Die Sitzbänke und Tische bei der Turnhalle waren aufgestellt, blieben aber leer. Kein Wunder, bei dem Regen. Dafür herrschte überall dort, wo ein Dach war, reger Betrieb. Die Küche lief heiss, auch Soft-Eis war gefragt. Lange bevor die Pfingstsprützlige erschienen, war halb Sulz auf den Beinen. «Super Wetter», fand René Weiss ironisch. «Trotzdem stehen alle dahinter.» Weiss ist wie Roland Obrist in den Brauch «reingewachsen», beide hatten als Schüler daran teilgenommen.

Am Sonntag waren sie als Zuschauer dabei, wie viele andere auch. Vom Pfingstsprützlig schien eine grosse Anziehungskraft auszugehen. Nachmittags um 16 Uhr, der Regen liess kurzerhand etwas nach, ertönte Kuhglockengeläut. Von drei Seiten, aus Mittelsulz, Obersulz und Bütz, kamen Fussgruppen daher. Vorne wurden Fahnen geschwungen, dicht dahinter die in Buchenlaub gekleideten, über zwei Meter hohen Pfingstsprützlige, die aussahen wie wandelnde Büsche. Begleitet und gehalten wurden sie von jeweils zwei jungen Männern. Die waren nötig, weil das Gehen in den Laubkleidern alles andere als einfach ist. Gegen 20 Kilo schwer können diese sein, durch den Regen am Sonntag wurden sie noch schwerer.

Als die Pfingstsprützlige sich auf dem Platz vor der Turnhalle versammelten, staunten vor allem die Kinder nicht schlecht. «Das sind ja zwei», rief ein Mädchen begeistert, worauf sein Vater sagte: «Da hinten kommt noch einer.» Drei auf einen Streich, also, wo gibt es denn sowas? Ganz einfach: An ganz wenigen Orten in der Schweiz. Ausser in Sulz nur noch im Nachbardorf Gansingen und in Ettingen (BL).

Für eine gute Ernte

Die Pfingstsprützlige zogen von Brunnen zu Brunnen, wo ihre Begleiter, auch Schüttler genannt, das Wasser mit Stangen oder Kellen aufwirbelten und verspritzten. Auf dem Turnhallenplatz dasselbe Ritual – eine nasse Angelegenheit vor allem für die Schüttler, da sie in die Brunnen hineinstiegen. Der Brauch soll eine gute Ernte bringen und die Fruchtbarkeit der Frauen fördern. René Weiss erklärt es so: «Dass es für die Menschen gut kommt in diesem Jahr und dass alles gut gedeiht.»

Bereits morgens um 11 Uhr hatten die Jugendlichen die Äste im Wald zugeschnitten. Damit wurden die Pfingstsprützlige Luca Thomann (Mittelsulz), Jan Wolf (Bütz) und Ramon Weiss (Obersulz) bedeckt. Der Aufbau der «Bekleidungen» nahm viel Zeit in Anspruch, wobei die drei jungen Männer «Gstältli» (Grundtrageinheiten) vom Militär trugen, was die Sache erleichterte. Bei der Turnhalle in Sulz kamen die drei Laubgestalten zusammen und wurden zum Abschluss nacheinander noch einmal an den Brunnen geführt. «Wenn man gut eingepackt ist, wird man nicht nass», berichtete Luca Thomann. Nass wurde er dann trotzdem – vom Regen.

Woher der Brauch kommt, ist ungewiss. Möglicherweise handelt es sich um ein vorchristliches Ritual, das im 19. Jahrhundert aufgegriffen wurde, dann aber verschwand. In den 1970er-Jahren liessen junge Sulzer den Brauch wieder aufleben. 1991 erlangte er am Festumzug in Brunnen zum 700. Geburtstag der Eidgenossenschaft nationale Bekanntheit.