Jeder Mensch ist einzigartig. Auch jede Demenzerkrankung verläuft einzigartig. Was für die eine Person richtig ist, mag für die andere gerade falsch sein – und umgekehrt. Peter (Namen geändert) ist im Sommer 2017 in seinem Haus in Kaiseraugst verstorben – im Haus, in dem er nach dem Tod seiner Frau ganz alleine weiter wohnte.

Es war der Ort seines Lebens, seiner Biografie. Von da wollte er nicht weg. Auch hochbetagt nicht. Aufrecht wollte er leben, bis zu seinem letzten Tag, selbstbestimmt und ohne übertriebene Sorgen. Es ist ihm gelungen – sogar mit seiner Demenzerkrankung, die ihn vor allem in seinem letzten Lebensjahr mehr und mehr einschränkte.

Wie haben seine Angehörigen diese Zeit erlebt? Martin Kalt, Leiter der Spitex Kaiseraugst, die während dieser Zeit die Pflege und Betreuung leistete, im Gespräch mit Melanie, der Tochter von Peter.

Was war Ihre grösste Sorge, als Sie von der Demenzerkrankung Ihres Vaters erfuhren?

Uns sind zuerst Kleinigkeiten aufgefallen. Termine gingen vergessen oder wurden verwechselt, verlegte Gegenstände waren unauffindbar. So waren denn auch die Sorgen, die wir uns machten, zunächst kleinerer Natur, wurden aber natürlich mit dem Fortschreiten der Demenzerkrankung grösser. Wir sind sozusagen langsam in die Situation hinein gewachsen und wurden nicht von einer Diagnose «erschlagen», wie dies bei anderen Krankheiten der Fall sein kann.

Was machte Ihnen Sorgen?

Zu einem späteren Zeitpunkt galt meine grösste Sorge der Tatsache, dass mein Vater vielleicht Hilfe braucht, und nicht mehr weiss, wie er jemanden kontaktieren muss, oder dass der Zustand des Vaters von Aussenstehenden ausgenutzt werden könnte, bewusst oder einfach in Unkenntnis seiner Situation.

Der Wunsch Ihres Vaters war es, zu Hause bleiben zu können.

Uns plagte immer wieder die Frage, wie weit oder wie lange noch können wir es verantworten, unseren Vater, seinem Wunsch entsprechend, allein in seinem Zuhause zu lassen. Trotz der Spitex-Präsenz, die immer wieder der aktuellen Situation angepasst wurde, war er doch vor allem abends und über Nacht viele Stunden auf sich allein gestellt. Eine Nachtwache wurde aber erst kurz vor dem Tod meines Vaters dringend nötig, weil er auch körperlich sehr schwach geworden war.

Was belastete Sie in den Jahren der Demenzerkrankung am meisten?

Nebst meinem Arbeitspensum, meiner Familie und weiteren Verpflichtungen habe ich mich die letzten Jahre um viel Organisatorisches und Administratives gekümmert, beispielsweise um die Rechnungen, die ich aber erst an den verschiedensten und oft unmöglichsten Orten zusammensuchen musste. Weiter gehörte dazu, Termine oder die wenigen privaten Anlässe, die er noch besuchte, ihm aber wichtig waren, zu organisieren und abzuklären, wer ihn zu diesen hin- und zurückbringen kann. Auch gehörte dazu, zu schauen, dass immer etwas Bargeld da war – nach der Schliessung der Poststelle im Dorf war das für meinen Vater schon bald eine Angelegenheit, die er nicht mehr alleine bewältigen konnte. Ebenfalls gehörte dazu, Dinge, die irgendwie schiefgelaufen waren, wieder in Ordnung zu bringen. Ich musste immer wieder feststellen, dass ich für solche Sachen oft mehr Zeit brauchte, als ich effektiv Zeit mit meinem Vater verbringen konnte. Das hat mich sehr belastet.

Was hat Sie in dieser Zeit am meisten überrascht?

Überrascht hat mich, dass keine meiner Befürchtungen eingetreten ist, dass es nie zur Katastrophe kam. Die grösste Überraschung aber war die enorme Besserung des Zustands meines Vaters, schon wenige Tage nach den ersten Einsätzen des Angebots «Spitex Betreuung». Für einige Wochen blühte er nochmals richtig auf, war fröhlich, plötzlich wieder viel präsenter, seine Stimme wieder kräftiger; ein kurzes, schönes Aufflackern der früheren Persönlichkeit. Damit hat, glaube ich, niemand von uns gerechnet.

Die Kommission Gesundheit und Alter der Gemeinde Kaiseraugst lädt am Montag, 26. Februar, um 19 Uhr zum Info-Anlass «Demenz – meine Bedürfnisse – deine Bedürfnisse» in den Violahof ein.