Prozess in Rheinfelden

Mysteriöser Unfall mit Wildschwein: Busse für Berufs-Chauffeur

Wildschwein überfahren? Die Richterin sprach den Chauffeur vom Vorwurf der fahrlässigen Tierquälerei frei. Eine Busse muss er dennoch bezahlen.

Wildschwein überfahren? Die Richterin sprach den Chauffeur vom Vorwurf der fahrlässigen Tierquälerei frei. Eine Busse muss er dennoch bezahlen.

Ein türkischer Chauffeur stand vor dem Bezirksgericht Rheinfelden, weil er eine Kollision mit einem Wildschwein zu spät gemeldet hatte. Der Fall scheint banal – doch nur auf den ersten Blick.

«Der Beschuldigte fuhr am 28. August 2018, ca. 5.30 Uhr, mit seinem Lieferwagen von Möhlin nach Rheinfelden», heisst es im Strafbefehl gegen Murat (Name geändert). Dort sei der türkische Chauffeur mit einem Wildschwein kollidiert, das von rechts nach links über die Strasse lief, schreibt die Staatsanwaltschaft weiter. Das Wildschwein sei nach dem Unfall davongerannt, Murat habe die Polizei erst sechs Stunden später informiert. Diese bot einen Jagdaufseher auf, das Wildschwein wurde aber nicht gefunden, weil seit der Kollision schon zu viel Zeit verstrichen war.

«Der Beschuldigte nahm in Kauf, dass das Tier unnötig an den Folgen des Unfalls leidet. Dieses wurde durch die Kollision verletzt, und es ist davon auszugehen, dass es Schmerzen und Leiden aushalten musste, was als Misshandlung des Tieres einzustufen ist», heisst es im Strafbefehl weiter. Die Staatsanwaltschaft erläutert, dass die Polizei am Lieferwagen Blutspuren und Tierhaare gefunden habe, und verurteilt Murat zu einer bedingten Geldstrafe von 2200 Franken sowie einer Busse von 600 Franken.

«Ich habe nichts gesehen»

Dies wollte der türkische Chauffeur nicht akzeptieren – er focht den Strafbefehl an. Zur Verhandlung vor dem Bezirksgericht Rheinfelden erschien Murat, der seit 1995 in der Schweiz lebt, aber nicht gut Deutsch spricht, ohne Anwalt. Als ihn Einzelrichterin Regula Lützelschwab bat, seine Version des Vorfalls zu schildern, erzählte dieser die Geschichte ziemlich anders. «Ich habe nichts gesehen, nur ein komisches Geräusch gehört», übersetzte der Gerichtsdolmetscher die Aussagen des Beschuldigten. Erstaunt fragte Lützelschwab nach, warum Murat dann das Polizeiprotokoll unterschrieben habe, in dem der Wildschwein-Unfall detailliert beschrieben ist. «Ich habe bei der Befragung wohl nicht alles genau verstanden», sagte der Chauffeur. Murat wiederholte, er habe kein Wildschwein gesehen: Weder eines, das über die Strasse lief, noch eines, mit dem er kollidierte, oder eines, das davonrannte.

Vielleicht war es ein Wildschwein

«Ich habe am Morgen mehrere Kunden besucht, Pakete abgeliefert und mit einigen über den Vorfall gesprochen», sagte Murat. Dabei habe eine Kundin gesagt, in der Region habe es viele Tiere, vielleicht sei er mit einem Wildschwein kollidiert. Vorher wäre er gar nicht auf diese Idee gekommen – und bei der Polizei habe er später auch gesagt, dass es vielleicht ein Unfall mit einem Wildschwein gewesen sei. Ausserdem habe er nicht gewusst, dass er einen solchen Fall umgehend der Polizei melden müsse, sondern sei davon ausgegangen, dass er den Schaden mit seiner Versicherung regeln könne.

Einzelrichterin Lützelschwab sprach Murat vom Vorwurf der fahrlässigen Tierquälerei frei. Er habe angesichts der Situation nicht annehmen müssen, dass er ein Wildschwein angefahren und verletzt habe. Aufgrund der Fotos des Schadens am Lieferwagen sei auch nicht klar ersichtlich, ob tatsächlich ein Wildschwein das Opfer war.

Schuldig gesprochen wurde Murat aber, weil er den Unfall erst mit Verzögerung gemeldet hatte. Als erfahrener Berufschauffeur müsse er wissen, dass er in einem solchen Fall umgehend die Polizei informieren müsse. Die bedingte Geldstrafe für Murat entfällt bei diesem Urteil, er muss noch 400 Franken Busse zahlen.

Aktuelle Polizeibilder:

Meistgesehen

Artboard 1