Frick/Laufenburg

Schweizweit einzigartiges Projekt erfolgreich: Corona-App erlaubt gezieltere Isolation im Altersheim

«Das System funktioniert so, wie wir es uns vorgestellt haben»: Andre Rotzetter vor dem Alterszentrum Bruggbach in Frick.

«Das System funktioniert so, wie wir es uns vorgestellt haben»: Andre Rotzetter vor dem Alterszentrum Bruggbach in Frick.

Der Test mit dem eigenen Contact-Tracing-System war ein Erfolg – nun bekommen alle Bewohner in den beiden Alterszentren in Frick und Laufenburg eine Smartwatch.

Die Coronafallzahlen steigen und damit nimmt auch das Risiko wieder zu, dass das Virus in Alters- und Pflegeheime ein­geschleppt wird. Wie verheerend dies sein kann, zeigen Fälle in den Kantonen Fribourg und Zürich. In Siviriez FR gab es in einem Pflegeheim 53 Coronafälle, acht Heimbewohner starben. «Jetzt drohen wieder Besuchsverbote», titelte der «Tages-Anzeiger» am Samstag.

Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Alters­betreuung im oberen Fricktal (VAOF), sieht es nicht ganz so dramatisch. Aber auch er sagt: «Es ist für jedes Pflegeheim der Worst Case, wenn es das Virus im Haus hat.» Der VAOF, der in Frick und Laufenburg je ein Heim mit rund 100 Betten betreibt, hatte bislang Glück. Doch Rotzetter ist sich bewusst: «Es kann uns jederzeit treffen.»

Virus fernhalten und sonst schnell eindämmen

Der VAOF fährt deshalb eine doppelte Strategie: Erste Prio­rität hat, das Virus von den Heimen fernzuhalten. Sollte dies nicht gelingen, greift ein Konzept, das die Ausbreitung so schnell und so gezielt wie möglich eindämmen soll.

Zur Prävention gehört, dass der VAOF die Angehörigen zum Teil des Schutzkonzeptes gemacht hat. Sie unterschreiben, dass sie ihre Angehörigen nur dann besuchen, wenn sie sich gesund fühlen, dass sie beim Eintritt ins Heim die Hände desinfizieren und dass sie eine Maske tragen, wenn sie den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern unterschreiten. Im Gegenzug hat das VAOF die beiden Heime im Juni für Besucher wieder geöffnet – dannzumal als eines der ersten Heime im Aargau.

«Das war ein wichtiger Schritt, um den Bewohnern ein grosses Stück Lebensqualität zurückzugeben», sagt Rotzetter. Er und sein Team wollen denn auch einen zweiten Lockdown in den Heimen «unbedingt verhindern».

Kein Verständnis für Leute, die Vorschriften missachten

Dazu braucht es die Angehörigen. «Sie müssen mitspielen und sich an die Spielregeln halten, sonst kann die Situation schnell gefährlich werden.» Bislang funktioniere das sehr gut, zieht Rotzetter Zwischenbilanz. Rund 1850 Besucherpässe hat der VAOF seit Juni ausgestellt.

98 Prozent halten sich an die Bedingungen, die sie im Gegenzug unterschrieben haben, zwei Prozent scheren sich nicht darum. «Das ist unverantwortlich», findet Rotzetter. Natürlich stehe es jedem frei, von Covid zu halten, was er wolle. «Aber wenn man sich nicht an die Schutzbestimmungen hält, gefährdet man ganz viele Leute.» An erster Stelle die eigenen Angehörigen. «Das ist egoistisch und fahrlässig», redet Rotzetter Klartext.

Für die nächsten Wochen erwartet Rotzetter eher steigende Coronafallzahlen. Damit nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, dass ein Coronafall in einem der beiden VAOF-Heimen auftritt. «Dann ist es wichtig, dass wir die Infektionskette so schnell wie möglich durchbrechen können», sagt der Geschäftsführer und CVP-Grossrat.

Dazu hat der VAOF im Juni ein schweizweit einzigartiges Pilotprojekt gestartet. Ein Stockwerk im Alterszentrum Bruggbach in Frick wurde mit speziell programmierten Smartwatches ausgerüstet. Die 14 Bewohner bekamen eine eigene Uhr, das Pflegepersonal und die Angehörigen konnten sich an einer Uhr einloggen, wenn sie im Dienst respektive auf Besuch waren. Die Uhr zeichnet auf, wer sich wie lange wie nahe bei wem aufhält.

Tritt nun ein Coronafall auf, so kann innert Minuten ausgewertet werden, wer mit dem oder der Infizierten in Kontakt war und somit in Quarantäne muss. «Ohne dieses System muss das ganze Alterszentrum in die 14-tägige Quarantäne», verdeutlich Rotzetter den Nutzen. Für ihn bringt das System zwei Vorteile: Erstens könne man schneller reagieren und zweitens schränke es die Bewegungsfreiheit der Bewohner weniger ein.

Datenschutzbedenken sind laut Rotzetter unbegründet. «Die Rohdaten der Uhren werden auf einem Server gespeichert. Zugriff darauf hat nur die Geschäftsleitung, und dies auch nur in einem Coronafall.» Zudem würden alle im Haus informiert, sobald auf die Daten zugegriffen werde.

Test war erfolgreich, VAOF beschafft 400 Uhren

Der Test verlief erfolgreich. «Das System funktioniert so, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir bekamen auch viele positive Rückmeldungen», sagt ­Rotzetter. Deshalb wird das System nun flächendeckend in beiden Heimen eingeführt.

Der VAOF hat 400 Uhren bestellt. Diese werden in einer Woche geliefert. Die Teilnahme sei freiwillig, betont Rotzetter. Er rechnet aber damit, dass die meisten Bewohner mitmachen. Denn klar ist: Wer nicht mitmacht, muss in einem Covid-Fall in Quarantäne. Alle anderen nur, wenn sie mit dem oder der Infizierten Kontakt hatten.

Wie im Test erhalten die Bewohner eine persönliche Uhr, das Personal und die Besucher bekommen eine für die Zeit, in der sie arbeiten oder auf Besuch sind. Hier hat der VAOF aus dem Test gelernt. In der Testphase musste man noch einen QR-Code vom Besucherpass einscannen, künftig wird man an der Uhr einen sechsstelligen, persönlichen Code eingeben und die Uhr damit personalisiert. «Das QR-­Code-System empfanden einige als zu kompliziert.»

Die Uhren stellt der VAOF zur Verfügung. Rotzetter ist überzeugt, dass sich diese Investition lohnt. «Schon ein Tag, an dem alle in Quarantäne müssen und sich der Betreuungsaufwand damit vervielfacht, kostet uns mehr als die 400 Uhren.»

Reaktionen auf das Pilotprojekt hatte Rotzetter auch von anderen Pflegeheimen, die am System interessiert sind und es begutachten wollen, sobald es in Betrieb ist. Selbst aus Deutschland bekam er nach dem AZ-Artikel Anfragen. «Es freut uns, dass unsere Idee derart Wellen schlägt», sagt Rotzetter. Denn diese Welle kann eine andere zwar nicht verhindern, aber zumindest abtempieren: die Coronawelle.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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