Eine kleine Tür hinter der Orgel führt in den Glockenturm der Kirche St. Michael in Wegenstetten. Paul Schreiber (74) muss sich bücken, um hindurchzugehen. Dann steigt er 51 knorrige Holztreppenstufen hoch. Dort, direkt unter dem Dach, hängen fünf Glocken. Durch die Schallarkaden in der Wand bläst die Bise. Schreiber blickt nach oben, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Die Glocken und ihr Klang sind seine grosse Leidenschaft.

Seit er das Elektrikergeschäft seines Vaters 1972 übernommen hat, ist Schreiber auch in der Kirche für die elektrischen Anlagen verantwortlich. Dazu gehört der regelmässige Uhren- und Glockenservice. Eine besonders wichtige Aufgabe hat er ausserdem an diesem Wochenende zu erledigen. Schreiber sorgt nämlich eigenhändig dafür, dass die Uhren an der Kirche am Sonntagmorgen nach der Zeitumstellung richtig ticken – oder besser: die Glocken richtig schlagen. Die goldenen Zeiger der vier Zifferblätter werden nämlich seit einigen Jahren automatisch umgestellt, nicht aber der Stundenschlag der Glocken. «Das System ist mechanisch», sagt Schreiber. «Ich muss also das Zahnrad einen Zacken vor- oder zurückstellen.» Ohne den Handgriff würden Glockenschlag und Uhrzeit nicht übereinstimmen.

Paul Schreiber im Glockenturm der Wegenstetter Kirche: Den Glocken hier gilt seine grosse Leidenschaft.

Paul Schreiber im Glockenturm der Wegenstetter Kirche: Den Glocken hier gilt seine grosse Leidenschaft.

Verschiedene Klangbilder

Schreiber klettert also mitten in der Nacht von Samstag auf Sonntag in den Turm hoch. Das passe gut, sagt er, schliesslich sei er zuvor meist noch mit der Musikgesellschaft am Anlass «Klangheimli» engagiert. «Dann nehme ich den Schlüssel zum Turm einfach mit und erledige das auf dem Nachhauseweg», so Schreiber.

Seine Passion geht allerdings weit über diese Aufgabe hinaus. Einerseits fasziniert ihn die Technik und Mechanik, die hinter dem gut 70-jährigen Schlagwerk steckt. Sein regelmässiges «Tak-Tak-Tak», das schon ganz unten im Glockenturm zu hören ist, wenn Schreiber die Treppen hochsteigt. Andererseits auch der «musikalische Aspekt», wie er es nennt. Jede Glocke hat ihren eigenen Klang. Entscheidend dafür sind ihre Grösse und Gussqualität.

Die «Herz-Jesu-Glocke» ist mit ihren 2,3 Tonnen die grösste Glocke im Wegenstetter Kirchenturm und erzeugt den tiefen Grundton H. Sie wurde 1985 anlässlich der Kirchenrenovation angeschafft. Die vier anderen Glocken wurden 1948 gegossen. Die kleinste Glocke, dem heiligen Wendelin geweiht, wiegt knapp 500 Kilogramm und ertönt im hellen Grundton a’. Zusammen mit den drei anderen Glocken, «Bruder Klaus», «St. Michael» und «Maria», ergibt sich ein Dur-Dreiklang. «Wenn nun die grosse H-Glocke einsetzt, wandelt sich der Klang allmählich von Dur nach Moll», sagt Schreiber und erklärt: «Durch die verschiedenen Klangbilder und deren Kombination lassen sich Stimmungen erzeugen.»

Über die Jahre hat er für die verschiedenen Tageszeiten und Feiertage sogar unterschiedliche Klangkombinationen erarbeitet. An Silvester etwa wird das alte Jahr mit den vier Glocken aus dem Jahre 1948 ausgeläutet. Um Mitternacht erfolgt der Stundenschlag und das Gesamtgeläute beginnt mit der grossen H-Glocke, gefolgt von den vier kleineren Glocken – also in umgekehrter Reihenfolge wie üblich.

Als Handlanger dabei

Seine Passion hat Schreiber schon in seiner Kindheit entdeckt. «Wir waren beim Vater oft als Handlanger mit dabei», sagt Schreiber. Als Bub stibitzte er seinem Vater sogar einmal heimlich die Schlüssel zum Kirchenturm. Gemeinsam mit ein paar Schulkameraden stieg er zu den Glocken hoch und die Kameraden schlugen dagegen, um ihnen einen Ton zu entlocken. Vom Geläut aufgeschreckt, eilte prompt der Gemeindeammann herbei. «Es gab ein ziemliches Donnerwetter», erinnert sich Schreiber lachend. «Sogar beim Herrn Pfarrer musste ich antraben.»

Seiner Passion für die Glocken konnte das aber nichts anhaben. Im Gegenteil: Sie begleitet ihn noch heute durch sein Leben. Bei Ausflügen und Spaziergängen hat er immer ein offenes Ohr für läutende Glocken, bleibt manchmal stehen und lauscht genau.

Hoch im Kirchenturm schlagen die drei kleinsten Glocken inzwischen Viertelnach. Der Klang dröhnt zwischen den Wänden beinahe ohrenbetäubend. Paul Schreiber lächelt. Es ist Musik in seinen Ohren.