Münchwilen
Viehdoktor blieb stecken: Nach nur einer Woche war es wieder «aus mit dem Schlitteltraum»

Ein Schlittelweg ins Dorf sorgt in Münchwilen für Begeisterung – und wird nach nur einer Woche wieder aufgehoben. Auch, weil der Viehdoktor am Berg hängen blieb.

Thomas Wehrli
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Der Titel springt sofort ins Auge. «Schlitten fahren mit Münchwiler Gemeinderat», überschrieb das Aargauer Tagblatt, das später zusammen mit dem Badener Tagblatt zur Aargauer Zeitung wurde, am 19. Januar 1979 einen zweispaltigen Artikel, prominent in die Mitte der Zeitungsseite gesetzt. Was war da in Münchwilen los? Tanzte jemand dem Gemeinderat auf der Nase herum? War der Gemeinderat auf die schiefe Bahn geraten?

Nichts von alledem. Es geht, ganz wörtlich, ums Schlitteln – oder treffender: ums Nicht-mehr-Schlitteln. Das kam so: Der Gemeinderat hatte eine Woche zuvor angekündigt, dass die Schupfarter Strasse ab dem Friedhof beim nächsten Schneefall nur noch bei prekären Strassenverhältnissen gesalzen werde. Dies, um den Münchwiler Kindern künftig «das Schlittenfahren im eigenen Dorf zu ermöglichen». Der Gemeinderat bat die Autofahrer, die den Berg hinauffahren wollten oder in ungesalzenem Zustand wohl eher mussten, um Verständnis.

Doch bereits eine Woche später ist es schon wieder «aus mit dem Schlitteltraum», wie das Tagblatt konstatiert. Dies, da sich mehrere Bewohner beschwert hatten. Besonders für den Landwirt, für den die Strasse der Zufahrtsweg zu seinem Hof war, stellte die schneebedeckte Fahrbahn eine Herausforderung dar. «Und als am vergangenen Samstag der Viehdoktor auf der Strecke beziehungsweise am Berg hängen blieb, sah sich der Gemeinderat gezwungen, den Schlittelversuch auf der Schupfarterstrasse wieder abzublasen», schreibt der Journalist, um dann noch einen Blick auf die «Auswärtigen» zu werfen. Denn der Schlittelversuch sei zwar von den meisten Münchwilern begrüsst worden. «Doch keiner dachte an die Auswärtigen, die sich da inmitten fricktalischer Zivilisation plötzlich den Tücken des strengen Winters ausgesetzt sahen, wenn sie sich auf die Schupfarterstrasse wagten.»

Einen Seitenhieb setzt der Journalist aber auch gegenüber die Schlittelnden ab. Die Kinder hätten sich nicht eben von der vernünftigen Seite gezeigt. «Automobilisten mussten recht herumkurven, denn die Knirpse wichen nur in gemächlicher Gangart aus», wohl ganz nach dem Motto: Die Strasse gehört jetzt uns!

Der Gemeinderat liess sich jedoch nicht so schnell von seiner Schlittelweg-Idee abbringen. Eine andere Strasse werde nun als Schlittelweg evaluiert, wusste der Journalist zu berichten. Eine Testfahrt auf dem Gemeinderainweg sei bereits anberaumt. «Ob der Gemeinderat nun in corpore zur Testfahrt starten wird, entzieht sich unserer Kenntnis», räumte der Redaktor ein – nicht ohne zu betonen, dass er die Initiative für «begrüssenswert und eine nette Aufmerksamkeit im ‹Jahr des Kindes›» halte.

Ohalätz!

Am Schnee zumindest mangelte es im Winter 1979 nicht, wie ein Artikel wenige Tage nach dem Münchwiler Schlittel-Aus zeigt. Auf dem Schwarz-Weis-Foto sieht man eine ansehnliche Gruppe mehrheitlich junger Menschen, dick eingepackt und mit Skiern an den Füssen, am Schlepplift in Wegenstetten anstehen. Aktuell steht da, leider, niemand an, denn der Spiel- und Turnverein, der den Lift seit bald 50 Jahren betreibt, wartet sehnlichst auf die wichtigste Zutat für diesen einzigartigen Schneesport-Spass im Fricktal: den Schnee.

«Ohalätz», titelte das Tagblatt auf der Fricktal-Seite am 20. Januar 1979. Ohalätz? Was war los? War der Gesamtgemeinderat von Münchwilen auf der Schlitten-Testfahrt verschollen? Mitnichten, im Artikel geht es um das jüngste Produkt auf dem Fricktaler Zeitungsmarkt – um «Ohalätz» eben, eine Zeitung, von Jugendlichen für Jugendliche gemacht. Bereits sei die zweite Ausgabe in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen, weiss der Journalist zu berichten. Herausgegeben wurde die Zeitung von «rund zehn» Jugendlichen und dem Leiter der reformierten Jugendberatungsstelle Rheinfelden, Fred Meier. Oder wie es das Tagblatt formulierte: Die elfköpfige Redaktionsgruppe «steht dem Organ zu Gevatter».

Acht Lokalzeitungen

Ohalätz, sagt der heutige Zeitgenosse, wenn er eine andere Zahl liest: Die Zahl der Medientitel, die es damals noch gab. «Acht Lokalzeitungen für zwei Bezirke und nicht einmal 50 000 Einwohner – fürwahr, zu lesen hat es hier genug», hielt der Tagblatt-Redaktor fest und ergänzte, dass «ja die Tageszeitungen auch noch einige Sätze und Bilder mitzuliefern haben». Arnold Fricker, der damals den «Fricktal-Bote» herausgab, bezeichnete das Fricktal, wohl nicht ganz zu Unrecht, als «das zeitungsreichste Dreieck der Welt».

«Tierisch», kann man da nur sagen – und wird auch in dieser Kategorie im Tagblatt fündig. «Bienli» und «Domi» seien im Augarten eingezogen, hält die Zeitung fest. Gemeint ist ein Ponypärchen, das im Mini-Zoo im neuen Rheinfelder Quartier Augarten sein neues Zuhause gefunden hatte. «Nicht nur die Wohnungen zeigen immer mehr Leben, auch die Umgebung der Grosssiedlung weisst zunehmend Aktivitäten auf», heisst es im Artikel. So «quasi als Erholung, Ausgleich und natürlich Tummelplatz und Beobachtungsstartion für Kinder» wurde in der Südwestecke der Überbauung erstens ein Spielplatz «und – übertreiben wir etwas – zweitens ein Zoo eingerichtet».