Auf einer schneebedeckten Anhöhe zwischen Zeihen und Densbüren lehnt sich der 68-Jährige in seinen Hirtenstock und beobachtet die grasende Herde, mit der er über den Winter von Schneisingen bis Olsberg unterwegs ist. «Ich muss nur das Scharen der Hufe im Schnee und das Abreissen der Grashalme hören – das gibt mir Zufriedenheit», sagt van der Graaff, der seit 22 Jahren als Wanderhirte unterwegs ist. Für diese ruhigen Momente in der Natur nimmt er auch die Kälte in Kauf. «Solange die Biese nicht bläst und die Temperaturen nicht in den zweistelligen Minusbereich sinken, ist es angenehm», sagt van der Graaff, der mehrere Lagen und dicke Wollsocken trägt.

Seine Herde, die aus 400 Schafen und Lämmern besteht, kann innert einer Stunde eine Weide von der Grösse eines Fussballfeldes leerfressen. «Durch die Bewegung und den ‹Dünger›, welche die Herde währenddessen freisetzt, reichert sie den Boden mit Stickstoff an, sodass das Gras im Frühjahr mehr Kraft für das Wachstum hat», erklärt van der Graaff. Anhand einer Wanderkarte studiert er, wo sich die nächste Fressstelle für die Schafe befinden könnte. Neue Weiden erkundet er, sobald er die Herde am Abend in einem mobilen Elektrozaun eingepfercht hat. «Wichtig ist, dass ich zu der nächsten Weide die direkteste Route nehme, damit die Schafe nicht zu viel Energie verlieren», so van der Graaff.

Ebenfalls wichtig ist es, dass für den Schutz der Herde in der Nacht zwei Esel im Gehege untergebracht sind. «Die Esel fangen an zu schreien, wenn etwas nicht in Ordnung ist», sagt van der Graaff. Dies kann der Fall sein, wenn sich ein Fuchs anschleicht. So gebe es Füchse, die hinter einem trächtigen Schaf stünden, bis es gebäre, um im Anschluss mit dem kleinen Lämmchen abzuhauen.

Einen Verlust durch einen Fuchs habe van der Saar in den 22-Jahren seines Wanderschäfer-Daseins noch nicht erlitten. Doch einmal sei ein Lamm auf einen Schachtdeckel getreten, der nicht richtig befestigt war. «Ein Bauer hat das Lamm drei Monate später in dem Schacht entdeckt. Das war schlimm», sagt van der Graaff, der nicht verhehlen kann, dass es nur schwer möglich ist, immer den Überblick über die gesamte Herde zu behalten.

Bremsbereit für Schafe sein 

Rob, sein achtjähriger Border Collie, hilft ihm, die Herde zusammenzuhalten. Wichtig sei dies auch, wenn van der Graaff mit seiner Herde entlang der Kantonsstrasse unterwegs ist. «Manche Autofahrer haben ein Gottvertrauen, wenn sie mit mehr als 80 km/h an den Schafen vorbeifahren», enerviert er sich. Schafe seien schreckhaft und es sei daher nicht ausgeschlossen, dass eines von ihnen auf die Strasse springe. «Wenn man an einer Herde vorbeifährt, sollte man immer bremsbereit sein.»

Langweilig wird es van der Graaff nie. Oftmals machen Spaziergänger bei seiner Herde halt, um mit ihm ein Schwätzchen zu halten. Die Frage, die ihm am Häufigsten gestellt wird, ist die nach der Grösse seiner Herde. «Ich sage dann immer scherzhaft: ‹Pro Schaf daneben einen Franken.›.» Eine andere Frage, die ab und an auftaucht, ist, ob es die Schafe im Winter nicht frieren würde. «Ich habe mir schon überlegt, ein Merkblatt für Passanten zu machen, auf dem die Antworten zu den häufigsten Fragen zusammengefasst sind», so van der Graaff.