Dieses Wochenende wird Pascal Gerber so schnell nicht wieder vergessen. Am Samstag holte sich der 21-Jährige aus Wölflinswil an den Berufseuropameisterschaften Euro Skills in Budapest den Titel bei den Spenglern. Auch ein paar Stunden danach fehlen ihm noch die Worte, um den Erfolg zu beschreiben. «Klar bin ich mit einem Ziel an den Wettkampf gereist. Ich wollte gewinnen. Das war ich all jenen, die sich in den letzten Monaten für mich eingesetzt haben, schuldig», so Gerber. «Dass es nun aber tatsächlich geklappt hat, ist unglaublich. Ich freue mich riesig.»

Entsprechend wurde am Wochenende auch gefeiert. «Es war turbulent», sagt Gerber mit einem Lachen. Nach der Schlussfeier mit den Teamkollegen ging es für Gerber in die Innenstadt von Budapest, um mit Freunden und Familie weiter zu feiern, und von da «direkt ins Flugzeug», erzählt Gerber. Kaum in der Schweiz gelandet, stand der offizielle Empfang des Teams auf dem Programm, dann die Feier in Gerbers Heimatdorf Wölflinswil. «Irgendwann bin ich abgeschlichen, um doch noch ein wenig Schlaf zu bekommen», sagt er und lacht.

Aargauer wird Europas Super-Spengler

Pascal Gerber im Beitrag von "Tele M1".

Erfolgreiches Schweizer Team

Nicht nur Pascal Gerber, sondern auch viele seiner Schweizer Teamkollegen waren an den Berufseuropameisterschaften erfolgreich. Viermal Gold und zweimal Bronze – die achtköpfige Schweizer Mannschaft war damit so erfolgreich wie noch nie. «Dass es mir für den Sieg gereicht hat, ist toll. Das schönste ist für mich aber, was wir als Team erreicht haben», sagt Gerber. «Das ist ein Beweis für unser tolles Bildungssystem in der Schweiz.»

Dabei hatte bei Gerber selber nicht viel darauf hingedeutet, dass er einst als Spengler für Schlagzeilen sorgen würde. Als Jugendlicher hegte er den Wunsch, Arzt zu werden. Der Plan mit dem Besuch des Gymnasiums und dem Studium stand bereits, da versuchte er es auf Bitten seiner Eltern trotzdem noch mit einer Schnupperlehre. «Und ich war vom ersten Tag an fasziniert von der Tätigkeit des Spenglers», sagt er. Die Arbeit hoch auf den Dächern, das Handwerk an sich, der familiäre Umgang unter den Berufsleuten – «all das gefällt mir sehr», so Gerber. Die Lehre mit Berufsmatura schloss er mit Bestnoten ab. «Vielleicht habe ich das Faible für den Beruf von meinen Grossvater geerbt. Er war ebenfalls Spengler.»

Ein Jahr lang vorbereitet

Die Qualifikation für die Europameisterschaft in Budapest schaffte Pascal Gerber über den Sieg bei der Schweizer Meisterschaft des Branchenverbands 2016 und ein Ausscheidungsverfahren ein Jahr später. Es folgten monatelange Vorbereitungen auf den Wettkampf. Begleitet wurde Gerber dabei vom Experten Roger Gabler. Dieser ist diplomierter Spenglermeister und arbeitet als Fachlehrer am Ausbildungszentrum des Branchenverbands «suissetec» im solothurnischen Lostorf.

Dort hat auch Gerber zeitweise trainiert. «Das Training umfasste einerseits den fachlichen Bereich, andererseits habe ich mich aber auch körperlich und mental vorbereitet», sagt Gerber. «Roger Gabler hat mir enorm geholfen, aber auch mein ganzes Umfeld und meine Familie.» Es sei daher schön, mit dem Sieg etwas zurückgeben zu können. «Ich bin allen sehr dankbar, die mich unterstützt haben.»

Medizin-Studium begonnen

Er sei vor dem Wettkampf ziemlich nervös gewesen, habe am Abend zuvor kaum einschlafen können, erzählt Gerber. Während des Wettkampfs selber legte sich die Nervosität aber. Die Materialien, die Werkzeuge, die Aufgabe – es war alles vertrautes Gebiet. «Das gab mir Selbstvertrauen. Und ich hatte auch schlicht keine Zeit mehr, mir irgendwelche Gedanken zu machen», sagt Gerber.

Der Wölflinswiler ist nach dem Erfolg ein gefragter Mann. Auch Radio und TV möchten am Montag ein Interview mit ihm führen. Die AZ erwischt ihn am Telefon. Da ist Gerber gerade auf dem Weg an die Universität in Bern – und damit auch irgendwie auf dem Weg zurück in den Alltag. Dieser ist derzeit ein Medizinstudium. Denn seinen Traum, Arzt zu werden, hat er trotz der Leidenschaft für die Spenglerei nie aufgegeben. Nach der Berufsmatura absolvierte er das Passerellen-Jahr. Im vergangenen Jahr begann er das Studium der Humanmedizin – und unterbrach es wenig später für die Vorbereitungen auf die Euro Skills. Auf das neue Semester ist er aber wieder eingestiegen.

Spengler in den Ferien

«Damit erfülle ich mir einen Traum», sagt Gerber. Er weiss aber auch, dass er mit der Spenglerei ein zweites Standbein hat, auf das er sich verlassen kann. «Vorerst wird das Spenglern wohl einfach ein Hobby bleiben», sagt er. Zu Hause hat er eine Werkstatt eingerichtet. In den Semesterferien im Sommer möchte er ausserdem auf dem Bau arbeiten. «So kann ich neben dem Studium etwas Geld verdienen und in der Hochsaison sind immer Leute gesucht», erklärt er. Und eines ist sowieso sicher: «Das vergangene Jahr mit dem Training, den Europameisterschaften und dem Titel als Höhepunkt werde ich nie vergessen.»