Kimon Sorg, der -, den die Kaiseraugster – oder eben: «Chaiseraugschter» – Gugge «Grossschtadtchnulleri» je hatte, bereitet sich auf seine zweite Fasnacht in dieser Funktion vor. Nach einer Sitzung zur Planung des Fasnachtsgottesdienstes erzählt er sein Leben. Das Gespräch dauert zweieinhalb Stunden. «Ist viel gelaufen in den paar Jahren», sagt er zum Schluss. Tatsächlich.

24 Jahre lebe er nun schon in Kaiseraugst, sagt Sorg und fügt hinzu: «Damit habe ich auch gleich mein Alter angegeben.» Auch Fasnacht macht er, seit er auf der Welt ist. Im Januar wurde er geboren, im Februar nahm ihn die Mutter schon mit zum Umzug. Die Kindheit im oberen Teil des Dorfs war paradiesisch. Sein Vater, ein Fussballtrainer mit ADiplom, hätte sich gewünscht, dass aus dem Buben ein Tschütteler wird. Doch das überliess Sorg lieber der Schwester. Er selber hatte eine andere Leidenschaft: Er zog die Fasnachtsgewänder der Mutter an und lief damit im Garten herum. Dieses Hineinschlüpfen in eine andere Haut, eine andere Rolle, das faszinierte ihn schon als Kind.

Umzug statt Skiferien

In Dingen, die ihm wichtig sind, ist Kimon Sorg kompromisslos. Einst, als Kind, musste er – «musste», wiederholt Sorg noch einmal eindringlich – mit dem Grossvater nach Grindelwald in die Skiferien. Dabei war zu Hause Fasnacht. Kimon jammerte, täubelte und nervte den Grossvater, bis dieser ihn ins Auto steckte und schnurstracks nach Kaiseraugst fuhr. Klein Kimon durfte am Umzug vorne mitlaufen. Am gleichen Abend ging es, mit dem nun seligen Buben, wieder zurück ins Berner Oberland.

Als Besucher, sagt Kimon Sorg, würde er die Fasnacht langweilig finden. Am Strassenrand herumstehen, das sei nichts für ihn. Er wolle mitmachen, Teil des Ganzen sein, nicht nur an der Fasnacht selber, auch das Jahr über. In Bezug auf sein Majoren-Amt sagt er: «Vorne zu stehen, ist ein gutes Gefühl.» Die Plakette vom Kaiseraugster Fasnacht-Comité überreicht zu bekommen, das sei eine grosse Ehre.

Eine Ehre, die sich Sorg redlich erarbeitet. Die Liste der Jobs, die er für die Gugge schon übernommen hat, nimmt kein Ende. Animationsprogramm an der Kinderfasnacht, Festwirtschaft am Banntag, Absenzenliste, Preisliste, Einsatzliste an der Chilbi, Jugendförderung, Musikkommission, Arrangieren neuer Stücke, Aktualisieren der Internet-Auftritte. Und so weiter.

Und jetzt ist er also Major. «Es steckt viel dahinter bei diesem Job», sagt Sorg. Bei Ausflügen an neue Orte machen die «Chnulleri» Party, während der Major die Gassen der Altstadt abläuft und sich überlegt, wie er mit der Truppe zur festgelegten Zeit bei der richtigen Bühne ist. Wenn der Abend fortgeschritten ist, gilt es, die Leute einzeln zusammenzusuchen und in den Zug einstehen zu lassen. Manchmal ist das einzige, was hilft, einfach loszulaufen. Und darauf zu hoffen, dass die Renitenten irgendwann auch hinterherkommen. Dauernd sei man am «luege, mache, tue und zittere», so Sorg.

Schwarzer Humor

In den Minuten vor und nach dem Auftritt gebe er nur schnippische Antworten. Das wissen die «Chnulleri» inzwischen – «und geben Ruhe». Dann ist Kimon Sorg in sein «Blaues Büchlein» vertieft, in dem geschrieben steht, welche Stücke gespielt werden. Die «Chnulleri» bilden dann einen Kreis um ihren Major und schauen schweigend zu. Dass Sorg nachher auch mal etwas anderes spielen lässt, gehört zu seinem, wie er es nennt, «schwarzen Humor» – «dann müsstest du die Gesichter sehen», sagt er lachend.

Es sind Momente, in denen ihm sein Grossvater väterlicherseits nahe ist, der, wie auch sein Vater, immer einen Witz auf Lager hatte. Zwei Tage vor Sorgs 18. Geburtstag starb er. Die geplante Party wurde um ein Jahr verschoben. Bei der Guggeprobe wenige Tage darauf wünschte sich Sorg den Song «What a Feeling» aus dem Soundtrack des Films «Flashdance». Nachher war Ruhe in der Gugge – «und das», sagt Sorg, «kommt nicht oft vor». Ein Jahr später, bei der nachgeholten Geburtstagsparty, trug Kimon eine Taschenuhr der Kleinbasler Ehrengesellschaft «Vogel Gryff», ein seltenes Exemplar, das ihm sein Grossvater vermacht hatte. Solche Symbole sind Sorg wichtig. «Es sind Erbstücke, die in der Familie weitergegeben werden.»

Es war dieser Grossvater, der ihn einst in die junge Garde der Clique «Basler Beppi» lotste. Dort spielte Kimon Sorg Piccolo. Doch merkte er bald, dass er «nicht so der Clique-Mensch, sondern eher der Gugge-Musiker» sei. Schon als Vierjähriger war er im Vortrab der Kaiseraugster «Chnulleri». Weil der damalige Major Guido – Kimon Sorgs grosses Vorbild – Trompete spielte und zu Hause die Trompete der Mutter herumlag, fing er an, Trompete zu spielen. Die Stunden an der Musikschule, sagt er, hätten ihn «angegurkt». Also brachte er sich das Trompetenspielen selber bei. «Und du kannst es?», fragt man vorsichtig. Die Antwort lautet: «Man sagt, ich kann es gut, jedenfalls besser als die Mutter.»

Auf Grossvaters Spuren

Der Grossvater mütterlicherseits war Trompeter im Militär. Und Kirchenmusiker in der römisch-katholischen Pfarrei. Er starb jung, Kimon Sorg kannte ihn kaum. Doch seine Mutter bezeugt, dass er ihm ähnlich sei, und dass er beim Dirigieren die gleichen Bewegungen mache.

Seit Kimon Sorg als Knirps im Vortrab war, ist viel gegangen, nicht nur in Bezug auf die Fasnacht. Sorg reist viel, sooft es die Zeit und das Budget erlauben. Und gern weit weg. Thailand hat es ihm besonders angetan, die freundlichen Menschen, die buddhistischen Tempel. Beruflich machte Kimon zunächst eine Lehre zum Fachangestellten Gesundheit. Inzwischen ist er diplomierter Pflegefachmann und bereitet sich darauf vor, noch den Bachelor-Studiengang in Pflege anzuhängen.

In Bezug auf den Beruf hat er Zukunftspläne. Privat, sagt Sorg, eher nicht. Er lebe im Jetzt und schaue, wo es ihn hintreibe. Es sei interessanter, wenn man das Leben auf sich zukommen lasse. Doch ein Ziel habe er, sagt er lachend: Sein Vorbild Guido, der 15 Jahre Major war, zu übertreffen.

16. Fasnachtsgottesdienst: Sonntag, 17. Februar, 11 Uhr im reformierten Kirchgemeindehaus in Kaiseraugst