Energiezukunft

AKW-Abschaltung: Aargauer Verband befürchtet Stromengpass – und will auf Gaskraftwerke setzen

Wird ein Gas- und Dampfkraftwerk wie hier auf dem Bild im deutschen Hamm bald auch im Aargau gebaut?

Wird ein Gas- und Dampfkraftwerk wie hier auf dem Bild im deutschen Hamm bald auch im Aargau gebaut?

Die Mitglieder des Verbandes Aargauischer Stromversorger stehen für zwei Drittel des Aargauer Stromverbrauchs. Der Verband glaubt, dass übergangsweise Gaskombikraftwerke nötig werden, wenn die AKWs vom Netz gehen. Wie er das begründet und was der Präsident der Grünen davon hält.

Das Schweizer Stimmvolk hat die Energiestrategie 2050 gutgeheissen und mit ihr den langfristigen Ausstieg aus der Kernenergie. Spätestens wenn dereinst das letzte AKW vom Netz geht, muss genug anderweitig erzeugter Strom bereit stehen, damit die Energieversorgung reibungslos weiter funktioniert.

Das werde zu einer grossen Herausforderung, schreibt der Verband Aargauischer Stromversorger (VAS) in 14 Thesen zur künftigen Stromversorgung im Kanton Aargau. Im VAS haben sich rund 100 lokale und regionale Stromversoger zusammengeschlossen. Man unterstütze den Teilersatz der heutigen Kernenergie durch ökologische Energieformen, heisst es in den 14 Thesen. Und die Versorger werden aufgerufen, lokal und regional Kapazitäten zuzubauen. Eine ausreichende Stromversorgung sei damit künftig aber nicht gewährleistet.

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Um die Versorgungssicherheit beizubehalten, befürworte man deshalb «eine Umnutzung der bestehenden KKW-Standorte zu Gaskombi-Kraftwerken». Dies sagt Geschäftsführer Ruedi Zurbrügg. Wieso glaubt er nicht an einen Ausgleich durch neue erneuerbare Energien? Zurbrügg: «Die Energieversorger sind die grössten Investoren in erneuerbare Energien, in Solaranlagen, in Biomasseanlagen und anderes mehr, setzen auf Effizienz, auf Speicherung und Sparen. Erfreulicherweise nimmt der Verbrauch sogar ab. Das ist gut. Doch beim Zubau hapert es trotz aller Anstrengungen, gerade bei der Windenergie. Wir sind längst nicht im Fahrplan.»

Gas für eine Übergangsphase

Im VAS-Vorstand habe man diese These intensiv diskutiert, sagt Zurbrügg und sei zum Schluss gekommen, «dass es für eine Übergangsphase von 15 bis 20 Jahren nicht ohne Gaskraftwerke als Überbrückungsmassnahme gehen wird, wenn die Auslandabhängigkeit nicht massiv gesteigert werden soll».

Seit einiger Zeit herrscht aber in Mitteleuropa Stromüberschuss, der Preis ist enorm tief. Dann könnte man für eine Übergangszeit bei Bedarf doch – wie heute schon im Winter – auf Import setzen, so die Frage an Zurbrügg. Darauf dürfe man sich nicht verlassen, warnt er: «Deutschland schaltet bis 2022 seine KKW ab, nimmt gar schon erste unrentable Gaskombikraftwerke vom Netz, setzt aber weiter auf Kohlekraft. Wenn Deutschland mittel- oder längerfristig zuwenig Strom hat, wird es diesen selbst brauchen, und nicht in die Schweiz liefern. Deshalb müssen wir diesen möglichst selber produzieren.» Aber wie will der Verband Gaskombikraftwerke angesichts der drängenden Klimadebatte durchsetzen, würden diese doch die schweizerische CO2-Bilanz durcheinanderwirbeln? «Uns ist klar, dass wir damit politisch heute nicht durchkommen. Wir sind aber überzeugt, dass dies notwendig wird. Und seien solche Werke nur für den Notfall da. Zudem ginge es nur mit CO2-Ausnahmeregelungen.»

Er könne gut nachvollziehen, dass das Klimaziel zuoberst steht, solange die Energieversorgung reibungslos funktioniert: «Wir wollen keine Angst schüren», versichert Zurbrügg. «Natürlich kommen sich Klimaschutz und Gaskraftwerke in die Quere. Dann muss man abwägen. Die Netzstabilität ist heute schon nicht mehr dieselbe wie vor fünf oder zehn Jahren.» Deshalb sei er überzeugt: «Wenn dereinst trotz aller Anstrengungen und Speicherbemühungen plötzlich in grösseren Regionen der Strom ausgeht, weil zuwenig davon verfügbar ist, werden sich viele die Augen reiben, und die Lage neu beurteilen.»

«Es wird keinen Blackout geben», entgegnet Daniel Hölzle, Präsident der Aargauer Grünen, den Energieversorgern: «Mit fast 60 Prozent Anteil der Wasserkraft am heutigen Strommix haben wir eine sehr gute Ausgangslage. Aber natürlich müssen wir unsere noch ungenügenden Anstrengungen massiv verstärken, effizienter werden. Die günstigste Energie ist zudem diejenige, die wir nicht brauchen.» Es dürfe kein neues Haus mehr gebaut werden ohne eine Solaranlage auf dem Dach, wenn es nicht grad völlig im Schatten stehe, fordert Hölzle. Häuser müssten besser isoliert und Erdwärme genutzt werden.

Grüne kündigen Widerstand an

Das spart Öl, aber doch nicht Strom? «Es geht ums Ganze», betont Hölzle. Die Energiewende und damit der Klimaschutz klappten nur mit der gleichzeitigen Abkehr von den fossilen Energien: «Neue Häuser können zudem mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Darauf müssen wir setzen!» Ihm sei aber schon klar: «Wenn wir in den Alpen mehr Solarenergie und endlich die Blockade bei der Windenergie überwinden wollen, geht das nicht ohne Kompromiss im Landschaftsschutz.» Hölzle ist überzeugt, dass es bald auch im grossen Stil zu bezahlbaren Kosten gelingen werde, solar hergestellten Überschussstrom vom Sommer für den Winter aufzusparen. Dieser werde nicht nur genügend, sondern inklusive Speicherung sogar günstiger sein als der Strom aus den AKW, deren Langzeitkosten dann noch dazu kämen.

Mit der Energiewende könne die Schweiz nur gewinnen, etwa indem sie in neue Technologien investiere, ist Hölzle überzeugt. Gaskraftwerke würden nicht zu einer selbstbewussten und innovativen Schweiz passen. «Gegen solche Kraftwerke und gegen allfällige CO2-Ausnahmeregelungen würden sich die Grünen mit aller Kraft wehren, kündigt Hölzle an.

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