baracke

Marc Hedrich ist Polier auf der Baustelle des Alterszentrum St.Bernhard in Wettingen. Er selbst hatte bereits Corona und ist nach einem nicht-problematischen Verlauf wieder auf den Beinen. «Wir haben zusätzliche Container aufgestellt. In der Znüni- und Mittagspause sind neu jeweils maximal drei Arbeiter in einer Baracke.» Auf jedem Tisch steht eine Flasche Desinfektionsmittel, von der Barackenwand lächelt eine leicht bekleidete Dame von einem Kalender herunter.

Doch wie realistisch ist es, die Hygiene- und Abstandsmassnahmen auf dem Bau wirklich umzusetzen? «Es gibt sicherlich Arbeiten, bei denen es nicht möglich ist, den empfohlenen Abstand von zwei Metern einzuhalten», sagt Polier Hedrich. Schwierig werde es etwa dann, wenn die Bauarbeiter eine Wand betonieren: «Den Betonkübel muss man zu zweit halten und oben steht dann ein weiterer, der vibriert.» Bei Nichteinhalten der 2-Meter-Regel sieht die SECO-Checkliste vor, dass die Kontaktzeit maximal 15 Minuten betragen soll. 90 Prozent der Arbeiten, so der Polier, könnten aber unter Einhaltung des Abstands durchgeführt werden. «Mitarbeiter, die als Risikopersonen gelten, wurden nach Hause geschickt», sagt Marc Hedrich.

Eine Baustelle wurde bisher geschlossen

Das Ziel der Zusammenarbeit mit der Paritätischen Berufskommission ist, dass die Baustellen im Aargau weiterbetrieben werden können, sagt Thomas Hartmann, Leiter der Industrie- und Gewerbeaufsicht des Kantons (IGA): «Unter der Bedingung, dass der Schutz der Arbeitnehmer jederzeit gewährleistet ist.» Die Zusammenarbeit zwischen Kanton und der PBK funktioniere hervorragend, schwärmt Hartmann: «Halten wir die Baustellen offen, aber halten wir sie unter Kontrolle.»

Die Kontrolleure übermitteln jeweils am Abend die ausgefüllten SECO- Checklisten sowie ein Erhebungsblatt pro Baustelle an die IGA. Die IGA als Vollzugsorgan des Arbeitsgesetzes nimmt bei festgestellten Mängeln sofort mit den betroffenen Betrieben Kontakt auf und ordnet Vorsorgemassnahmen an. Die Betriebe haben 24 Stunden Zeit, um diese umzusetzen. Können die Massnahmen nicht umgesetzt werden, wird eine Baustelle im schlimmsten Fall sogar per Verfügung geschlossen. «Bisher wurden 280 Betriebe kontrolliert. 121 Betriebe haben Anordnungen von Vorsorgemassnahmen bekommen. Eine Baustelle haben wir geschlossen», sagt Thomas Hartmann. Der Kanton verarbeitet etwa 20 solche Meldungen pro Tag.

Es ist ein Kontrollmodell, bei dem viele verschiedene Interessen zusammenfliessen. Auch diejenigen der Bauunternehmer. André Crelier, Präsident von bauenaargau und Geschäftsführer der Hächler AG, die das Alterszentrum baut, spricht von einem Problem, das alle Beteiligten gemeinsam lösen wollen: «Wir begrüssen die Kontrollen. Die Sicherheit der Mitarbeiter steht für das Unternehmen an vorderster Stelle.» Dass die Baustellen nicht geschlossen wurden, sei enorm wichtig: «Nebst der Verpflichtung, unsere Mitarbeiter zu schützen, haben wir auch die Aufgabe, unsere Unternehmung vorwärtszubringen. Das ist unsere Einnahmequelle.» Das Baugewerbe, so Crelier, sei ein Wirtschaftsmotor.

Die Zusammenarbeit mit dem Kanton und den Arbeitgebervertretern ist eine Lösung, die auch für die Gewerkschaften vertretbar ist. «Im Kanton Aargau kontrollieren wir flächendeckend und präventiv, damit es gar nicht erst so weit kommt, dass sich jemand anonym bei einer Gewerkschaft melden müsste», sagt Andreas Giger-Schmid von der Unia. «Bei den Kontrollen sollen uns die Arbeitnehmenden mitteilen können, wenn es Probleme gibt.» Mit dem Kontrollmodell, das der Aargau angerissen hat, könne man den Mitarbeiterschutz in den Vordergrund stellen. Auf kleinen und mittleren Baustellen seien die Hygienestandards sehr minimal, sagt Andreas Giger-Schmid. «Die aktuellen Massnahmen könnten auch eine Chance sein, dass die Hygienestandards längerfristig besser werden.»

«Die anderen Kantone dürfen sich das gerne abschauen»

Der Aargau habe durch die Zusammenarbeit verschiedener Interessensgruppen eine Pionierrolle eingenommen, sagt Bajram Arifaj von der Gewerkschaft Syna. Die Anrufe von Bauarbeitern hätten seit der Einführung der Kontrollen im Aargau stark abgenommen. «Die Kontrollen kommen bei den Bauarbeitern gut an. Die anderen Kantone dürfen sich das gerne abschauen.»

Einer, der die verschiedenen Stakeholder vereint, ist Pascal Johner. Er ist Geschäftsführer der Paritätischen Kommission und vertritt die Arbeitgeber. Das Kontrollmodell des Kantons Aargau sei ein Erfolg: «Die Art und Weise der Zusammenarbeit zwischen Kanton und Sozialpartnern ist sehr wertvoll. Ohne ein solches wären die Kontrollen auf den Baustellen unkoordiniert passiert.» Lieber miteinander Lösungen finden, als dass die Gewerkschaften gegen die Arbeitgeber Druck aufgebaut hätten. «Mit diesem Kontrollmodell sind wir im Aargau vielen anderen einen Schritt voraus.» Es sei nicht wegzulügen, sie hätten nicht immer die gleiche Meinung, «aber in dieser Sache ziehen alle am gleichen Strick», so Pascal Johner.

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