Seegfrörni
Aargauer Gewässer frieren zu – doch wer das Eis betritt, geht ein Risiko ein

Mit dem Dauerfrost der letzten Tage frieren Teiche, Weiher und kleine Seen im Aargau zu. Ob die Eisdecke dick genug wird zum Schlittschuhlaufen, ist aber fraglich. Nötig wären dafür windstille Tage mit Minusgraden.

Fabian Hägler
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Das Fischbacher Mösli im Freiämter Reusstal ist zugefroren – der Gemeinderat gibt die Eisfläche nicht frei, dennoch zeigen Fussspuren, dass sich Leute aufs Eis wagen.

Das Fischbacher Mösli im Freiämter Reusstal ist zugefroren – der Gemeinderat gibt die Eisfläche nicht frei, dennoch zeigen Fussspuren, dass sich Leute aufs Eis wagen.

Dominic Kobelt

Seit mehreren Tagen ist die Temperatur im Aargau nicht mehr über 0 Grad gestiegen, und bis am Wochenende soll dies so bleiben. Diese sogenannten Eistage lassen Weiher, Teiche und kleinere Seen gefrieren. Welche Gewässer zugefroren und freigegeben sind, publiziert die Polizei in den Kantonen Zürich und Zug in sogenannten Eisbulletins. Im Aargau gibt es keine kantonale Übersicht, für die Freigabe von Eisflächen sind die Gemeinden zuständig, wo sich das jeweilige Gewässer befindet.

Von einer Eisschicht bedeckt ist unter anderem das Fischbacher Mösli im Freiämter Reusstal. Der Weiher ist 100 Meter breit und 290 Meter lang, würde sich also zum Schlittschuhlaufen eignen. Wer sich aufs Eis wagt, tut dies in Fischbach-Göslikon allerdings auf eigene Gefahr. Auf der Website des Dorfes ist zu lesen: «Wir weisen darauf hin, dass die Eisschicht auf dem Moossee durch die Gemeinde nicht kontrolliert und vom Gemeinderat somit auch nicht freigegeben wird.» Wer die Eisfläche dennoch betrete, tue dies auf eigenes Risiko, hält der Gemeinderat fest. Und: «Damit keine Missverständnisse auftreten, werden entsprechende Hinweistafeln beim Moossee angebracht.»

Betreten oft auf eigene Gefahr

Gleich geht auch die Gemeinde Bergdietikon vor, wenn es um den Egelsee geht. Dieser werde grundsätzlich nie freigegeben, wie Werkhofmitarbeiter Reto Vogel der Limmattaler Zeitung sagte. Das Betreten geschehe ausschliesslich auf eigene Gefahr. Dies signalisiere den Eislauf-Willigen ein Schild am Ufer des Egelsees.

Doch wie dick muss das Eis sein, damit man es gefahrlos betreten kann? Thomas Posch von der Limnologischen Station der Universität Zürich, der sich als Wissenschaftler mit Seen befasst, rät ausdrücklich zur Vorsicht, wenn es um nicht freigegebene Gewässer geht. «Es gibt zwar einen groben Richtwert von 15 Zentimetern – aber die Eisdecke ist fast in jedem See nicht überall gleich dick.» Gerade an Stellen, wo noch etwas wärmeres Wasser zufliesse, etwa ein Bach oder ein kleiner Fluss, könne die Eisdecke viel weniger dick sein. Posch betont: «Ich würde ohne langjährige Erfahrungswerte zur mittleren Eisdecke nie auf einen unbekannten See gehen. Da sollte man sich besser auf die Behörden verlassen, ob sie einen See zum Betreten freigeben oder nicht.»

Nicht auf die Behörden, sondern auf sein Gehör und seine Erfahrung verlässt sich Ursus Merz. Der heute 72-jährige Bootsbauer aus Beinwil am See beobachtet den Hallwilersee und das Eis seit Jahrzehnten. In einem Porträt im Magazin «1A!Aargau» von 2015 beschrieb er seine Methode: «Man hört, wie das Eis gefriert. Ich legte mich am Seeufer auf den Bauch und lauschte. Am Tag darauf überprüfte ich, wie dick das Eis über Nacht geworden ist.» Das Geräusch des Eises sei sehr wichtig, um es einschätzen zu können. «Das kennt jeder vom Übers-Eis-Gehen: Wenn es knackst, wird es gefährlich. Am besten fährt man auf einer sicheren Stelle mit Schlittschuhen im Kreis und weitet den Radius immer weiter aus. So kann man das Eis Meter für Meter untersuchen.» Wichtig sei auch die Reinheit des Eises. «Weist es in geringem Abstand Blasen auf, ist es nicht besonders stabil. Man kann auch prüfen, ob der Boden zu sehen ist, und messen, wie hoch das Schilf aus dem gefrorenen Wasser ragt», sagt Merz. Wenn das Eis stabil genug war, lief er darüber. «Dabei muss es federn, aber nicht zu viel, sonst bricht es», sagt der Eiskenner.

Küttigen AG, 10. Januar 2017 Meryl DG Bln / via Facebook
65 Bilder
10. Januar 2017 Patricia Vlasak Pruijs / via Facebook
Habsburger Wald AG, 10. Januar 2017 Doris Läubin-Zurbuchen / via Facebook
Dreikönigskuchen? Jolanda Ernst / via Facebook
Die Suhre bei Buchs AG, 10. Januar 2017 Maria Gallego / via Facebook
Stetten AG, 10. Januar 2017 Thomas Stephani / via Facebook
Buchs AG, 10. Januar 2017 Maria Gallego / via Facebook
In Bellach SO, 10. Januar 2017
10. Januar 2017 Virgi Stuckert / via Facebook
10. Januar 2017 Rita Beier / via Facebook
Aarburg, 10. Januar 2017 Robert Steinmann / via Facebook
Suhr AG, 10. Januar 2017
Bremgarten AG, 10. Januar 2017 Hans-Peter Brunner / via Facebook
Buchs AG / 10. Januar 2017 Maria Gallego 7 via Facebook
Merenschwand, 10. Januar 2017 Rita Fischer / via Facebook
Endlich ist der Winter da – die schönsten Schnappschüsse aus der Region
Schnee am 3. Januar 2017
undefined Wintertag am Waldesrand Lägern
undefined Uezwiler Äpfel im Winterzauber
Auf dem Bözberg.
undefined Sonne am Waldesrand
Spitze Dornen im Schneekleid.
Auf dem Bözberg.
Auf dem Bözberg.
Auf dem Bözberg.
Waldweg in Wettingen.
Winter (und Nebel) in der Gemeinde Schiltwald im Ruederthal AG. Chris Iseli
Winter (und Nebel) in der Gemeinde Schiltwald im Ruederthal AG. Chris Iseli
Lenzburg Edith Meier / via Facebook
Utzenstorf BE Jolanda Ernst / via Facebook
Tonishüttli (zwischen Höchi Flue und Roggenflueh, oberhalb Oberbuchsiten SO) Barbara Junker / via Facebook
 Cédric Bolleter / Unterentfelden
Lenzburg Edith Meier / via Facebook
Oberhalb Oberbuchsiten SO Barbara Junker / via Facebook
Untersiggenthal AG Hamid Mansori / via Facebook
Klingnauer Rebberg. Philipp Zimmermann
Moosleerau AG Nadja Weiss / via Facebook
 Hans Lenzin / via Facebook
 Sandra Levekus / via Facebook
Buchs AG Maria Gallego / via Facebook
AZ-Frühzustellerin per Velo Sibylle Ballardin-Grob / via Facebook
Buchs AG Maria Gallego / via Facebook
Bellach SO via Facebook
Klingnauer Rebberg. Philipp Zimmermann
Seon AG Alime Köseciogullari / via Facebook
Remetschwil AG Beatrice Mair-Baumgartner / via Facebook
Remetschwil AG Becky Manhart / via Facebook
Buchs AG Maria Gallego / via Facebook
 Alwin Gasser / Solothurn
Blick vom Klingnauer Rebberg auf das Städtchen, im Hintergrund der Klingnauer Stausee. Philipp Zimmermann
Gränichen AG Jeannette Maria Schnyder / via Facebook
Im Ruedertal Urs Riedo / via Facebook
Wildegg AG Markus Härdi / via Facebook
Aarau Schachen Bilàl Gûdûcû / via Facebook
Kölliken AG Christine Haefliger-Meyer / via Facebook
Klosterkirche Muri AG Urs Fricker / Leserfoto
Seengen AG Barbara Hauri / via Facebook
Ausblick aus der Küche Elsbeth Steiner Soland / via Facebook
Birr AG Ramona Ponekovic / via Facebook
Schloss Lenzburg Elisabeth Eggenberger / via Facebook
Suhr AG Gabi Kruspe / via Facebook
Beinwil AG Dineke Gagulic Seggers / via Facebook
Hornussen Summelegg AG Jolanda Amsler-Bürg / via Facebook
Birrhard AG Joe Scherer / via Facebook

Küttigen AG, 10. Januar 2017 Meryl DG Bln / via Facebook

Zur Verfügung gestellt

Fünfweiher nicht freigegeben

Auf präzise Messungen setzt die Stadt Lenzburg, wenn es um die Freigabe des Fünfweihers geht. Dort hat es zwar Eis, die Schicht ist aber bei weitem nicht dick genug, um ihn freizugeben, wie Christian Brenner, Leiter der städtischen Abteilung Tiefbau, sagt. «Wir messen dort die Eisstärke regelmässig an definierten Punkten, freigegeben wird der Fünfweiher erst, wenn das Eis überall mindestens 15 cm dick ist.» In diesem Winter sei die Eisschicht bisher noch nie dicker als 5 cm gewesen. Brenner geht eher nicht davon aus, dass der Weiher, wo früher auch Eishockey und Curling gespielt wurde, dieses Jahr freigegeben werden kann. «Es bräuchte wohl noch zwei, drei Wochen lang so tiefe Temperaturen wie jetzt, damit es reicht», meint er.

Dies scheint eher unwahrscheinlich: Zwar geht SRF Meteo davon aus, dass es im Flachland bis Anfang nächster Woche acht bis zehn Eistage in Folge geben wird. Auf der Alpennordseite stieg die Temperatur letztmals am Sonntag über den Gefrierpunkt. Seither herrscht Dauerfrost, Plustemperaturen werden erst kommende Woche erwartet. In den letzten Tagen liess die starke Bise den Aargau schlottern. Doch was Menschen als Kältefaktor empfinden, ist nicht optimal für die Eisbildung auf Weihern und Seen.

Das waren noch Zeiten – Bilder von der letzten Seegfrörni des Zürichsees 1963:

Im Winter 1963 fror der Zürichsee das letzte Mal zu, so dass die Eisdecke für die Bevölkerung begehbar wurde.
7 Bilder
Ab dem 22. Januar 1963 waren die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft und der Fährbetrieb Horgen-Meilen gezwungen, ihre Fahrten einzustellen.
Am 24. Januar 1963 war der Zürichsee von Schmerikon am Obersee bis Zürich durchgehend zugefroren.
Vierzig Tage lang verharrte das Thermometer in Zürich unter dem Gefrierpunkt und bescherte den Zürchern die «Seegfrörni».
Während kleinere, flache Seen im Winter gerne einmal zufrieren, ist das bei grösseren Seen wie dem Zürichsee ein seltenes Naturschauspiel.
Einige Schweizer Seen, wie etwa der Brienzersee oder der Urnersee, sind in historischer Zeit noch nie zugefroren.

Im Winter 1963 fror der Zürichsee das letzte Mal zu, so dass die Eisdecke für die Bevölkerung begehbar wurde.

Keystone

Thomas Posch erklärt: «Grundsätzlich ist eine sehr kalte Periode mit Wind gut.» Durch die Wellen kühle sich das Oberflächenwasser viel schneller ab und könne sich mit dem kalten Tiefenwasser vermischen. «Zur eigentlichen Eislegung sollte es aber am besten windstill sein.». Diese beginne bei den grösseren Seen meist am Rand, wo sich das Wasser bereits stärker abgekühlt hat als über den tiefsten Bereichen des Sees. Eis bilde sich auch in den Häfen, die geschützt sind gegen Wellen. Mit der schwächer werdenden Bise steigt die gefühlte Temperatur in den nächsten Tagen, die Voraussetzungen für die Eisbildung verbessern sich zugleich.

Seen frieren immer seltener zu

Nicht nur Teiche, Tümpel und Weiher, sondern auch die grossen Seen in der Schweiz froren vor 54 Jahren vollständig zu. «Im Winter 1962/63 wurden insgesamt fast 600 Kältegrade gemessen», sagt Thomas Posch von der Limnologischen Station der Universität Zürich. Das heisst: es war zwischen 1. November und 31. März fast 60 Tage lang im Schnitt minus 10 Grad kalt. «Damit der Zürichsee gefriert, braucht es rund 320 Kältegrade, dies wurde damals bei weitem übertroffen. In den letzten Jahren waren die Winter hingegen deutlich wärmer: 2013/2014 wurden insgesamt 5,2 Kältegrade gemessen, 2014/2015 waren es immerhin 24,1 Grad, im Winter 2015/2016 dann lediglich 7,1 Grad.

Mit der nun herrschenden Frostperiode dürfte dieser Winter einer der kälteren der letzten Jahre sein. Dennoch ist Ursus Merz, der sich gut an die Seegfrörni von 1963 erinnert, eher pessimistisch, dass es dieses Jahr viel Eis auf dem Hallwilersee geben wird. «Es ist noch nicht lange kalt, zudem bläst der Wind zu stark», sagt der 74-Jährige aus Beinwil am See. Es könne sein, dass sich in Mosen oder beim sogenannten Zopf in Seengen am Wochenende etwas Eis bilde, wenn die Bise nachlasse. An diesen Orten sei das Wasser flach, deshalb seien die Chancen dort am besten.

Dass der Hallwilersee wieder einmal vollständig zufriert ist indes äusserst unwahrscheinlich. 2006 publizierte Harrie-Jan Hendricks Franssen vom Institut für Umweltingenieurwissenschaften an der ETH Zürich eine Studie zur Eisbildung. Der Wissenschafter wertete die Daten von zehn Mittellandseen aus 100 Jahren aus und wies nach, dass die Gewässer in den vergangenen 40 – und insbesondere in den letzten 20 Jahren – immer seltener vereisten. Besonders auffällig sei dieser Trend bei den Seen im Aargauer und Luzerner Mittelland mit Tiefen zwischen 25 und 45 Metern. Für die Studie hatte Hendricks Franssen Wetterdaten der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt, Berichte von Fischern und Seerettungsdiensten, private Tagebücher und Zeitungsartikel über den Pfäffikersee, den Greifensee, den Hallwilersee, den Sempachersee, den Baldeggersee, den Sarnersee, den Bielersee, den Murtensee, den Ägerisee sowie den Untersee ausgewertet. (fh)

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