Sie arbeiten unter Hochdruck auf die neue Spitalfinanzierung hin. Können Sie noch schlafen?
Susanne Hochuli:
Bestens. Es gäbe andere Dinge, die mich nicht schlafen liessen, etwa wenn ich ein Spital schliessen oder selbst ins Spital eingeliefert werden müsste.

In den Privatkliniken geht mit Blick auf die kommende neue Spitalliste die Angst vor Ungleichbehandlung um, weil der Kanton «seine» öffentlichen Spitäler ja nicht hängen lassen werde, wie es Hirslanden-CEO Philipp Keller sagt.
Diese Ängste sind da und werden auch immer wieder ausgedrückt, aber sie sind nicht begründet. Es gibt keine Belege dafür.

Das weiss man ja auch erst, wenn die Liste vorliegt?
Alle Häuser, öffentliche und private, wissen, dass es ein Bewerbungsverfahren gibt. Sie wissen, wie der Kanton vorgehen will. Aufgrund des Versorgungsberichts kennen sie auch die gemeinsamen Kriterien der vier Nordwestschweizer Kantone. Wir arbeiten so transparent, wie es nur geht. Und natürlich hat der Aargau seinen Spitälern gegenüber eine gewisse Verantwortung.

Inwiefern?
Diese gründet auf dem in der Verfassung festgelegten Versorgungsauftrag für die Bevölkerung. Ohne die beiden Kantonsspitäler könnte er nicht erfüllt werden. Keine andere Institution könnte in diese Lücke springen. Dem Kanton geben eigene Häuser auch die nötige Sicherheit. Trotzdem wird es zu keiner Bevorzugung der kantonseigenen Häuser kommen.

Im Gesundheitswesen ist der Wunsch nach einer einheitlichen Baserate so verbreitet wie beim Kanton. Kann er nichts machen?
Der Grosse Rat hat in der neuen gesundheitspolitischen Gesamtplanung festgehalten, dass er eine kantonal einheitliche Baserate will. Das werden wir nicht schon per 2012 erreichen, doch das ist unser Ziel. Deshalb werden wir nur Tarife genehmigen, die in einer bestimmten Bandbreite liegen.

Nationalrätin Ruth Humbel pocht in Bern in einem Vorstoss auf einheitliche Baserates. Hilft das?
Die Zeit wird leider kaum reichen, dass sich das Parlament noch vor dem Start der neuen Spitalfinanzierung abschliessend dazu äussern kann. Äusserst hilfreich gewesen wäre es, wenn das Parlament von Anfang an klare Vorgaben gemacht hätte, die nicht derart extensiv interpretiert werden können. Gewollt ist ja Wettbewerb. Ohne einheitliche Baserate kriegen wir den aber nicht hin.

Teilen Sie die Ängste von KSA-CEO Urs Karli vor einem administrativen Super-GAU, wenn jede Kasse mit den Spitälern die Tarife individuell aushandelt?

Diese Ängste kann ich gut nachvollziehen. Bei individuellen Tarifen müssten die Spitäler ihre Administration hochfahren. Das macht alles viel teurer. Daran können die Kassen doch nicht interessiert sein.

Noch mehr Sorge bereitet Dieter Keusch, CEO des KSB, dass Santésuisse die Tarife der kostengünstigsten Spitäler einfrieren wolle. Werden die kostengünstigen bestraft?
Als Spitaldirektor würde ich mich auch veräppelt fühlen, wenn ich für gute Kostenstrukturen sorgte und zur Strafe eine zu tiefe Baserate erhielte. Das KSB arbeitet sehr kostengünstig. Eine zu tiefe Baserate brächte es in finanzielle Schwierigkeiten. Doch wir brauchen die Kantonsspitäler. Die Versicherungen dürfen weder sie noch andere für die Erfüllung des Versorgungsauftrags wichtige Häuser tariflich aushungern. Es darf nicht passieren, dass der Kanton eines Tages doch wieder Geld nachschieben muss. Gleichzeitig muss der Kanton aber auch die öffentlichen Häuser mit ihren Liegenschaften zu vernünftigen Bedingungen in die Freiheit entlassen.

Der Kanton ist in einem Zwiespalt. Er will gute Tarife für die Spitäler. Anderseits zahlt er letztlich 55 Prozent der Kosten. Da will er doch wieder möglichst günstig fahren.
Wir sind interessiert daran, dass die Häuser im Kanton qualitativ gut und kosteneffizient arbeiten und gleichzeitig à jour bleiben. Sonst wandern die Patienten in andere Kantone ab, der Aargau würde Wertschöpfung verlieren – und als Konsequenz müssten wir dann wohl noch unsere Versorgungsstrukturen herunterfahren. Das wäre absolut nicht in unserem Interesse.

Noch offen ist, ob die sanierungsbedürftigen Kantonsspitäler durch ein neues Spital auf der grünen Wiese ersetzt werden sollen. Wäre das politisch überhaupt machbar?
Der Grosse Rat hat einen Bericht dazu gefordert. Im Spätsommer soll er ins Parlament kommen. Es gibt verschiedene Formen von Zentralspitälern: Ein virtuelles Zentralspital an zwei Standorten, wie es heute die Kantonsspitäler Aarau und Baden bereits sind, aber mit klarer Definition, wer sich worauf spezialisiert. Eine weitere Variante ist die Zusammenführung der beiden Kantonsspitäler an einem einzigen Standort. Oder ein grosses Zentrums- oder Akutspital für den ganzen Kanton. Wir müssen diese Varianten mit dem Status quo vergleichen. Angenommen, die Fakten würden klar für ein neu zu erstellendes Zentralspital auf der grünen Wiese sprechen und die Politik würde dazu trotzdem Nein sagen...

...dann?...müsste sie wissen, dass die andere Variante zwar mehr dem Kanton der Regionen entspräche, aber halt auch mehr kosten würde. Wichtig ist, in dieser Frage neben den versorgungspolitischen auch andere Gegebenheiten in die Überlegungen einzubeziehen.

Will heissen?
Ich sage es so: Berge trennen und Flüsse leiten. Sehen Sie sich zum Beispiel die Fricktaler an: Wenn sie über die Staffelegg müssen, gehen sie «in den Aargau». Würden wir ein Zentralspital bauen, bekämen wir wohl irgendwann ein Dankesschreiben aus dem Kanton Zürich, weil sich dann immer mehr Menschen aus dem Ostaargau lieber dort behandeln lassen würden. Der Aargau hat immer daran gedacht, dass er ein Kanton der Regionen ist.

Und wie werden jetzt Sanierung (KSA) bzw. allfälliger Neubau (KSB) bezahlt?
Ein entscheidender Punkt ist die Frage der Übertragung der Spitalliegenschaften. Zu welchem Preis geben wir den Häusern was mit? So können wir steuern. Dieser Prozess ist zwischen dem Kanton und den Häusern am Laufen.

Deshalb frage ich.
Wir haben den Häusern und der Grossratskommission Mitte Januar die Sicht des Kantons dargelegt. Die Berechnungen und Modalitäten mit Rückzahlungen oder mit Darlehen werden natürlich von Haus zu Haus unterschiedlich aussehen. Das hängt auch davon ab, wer wie grosse Investitionen tätigen muss. Ziel ist, dass sie sich für den Wettbewerb fit machen können und die Privaten dadurch nicht einen Nachteil haben. Mir als Gesundheitsdirektorin ist wichtig: Die Häuser müssen auf gesunden und starken Beinen in die Freiheit entlassen werden. Zum Teil besteht sehr hoher Investitionsbedarf. Das muss unbedingt berücksichtigt werden.

Sie mahnen immer wieder, nicht nur von den Kosten zu reden. Was ist Ihnen mit Blick auf 2012 am wichtigsten?
Zum Ersten müssen die Leistungserbringer innovativ bleiben und Veränderungen aktiv mitgestalten. Zum Zweiten ist es im Interesse der Politik, weiterhin Rahmenbedingungen für eine bedarfsgerechte, qualitativ hochstehende und wirtschaftliche Gesundheitsver- sorgung zu schaffen. Zum Dritten: Wenn Patienten als Prämien- und Steuerzahler über die hohen Kosten klagen, mögen sie auch an die hohe Qualität der Leistungen denken, die sie erhalten und dass sie selbst Teil dieses (Kosten-)
Kreislaufs sind.

Ein Kanton soll künftig nicht mehr Plätze anbieten, als er für seine Patienten braucht. Der Aargau ist aber ein ausgesprochener Reha-Kanton mit vielen Patienten gerade aus Zürich. Kann er diese Stellung halten?
Ja, so gesehen hat der Kanton Aargau zu viele Plätze. Doch das Bundesrecht verpflichtet die Kantone auch zu gemeinsamer Planung. Die Lösung besteht darin, dass der Kanton Zürich diese Kliniken auf seine Spitalliste setzt, statt selber Kapazitäten aufzubauen. Ich bin mit meinem Zürcher Regierungskollegen Thomas Heiniger in Kontakt.

Mit der neuen Spitalfinanzierung werden Kosten von den Kassen zur öffentlichen Hand verlagert. Spüren die Patienten dies positiv auf ihrer Prämienrechnung?
Sinken werden die Prämien sicher nicht. Aber das Wachstum muss sich verlangsamen.

Wie bitte? Das gäbe aber massive Frustrationen.
Mich würde es nicht frustrieren, weil ich nie daran geglaubt habe, dass die Versicherer die Kostenverlagerung in den Prämien abbilden.

Dann wäre dieser wichtige Teilzweck ja für nichts.
Es ist für nichts.

Und trotzdem arbeiten Sie voll an der Umsetzung?
Ich könnte ja sagen, in Bern sei miserabel legiferiert worden und auf dem Bundesplatz einen Sitzstreik machen. Das nützt aber nichts. Ich wirke stattdessen in der Umsetzung auf Kantonsebene mit, um das Beste daraus zu machen. Sollte die Reform wider Erwarten doch die Prämienentwicklung dämpfen, wäre ich die Erste, die sich bei den Krankenkassen bedankte.