Es bläst ein eisiger Wind. Es wäre Wetter, um an der Wärme zu sitzen und die Hände an einer heissen Tasse Tee zu wärmen. Alleen anschauen im Winter? Wirklich? «Natürlich», sagt Michel Brunner. «Es ist die beste Zeit. Im Sommer sieht man die Äste wegen der Blätter gar nicht.»

Die beuligen Stämme und knorrigen Äste der alten Bäume haben es Michel Brunner angetan. «Die Bäume erinnern mich an Skulpturen», sagt er. Die Formenvielfalt begeistert den 40-Jährigen. Vor über 20 Jahren hat der gelernte Grafiker damit angefangen, in der Schweiz nach besonderen Bäumen zu suchen. Er hat sie vermessen und fotografiert. So ist ein Inventar von über 4000 Bäumen entstanden.

Inzwischen arbeitet Michel Brunner eng mit Baumpflegern zusammen und gilt als Experte, wenn es um alte Bäume geht. Er lacht. «Eigentlich habe ich kaum Ahnung. Es ist einfach so, dass man ganz allgemein noch sehr wenig über Bäume weiss.» Die Baumpflege stecke erst in den Kinderschuhen. «Die Baumpfleger, denen ich sehr alte Bäume anvertraue, sind rar gesät.» Sein Wissen hat sich Michel Brunner selber angeeignet. Er hat genau beobachtet und dabei Dinge entdeckt, für die es noch keine Begriffe gibt. Diese habe er dann zu umschreiben versucht. «Ich decke auf, zugunsten der Bäume», sagt er. «Es kann nicht sein, dass Bäume aus Unwissenheit gefällt werden.»

Die Platanen-Allee beim Kloster Wettingen gehört zu Michel Brunners Lieblingsalleen. Sie ist eine der ältesten Alleen in der Schweiz und hat es auch in sein neustes Buch «Alleen der Schweiz» geschafft. Darin stellt er über 120 Alleen in Text und Bild vor. Die Platanen in Wettingen wurden vermutlich um 1780 gepflanzt. Sie standen einst so dicht nebeneinander, dass die Gärtner von Krone zu Krone gehen konnten. Auch dieses Jahr haben die Gärtner bereits mit dem Schnitt begonnen. Im Gras liegen dünne Zweige. Diese wurden früher zu Holzbündeln gebunden und zum Heizen benutzt. Alle Platanen in ihre charakteristische Form zu schneiden, ist zeitaufwendig. Es beschäftige zwei Gärtner etwa während zweier Wochen, sagt Michel Brunner.

Hohl heisst nicht gefährlich

Einige Platanen sind innen komplett hohl. «Das heisst aber nicht, dass der Baum deshalb automatisch zur Gefahr wird oder ein Sicherheitsrisiko darstellt», erklärt Michel Brunner. Das sei ein Irrglaube und leider oft der Grund, dass alte Bäume zu Unrecht gefällt werden. Dabei sei es für einen alten Baum sogar gut, wenn er hohl ist, weil er sonst mit den Jahren viel zu schwer würde. Michel Brunner kann nicht verstecken, dass er Mühe hat, wie heutzutage mit Bäumen umgegangen wird. «Sie sind nur noch ein Accessoire. Sie werden gepflanzt und wieder gefällt, wenn sie stören oder ein Bauprojekt gefährden.» Er wünscht sich, dass man Menschen auf spezielle Bäume sensibilisiert, und sie so verstehen, dass alte Bäume nicht zu ersetzen sind.

Von Häftlingen gepflanzt

Unweit von Michel Brunners Lieblingsallee beim Kloster Wettingen steht jene Baumreihe, die ihn dazu inspiriert hat, sein Alleen-Buch zu schreiben. Er lebte während seiner Jugend ein paar Jahre in Ennetbaden und ist deshalb fast täglich an den imposanten Platanen an der Limmatpromenade in Baden vorbeigekommen, deren Stämme und Äste sich in Richtung Wasser neigen. «Es ist schön hier», schwärmt er und blickt nach oben. Als Baumpfleger müsste er hier aber passen. «Ich bin nicht schwindelfrei. Ab einer Höhe von 15 Metern ist für mich Schluss.» Die Äste schwanken ausserdem bedrohlich. Es gebe Baumpfleger, die unter solchen Bedingungen seekrank würden.

Die Platanen in Baden sind jünger als jene in Wettingen. Sie wurden 1832 von Häftlingen gepflanzt. Ursprünglich säumten Bäume beide Seiten des Weges. Seit den 1960er-Jahren ist es nur noch eine Halballee. Eine Baumreihe musste gefällt werden, weil eine Kanalisation gebaut wurde. Gleichzeitig wurde entlang des Ufers jeder zweite Baum entfernt. Dadurch hatten die verbleibenden Platanen mehr Platz zum Wachsen. Ihre gewaltigen Wurzeln heben bereits hier und dort den Asphalt an.

Bäume leiden unter der Hitze

Michel Brunner mustert die dicken Stämme. Bei vielen blättert die Borke ab. Es sei ein Phänomen, das er schon länger beobachte. Seit den letzten heissen und trockenen Sommern habe es aber stark zugenommen. Ihm ist wichtig, klarzustellen, dass dies nicht, wie stets behauptet, auf das schnellere Wachstum der Bäume zurückzuführen sei. Das Gegenteil ist der Fall: Baumstamm und Äste würden austrocknen und sogar schrumpfen, sodass die äussere Borke von der Rinde abgesprengt werde. «Fast könnte man meinen, es sei eine Taktik des Baumes, um sich mit dem darunter hellen, lichtreflektierenden Rindenbild gegen die heissen Sonnenstrahlen zu schützen», sagt Michel Brunner. Er wird das Phänomen weiter genau beobachten.