Schwer wiegt der Vorwurf, der im Bezirksgericht Rheinfelden gegen M.A.J. im Raum steht: vorsätzlich versuchte Tötung. Beim Beschuldigten handelt es sich um einen 19-jährigen Somali, der 2012 aus seinem bürgerkriegsgepeinigten Heimatland floh und am 20. Juni 2014 in die Schweiz immigrierte, wo er in die Asylunterkunft in Möhlin zog.

Der Vorfall

Dort kommt es am 2. Mai 2015 zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung, die mit einem Messerstich endet: Der beschuldigte Somali schaut am Abend TV. Sein ukrainischer Zimmernachbar fühlt sich von der Lautstärke des Fernsehers gestört und zieht das Kabel aus der Steckdose.

Es entstehen eine verbale Auseinandersetzung und ein Handgemenge. Der Somali bedroht daraufhin den Ukrainer mit einer abgebrochenen Bierflasche. Dieser flüchtet deshalb in sein Zimmer und verschliesst die Türe.

Der Somali folgt dem Ukrainer und schlägt mit einem Holztablar heftig gegen die verschlossene Türe. Dadurch wird ein afghanischer Besucher, der im Zimmer des Ukrainers schläft, wach, öffnet die Türe und sagt zum Beschuldigten, dass dieser nicht so laut sein solle.

«Ich wollte wieder in mein Zimmer zurückgehen, als mich der Afghane plötzlich in den Rücken getreten hat», gibt der Beschuldigte an und fügt hinzu, dass der Ukrainer seine Hände festhielt, während ihm der Afghane mit einem Besenstiel gegen den Kopf geschlagen habe.

In seinem Zorn greift der Beschuldigte zu einem Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge und geht auf seine Kontrahenten los. Diese können ihm jedoch das Messer wegnehmen und flüchten – aber nur bis zum Vorraum der Unterkunft. Dort sticht der Somali dem Afghanen mit einem zweiten kleineren Messer von hinten in die linke Schulter.

Der Stich dringt in das subkutane Gewebe – jenseits lebenswichtiger Strukturen – des Afghanen ein, der daraufhin zusammenbricht. «Es tut mir leid. Ich wollte dies alles nicht», betont der Somali immer wieder in der Vernehmung, ohne dass er auf die Fragen des Gerichts zum Tathergang konkrete Antworten gibt, da er sich an nichts mehr erinnere.

Bei der Festnahme hat der Beschuldigte einen Blutalkoholwert von 0,6 Promille. «Ich trinke, seitdem ich hier bin, oft Alkohol, weil es mir dann besser geht», erklärt der Somali.

Ebenso wird beim Afghanen in der Tatnacht Alkohol im Blut – 1,6 Promille – festgestellt. Beim Ukrainer lediglich Atemalkohol. Der Grund: Die drei sitzen vor dem Vorfall zusammen und trinken Bier und Wodka.

«Der Beschuldigte hat den Stich nicht gezielt gesetzt, hätte aber davon ausgehen können, dass dieser tödlich endet», argumentiert der Staatsanwalt und fordert fünf Jahre Haft wegen vorsätzlicher versuchter Tötung.

Der Verteidiger entgegnet: «Mein Mandant handelte in Aufregung und im Rausch der Demütigung – ohne Vorsatz.» Er habe nur einmal, ohne grosse Wucht und weit weg von Hals und Wirbelsäule, zugestochen. «Er ist lediglich wegen einfacher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 200 Tagessätzen zu verurteilen.»

Das Urteil

Das Gericht spricht den Somali der versuchten schweren Körperverletzung schuldig und verurteilt ihn zu zwei Jahren Haft, davon ein Jahr unbedingt. Zur Begründung führt die Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab aus: «Die Tötungsabsicht stand nicht im Vordergrund. Anders hätte es ausgesehen, wenn der Stich von vorne in die Brustregion oder den Hals erfolgt wäre. Dennoch hätte der Stich auch wesentlich schwerwiegendere Verletzungen nach sich ziehen können.»

Die letzen Worte richtete die Gerichtspräsidentin an den Somali: «Das Gericht hat den Eindruck gewonnen, dass sich der Beschuldigte durch den Alkoholkonsum mehr Probleme schafft als löst.» Er solle in Zukunft besser auf diesen verzichten.