Römisch-Katholische Kirche

Theologe Bernhard Lindner wünscht sich für die Kirche mutige Amtsträger

Redet Klartext: Bernhard Lindner in der Kirche in Oeschgen, wo er bis im Frühling als Seelsorger wirkte.

Der Fricktaler Seelsorger spricht über das Machtsystem der römisch-katholischen Kirche und die Amazonas-Synode in Rom.

Es ist für viele Katholiken ein Lichtblick: An der Amazonas-Synode in Rom sprach sich die Bischofsversammlung ebenso für eine Lockerung des Zölibats in ihrer Region aus wie dafür, dass verheiratete Männer unter bestimmten Voraussetzungen zum Priesteramt zugelassen werden. Das weckt die Hoffnung, dass auch in der Schweiz Bewegung in Themen wie Aufhebung des Pflichtzölibats oder Weihe von Frauen kommt.

Die AZ hat mit dem Theologen Bernhard Lindner von der Fachstelle Bildung und Propstei der römisch-katholischen Kirche im Aargau darüber gesprochen, wie er die Synode erlebt hat – und was er sich erhofft. Lindner war über 14 Jahre lang Gemeindeleiter von Oeschgen und ist als (Lebens-) Pilger in der Region und auf dem Jakobsweg unterwegs.

Wie haben Sie die Synode von aussen erlebt?

Bernhard Lindner: Ich habe mich immer wieder über farbige und erfrischende Bilder aus dem Vatikan gefreut. Das übliche Erscheinungsbild von Männern in klerikalen Gewändern in unseren Medien ist während der Synode einer erfrischenden Buntheit gewichen.

Mit meiner eigenen Erfahrung in der indigenen Kirche in den Südanden Perus habe ich mich sehr gefreut, dass die indigenen Menschen in der Amazonas-Region Lateinamerikas endlich in den Mittelpunkt gerückt wurden. Damit erhielten sie Wertschätzung. Aber auch der «Wald», ihr Lebenraum, der massiv von wirtschaftlichen Interessen bedroht ist, kam für mich in den Blick.

Was hat Sie beeindruckt?

«Der Amazonas brennt» und die Kirche trifft sich, um etwas dagegen zu tun. Die Synode zeigte sich für mich als eine klare Option zur Bewahrung der Schöpfung gegen die schrankenlose wirtschaftliche Nutzung wie auch eine Option für die Menschen, die im Amazonas-Urwald leben, mit all ihrem kulturellen Reichtum.

Beeindruckt hat mich in der Synode auch die Haltung von Papst Franziskus, der zuhörte, bestärkte, unterstützte. Und besonders beeindruckt haben mich die kirchlichen Amtsträger und mit ihnen verbundenen Personen, die sich mit einer Erneuerung des sogenannte Katakombenpaktes der Befreiungstheologie im Jahr 1965, sich selbst verpflichteten, für einen ökologischen Lebensstil, für die Solidarität mit den Armen und allen Geschöpfen im Amazonas.

Und was hat Sie gestört?

In unserer «europäischen Wahrnehmung» hat mich die Fixierung auf kirchenpolitische Themen gestört. In erster Linie ging es für mich in der Amazonas-Synode um Leben und Überleben: Um das Leben vieler indigener Völker in der Amazonie mit ihren Kulturen und Sprachen, aber auch um den Fortbestand von Ökosystemen mit zum Teil unerforschter Artenvielfalt, die für das Überleben allen Lebens auf der Erde zentral sind.

Als Bürgerinnen und Bürger der westlichen Welt werden wir ermahnt, uns für das Überleben auf unserem Planeten einzusetzen. Denn unsere westliche Wirtschaft trägt seit Jahrzehnten zur Zerstörung des Amazonas-Urwaldes bei. Wissenschaftlich ist uns heute klar, dass wir damit unser eigenes Grab schaufeln.

Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Kirche?

Die Weltkirche hat mit der Amazonas-Synode den für das Überleben der Menschheit wichtigen Fokus «Ökologie und Verantwortung» für sich formuliert, sowie der Option für die Armen eine zentrale Bedeutung gegeben. In den Beschlüssen wurde grossmehrheitlich die Möglichkeit der Priester-Weihe von «Viri probati» beschlossen. Das öffnet auch woanders Türen. Auch wenn leider nicht das Gleiche zum Frauen-Diakonat geschah, wurde ebenfalls eine Fortsetzungs-Kommission zur Frage des Diakonates der Frau eingefordert.

Erwarten Sie auch eine Stärkung des synodalen Wegs?

Insgesamt erwarte ich eine Stärkung synodaler Veränderungswege in vielen Ländern der Welt. So kann endlich eine polyzentrische Weltkirche entstehen und die unproduktive Idee einer uniformen, überall gleichen Kirche über Bord geworfen werden. Katholisch und weltumspannend kann Kirche nur dann sein, wenn sie das Leben in aller Unterschiedlichkeit überall auf der Welt ernst nimmt.

Kann uns die Synode auch in der Schweiz weiterbringen?

Das Beispiel einer Synode, die konsequent versuchte, die Lebensbedingungen der Menschen in der Amazonas-Region wie auch deren religiöse und kirchliche Bedürfnisse ins Zentrum zu rücken, könnte Anstoss sein, für die katholische Kirche in der Schweiz Gleiches zu tun. Synodale Prozesse, natürlich ohne Denkverbote, könnten uns heute in den verschiedenen Bistümern voranbringen, um zu konkreten Fragen in Kirche und Gesellschaft Lösungen zu finden.

Wir hatten 1972 einen solchen synodalen Prozess ...

Die Beschlüsse der Synode 72 in der Schweiz, die damals allesamt in Rom abgelehnt wurden und in der Schweiz zu grosser Frustration führten, wären diesbezüglich auch heute noch inspirierend. Sinn macht das Ganze aber nur, wenn es nicht Beschäftigungstherapie für kirchlich Engagierte ist, sondern zu konkreten Veränderungen führt. Dazu braucht es Bischöfe, die mutig auftreten, Räume öffnen, Beschlüsse umsetzen und sich dabei auf Papst Franziskus berufen.

Was halten Sie selber vom Pflichtzölibat?

Das Pflichtzölibat ist die «heilige Kuh» der katholischen Kirche, die wichtiger zu sein scheint als die Verkündigung des Evangeliums, als das Feiern der Eucharistie in den Gemeinden, als die Nachfolge Christi. Seit Jahrzehnten hört man in unserer Kirche, dass sich nichts ändern dürfe in Bezug auf das Pflichtzölibat, obgleich dieses lediglich Teil eines erst im Laufe des zweiten Jahrtausends des Christentums entstandenen Amtsverständnisses ist.

Gleichzeitig war man bereit gewesen bis zum heutigen Tag, alles Mögliche in unserer Kirche zu ändern: Priester verlieren ihre Aufgabe als Seelsorger in einer überschaubaren Gemeinschaft und wurden zu «Eucharistie-Reisenden»; gewachsene Strukturen werden zu Grossstrukturen umgebaut, die sich an der noch vorhandenen Zahl von zölibatären Priestern orientieren.

Was erwarten Sie?

Jede christliche Gemeinde hat ein Recht darauf, an jedem Sonntag Eucharistie zu feiern. So wurde sie bei den ersten Christinnen und Christen gefeiert. In jeder christlichen Gemeinde fänden sich heute Männer und Frauen, die bereit sind die Leitung einer Eucharistie-Feier zu übernehmen und damit ihrer Gemeinde einen Dienst zu leisten. Die Aufhebung der Verbindung Amtspriestertum und Pflichtzölibat ist lange überfällig. Ein Beibehalten zerstört die Kirche.

Könnten Sie sich eine Priesterweihe bei einer Aufhebung des Zölibats für sich selber vorstellen?

Für mich ist Amt immer an eine konkrete Gemeinde gebunden. Würde mich bei Aufhebung des Pflichtzölibats eine Gemeinde zur Priesterweihe vorschlagen, um in ihr einen entsprechenden Dienst zu leisten, würde ich dies nicht abschlagen.

Welcher der Fragen, die in der Schweiz seit Jahren heiss diskutiert werden, wird in den nächsten Jahren am ehesten aufgeweicht?

Es geht für mich nicht um «Aufweichung» einzelner Dinge in der Kirche, sondern um Veränderung totalitärer Machtstrukturen, die der Aufgabe im Wege stehen. Die Amtskirche befindet sich in einer Krise, die sie selbst produziert hat.

Kirche ist für die Menschen da, dafür, dass Menschen von der Liebe Gottes berührt und für ihr Leben gestärkt werden. Will sie der Frohen Botschaft des menschenfreundlichen Gottes treu bleiben, muss sie sich verändern. In einer sich permanent verändernden Welt will das befreiende Evangelium immer wieder neu verkündet werden.

Glauben Sie, dass Sie selber noch Bewegung in einer dieser Fragen erleben?

Ich glaube, der Zusammenbruch des Machtsystems lässt nicht mehr lange auf sich warten. Wunder geschehen, wie damals in der DDR oder in Südafrika.

Was wünschen Sie sich für die Kirche?

Amtsträger sollten mutig in ihrer Ortskirche Verantwortung übernehmen und Veränderungsprozesse einleiten. Dabei könnten die Erfahrung der demokratischen staatskirchenrechtlichen Strukturen in der Schweiz einen wichtigen Impuls zu einer neuen Kirchenverfassung geben.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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