Das Urteil ist vernichtend: «Die filigrane Konstruktion der Rheinbrücke ist, ohne eine entsprechende Verblendung, für Wasservögel und auch für Vögel wie Störche eine Katastrophe», sagt Carmen Weitzel, nachdem ihr die az die Visualisierungen des geplanten Rheinstegs in Rheinfelden vorgelegt hat. «Er ist für Vögel eine der schlimmsten, die ich je gesehen habe.»

Für Weitzel ist klar: «Das ist eine Vogelfalle.» Sie teilt damit die Auffassung von Birdlife Aargau. Zur Erinnerung: Die Dachorganisation der aargauischen Natur- und Vogelschutzvereine erhob genau deshalb Einsprache gegen das Baugesuch für den neuen Rheinsteg.

Carmen Weitzel weiss, wovon sie spricht. Sie ist Naturschutzwartin und Tierinspektorin im Landkreis Waldshut und hat 1999 das Schwanenschutz Komitee e. V. gegründet. Die engagierte Tierschützerin ist tagtäglich am Hoch- und Oberrhein unterwegs und hilft verletzten Tieren. Was sie da zu sehen bekommt, «ist oft grausam». Vögel, die im Flug von einem Seil geköpft wurden; Schwäne, denen bei der Kollision mit den Seilen ein Flügel abgerissen wurde und die so qualvoll verendet sind.

Visualisierung des Rheinstegs: Sind die Seile, die zur Tragkonstruktion gehören, Fallen für diese Vögel? (zvg)

Visualisierung des Rheinstegs: Sind die Seile, die zur Tragkonstruktion gehören, Fallen für diese Vögel? (zvg)

Der Grund für die Kollisionen: «Vögel nehmen die über den Rhein gespannten Seile relativ spät wahr.» Das liegt zum einen an der seitlichen Anordnung der Augen, zum anderen am schlechten räumlichen Sehen. «Dadurch können sie Distanzen sehr schlecht einschätzen», sagt Weitzel. Besonders hoch ist die Kollisionsgefahr dabei bei Nebel, in der Dämmerung und in der Nacht. «Im Sommer sind die Zugvögel oft nachts unterwegs, weil es kühler ist».

Kollisionen recht häufig

Über dem Rhein flattern dann nicht einige wenige Tiere, sondern ganze Schwärme, denn der Fluss ist eine Leitlinie für Zugvögel. Es komme häufig zu Kollisionen, weiss Weitzel. Die meisten bemerkt man gar nicht, denn: «Kleine Vögel fallen ins Wasser und werden von der Strömung fortgerissen.» Entdeckt werden, wenn überhaupt, nur verunfallte Grossvögel wie etwa Schwäne.

Bei diesen kommt ein weiterer Gefahrenherd hinzu: Sie liefern sich im Frühjahr in der Luft heftige Machtkämpfe – und achten nicht auf die Seile. Für sie ist es dann oft zu spät: Die Kollision ist unausweichlich. «Da sie schnell fliegen, sind die Folgen fatal», so Weitzel.

Was die Naturschützerin dabei besonders ärgert: «Es braucht nicht viel, um die über den Rhein gespannten Seile vogelsicher zu machen.» Einige schwarz-weisse Plastikbänder reichen. «Eine solche Verblendung kostet nun wirklich nicht alle Welt», sagt Weitzel. Schwarz-weiss müssen die Bänder sein, weil die Vögel diese Kombination am besten und zu jeder Tageszeit erkennen. Und mindestens 20 Zentimeter lang, denn die Bänder sollten im Wind flattern, damit die Vögel die Gefahr besser wahrnehmen können.

Stadt von Vorwurf «überrascht»

Bislang ist beim geplanten Rheinsteg keine Verblendung vorgesehen, wie Stadtschreiber Roger Erdin auf Anfrage sagt. Man werde den Einwand, den Birdlife Aargau mit ihrer Einwendung offiziell deponiert hat, im Rahmen des Baugesuchsverfahrens sorgfältig prüfen. «Dazu werden gegebenenfalls Experten beigezogen», so Erdin. Ob Massnahmen wie eine Verblendung nötig seien und, wenn ja, wie diese aussehen könnten, «werden die weitere Abklärungen zeigen».

Bei der Stadt ist man nach wie vor «überrascht» vom Vorwurf, der Rheinsteg sei eine Vogelfalle. Dies umso mehr, als diesem Aspekt bei der Planung ein besonderes Augenmerk geschenkt wurde. «Der Bedeutung der Rheinlandschaft für Zugvögel war man sich bei der Planungsaufgabe bewusst», sagt Erdin.

Bereits im Wettbewerbsverfahren habe man deshalb ein Kapitel den ökologischen Erfordernissen gewidmet. «So wurde explizit festgelegt, dass die Brücke von Vögeln als Hindernis wahrgenommen werden muss und dieses sowohl unter- als auch überflogen werden kann.» Im nun vorliegenden Projekt habe man unter anderem die Zahl der Tragseile nochmals reduziert und dafür deren Stärke erhöht.

Vorgehen genau beobachten

Carmen Weitzel wird ein Auge darauf haben, zu welchen Schlüssen die Stadt kommt. Sie will zudem die umliegenden Tierschutzvereine auf die Problematik sensibilisieren. Alles andere als einen Entscheid der Städte, an den Seilen eine Verblendung anzubringen, könnte sie nicht verstehen. «Wir befinden uns über dem Rhein im Lebensraum der Vögel und nicht sie in unserem», sagt sie.

Das penetrante «Der Mensch zuerst»-Denken ärgert sie gewaltig. «Der Planet gehört nicht dem Mensch alleine. Wenn er ihn schon samt und sonders nach seinem Gusto gestaltet, dann soll er zumindest auf die Bedürfnisse der anderen Lebewesen Rücksicht nehmen.» Es sei das Mindeste, ein paar Plastikstreifen für das Leben der Tiere in Kauf zu nehmen. Für den Einwand, das störe die Optik, hat sie nur ein müdes Lächeln übrig. «Wenn es daran scheitert, kann ich nur eines sagen: arme Menschheit.»