Wahlen AG 2016

Im zweiten Wahlgang wird die Wahlbeteiligung in die Höhe schnellen - wir sagen, wer profitiert

Bei den Grossratswahlen warf nicht einmal jeder Dritte seine Stimme in die Urne.

Bei den Grossratswahlen warf nicht einmal jeder Dritte seine Stimme in die Urne.

Warum wählt fast jeder zweite Aargauer seine Nationalräte, aber warum will nur jeder dritte den Regierungsrat wählen? Politologe Mark Balsiger gibt Auskunft und erklärt, warum im zweiten Regierungsrats-Wahlgang mehr Aargauer an die Urne gehen werden. Wer wird davon profitieren?

Wie sehr interessieren sich die Aargauer überhaupt für den Aargau? Die Frage kann stellen, wer die Wahlbeteiligung studiert. Nur gerade jeder dritte Aargauer ging am Sonntag an die Urne, um die Gross- und Regierungsräte zu wählen. Seit Jahren stagniert die Wahlbeteiligung für die kantonalen Wahlen auf diesem tiefen Niveau. Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn jeweils die National- und Ständeräte gewählt werden. Da gehen die Aargauer viel fleissiger an die Urne. Fast jeder zweite Stimmbürger legt dann einen Wahlzettel ein.

Für Politologe Mark Balsiger liegt auf der Hand, weshalb die Wahlbeteiligung bei kantonalen Wahlen deutlich tiefer liegt. "Eidgenössische Wahlen werden über viele Monate hinweg hinweg intensiv begleitet. Inzwischen beginnen sie meistens schon ein Jahr vor dem Wahltermin." Dagegen finde die Kantonspolitik in den Medien viel weniger Resonanz – und dies nicht nur während des Wahlkampfs, sondern auch während der Legislaturperiode. 

infogr.am: Wahlbeteiligung im Kanton Aargau 1971 - 2016

Überhaupt sieht Balsiger das kantonale Parlament marginalisiert. Einerseits nehme "Otto-Normalverbraucher" die Arbeit des Grossen Rats im Vergleich mit dem nationalen Parlament als weniger gewichtig wahr. "Für viele Bürgerinnen und Bürger ist Aarau als Hauptstadt gefühlt weit, weit entfernt, gerade für die Leute aus dem Fricktal oder dem Freiamt. Was das Kantonsparlament dort entscheidet, wird oft als abstrakt wahrgenommen."

Klar ist für Balsiger, dass die Wahlbeteiligung beim zweiten Wahlgang der Regierungsratswahlen am 27. November viel höher sein wird als am letzten Sonntag. Grund dafür: Die Sogwirkung der Atomausstiegsinitiative der Grünen, die stark mobilisieren werde.

Doch wer profitiert von der Initiative, links oder rechts? "Rot-Grün legt sich für die Initiative stark ins Zeug, was eine überdurchschnittliche Mobilisierung dieses Lagers zur Folge haben wird", so Balsiger.

Im atomkritischen Kanton Basel-Stadt, wo ebenfalls der zweite Wahlgang für die Regierungsratswahlen stattfindet, geht Balsiger deshalb von einem Vorteil für das linke Lager aus. Für den Aargau aber will der Politologe dieselbe Prognose nicht stehen lassen: "Ein beachtlicher Teil des Aargauer Elektorats ist schon seit jeher atomfreundlich. Die beiden Lager werden sich gegenseitig hochschaukeln."

Tiefe Beteiligung nützt grossen Parteien

Auf das Resultat hat die tiefere Wahlbeteiligung ebenfalls Auswirkungen, wenn man Politologen glaubt: "Bei einer niedrigen Wahlbeteiligung profitieren die grossen Parteien, weil sie eine Stammwählerschaft haben, die sowieso an die Urne geht", sagte Politikwissenschafter Adrian Vatter nach den Aargauer Wahlen gegenüber Radio SRF. Kleinere Parteien müssten dagegen bei einer niedrigen Wahlbeteiligung "viel stärker ihre eigenen Leute mobilisieren". Balsiger teilt diese Einschätzung im Grundsatz.

Nur einmal in den vergangenen 20 Jahren schloss die Grossrats-Wahlbeteiligung zum Nationalrat auf: 2001 erreichte die Wahlbeteiligung 40 Prozent. Grund dafür war die Initiative "EU-Beitritt sofort vors Volk", über die am selben Tag abgestimmt wurde.  Ganz anders sah die Situation vor 50 Jahren aus: 81,2 Prozent der stimmberechtigten Aargauer Männer nahmen 1965 an der Grossratswahl teil. Der Wert wurde nicht mehr erreicht, was kein Wunder ist: damals galt die Stimm- und Wahlpflicht. Sie wurde erst 1971 abgeschafft.  Dafür durften ab 1971 die Frauen erstmals wählen. Seither lag die Nichtwählerquote bei den Frauen stets höher als bei den Männern, wie das Statistische Jahrbuch 2015 des Kantons festhält. "Allerdings nähert sich die Beteiligungsquote der Frauen immer mehr derjenigen der Männer."

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