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So hoch ist die Sozialhilfequote der Gemeinden im Fricktal

Im Bezirk Rheinfelden lag die Sozialhilfequote im letzten Jahr bei 2,3 Prozent, im Bezirk Laufenburg bei 1,8 Prozent.

Im Bezirk Rheinfelden lag die Sozialhilfequote im letzten Jahr bei 2,3 Prozent, im Bezirk Laufenburg bei 1,8 Prozent.

Zentrumsgemeinden mit günstigen Wohnungen ziehen Sozialfälle an – aber auch in Oberhof ist die Quote hoch.

Die Zahl der Sozialhilfebezüger ist im Kanton Aargau im letzten Jahr um 2,8 Prozent gestiegen; gesamthaft bezogen 14 523 Personen Sozialhilfe. Das entspricht einer Sozialhilfequote von 2,2 Prozent (AZ vom Samstag).

Im Bezirk Rheinfelden liegt die Quote mit 2,3 Prozent leicht über dem kantonalen Durchschnitt, im Bezirk Laufenburg dagegen mit 1,8 Prozent klar unter dem Schnitt. Damit bestätigt das Fricktal eine kantonale Beobachtung: Je zentraler gelegen und je grösser eine Gemeinde ist, desto höher ist in der Regel die Sozialhilfequote. Die höchste Quote im Fricktal hat denn auch Rheinfelden mit 4,0 Prozent, gefolgt von Laufenburg (3,3) und Eiken (3,0). «Die Sozialhilfequote hat in der Stadt Rheinfelden in den letzten zehn Jahren nochmals deutlich zugenommen», sagt Stadtschreiber Roger Erdin.

Das Fricktal zeigt aber auch: keine Regel ohne Ausnahme. Denn auf Platz 3, ex aequo mit Eiken, liegt das kleine und eher abseits gelegene Oberhof. Hier bezogen im letzten Jahr 18 Personen Sozialhilfe. «Ein älteres Mehrfamilienhaus wurde vor einigen Jahren von einer auswärtigen Person gekauft», erklärt Gemeindeschreiberin Martina Schütz. «Wohnten anfänglich nur wirtschaftlich selbstständige Personen in der Liegenschaft, sind mittlerweile fast alle Bewohner nicht mehr wirtschaftlich selbstständig.»

Konkret: In der Liegenschaft wohnen primär anerkannte Flüchtlinge. «Für diese ist es wichtig, die erste Wohnung beziehen zu können», sagt Schütz. Oberhof hat dabei die Erfahrung gemacht, dass diese Personen dann nach ein, zwei Jahren wieder in die Region zurückkehren, wo sie herkamen. Das ist oftmals die Region Aarau. «Bis anhin bewegen sich die zuziehenden Personen in der Kostenersatzpflicht von Kanton und Bund», so Schütz. «Bei Wegzügen war es bis jetzt so, dass diese wieder durch Personen ersetzt wurden, die sich ebenfalls noch in der Kostenersatzpflicht befinden.»

Günstiger Wohnraum

Die grösseren Gemeinden machen vorab fünf Gründe für die hohe Sozialhilfequote verantwortlich: erstens die Gemeindestruktur. In der «urbanen Struktur mit der Nähe zur Stadt Basel und damit verbunden einer gewissen Anonymität» ortet Erdin einen zentralen Grund.
Zweitens und damit verbunden in der Verfügbarkeit von günstigem Wohnraum. Das hat eine Sogwirkung. «Eine neue Entwicklung ist das erhöhte Angebot an möblierten und unmöblierten Zimmervermietungen», sagt Ueli Hänni, Co-Leiter der Sozialen Dienste Laufenburg Stein.
Drittens fehlen zunehmend Arbeitsplätze für niedrig qualifizierte Arbeitnehmer. «In den letzten Jahren wurden im Zuge der Währungskrise weitere solche Arbeitsplätze ins Ausland verlagert», sagt Michael Widmer, Gemeindeschreiber in Frick.

Viertens hat die Invalidenversicherung die Schraube angezogen. «Dadurch beanspruchen vermehrt Personen, die arbeitsunfähig sind, Sozialhilfe», so Widmer. Fünftens hat der Ausländeranteil einen Einfluss. Kantonsweit lag die Sozialhilfequote bei Schweizern 2016 bei 1,4 Prozent, bei den Ausländern bei 5,2 (Frauen) und 4,3 Prozent.

Kinder stark betroffen

Stark betroffen von der Armutsfalle sind Kinder. Sie seien nach wie vor das Armutsrisiko Nummer eins, sagt Marius Fricker, Gemeindeschreiber in Möhlin. Und zwar «unabhängig davon, ob sie mit einem oder beiden Elternteilen zusammenleben». Möhlin sei als ländliche Gemeinde attraktiv für Familien mit Kindern, was dazu führe, dass überdurchschnittlich viele Kinder in der Sozialhilfe seien. Kantonsweit sind 29 Prozent der Sozialhilfebezüger unter 18; in Möhlin sind es 34 Prozent.

Dass die Sozialhilfequote in den nächsten Jahren sinken wird, glauben die befragten Gemeindeschreiber nicht. «In den letzten Jahren ist die Sozialhilfequote gestiegen, obwohl eine gute Konjunktur und auch eine tiefe Arbeitslosenquote zu verzeichnen war», sagt Widmer. Insofern sei nicht von einer sinkenden Quote auszugehen. Auch Marius Fricker rechnet «eher mit steigenden Zahlen», was Hänni für 2017 bestätigt: «Für das Jahr 2017 verzeichnen wir einen Anstieg.»

Viel dagegen unternehmen kann eine Gemeinde nicht. Es bestehe Wohnsitzfreiheit, sagt Fricker. Zudem habe der eher grosse Leerwohnungsbestand im letzten Jahr «sicher dazu beigetragen, dass eher günstige Wohnungen zur Verfügung stehen».

Punktuelle Ansätze verfolgen Frick und Laufenburg. Der eine ist die Unterstützung bei der Arbeitsplatzsuche. Dazu hat der Fricker Sozialdienst in den letzten Jahren ein Beziehungsnetz zu den Arbeitgebern aufgebaut.

In Laufenburg setzt man auf eine «konsequente Fallbearbeitung» – und die Aufwertung von Wohnraum. «Die Gemeinde Laufenburg hat vor einiger Zeit dem Investitionsprojekt zugestimmt», sagt Hänni. «Damit sollen alte Liegenschaften aufgewertet werden.» Zudem würden in letzter Zeit einige Gebäude in der Altstadt durch private Investoren saniert. Ob dies zum Erfolg führen wird, ist offen.

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Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Carto: Sozialhilfestatistik 2016

Kaum Missbrauch

Eine indirekte Steuerung über die Vermietung sieht auch Schütz. «Bei entsprechenden Fragen, beispielsweise an der Gemeindeversammlung, kann darauf hingewiesen werden, dass es die Vermieter in der Hand haben, wem sie ihre Wohnungen vermieten.» Schütz ist sich aber auch bewusst: «Damit erreicht man nur die einheimischen Vermieter.»
Kaum Probleme haben die befragten Gemeinden mit Sozialhilfemissbrauch. Die gesamtschweizerische Sozialhilfemissbrauchsquote liegt bei rund 0,4 Prozent. «In Möhlin liegt der Wert in diesem Bereich», sagt Fricker.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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