Nächster Halt: Norderschliessung. Am Donnerstag stellten die Gemeinden Gipf-Oberfrick und Frick ihre Vision für die Norderschliessung vor, ein Thema, das die beiden Gemeinden seit Jahren bewegt. Die Zielsetzungen sind unterschiedlich. Frick will den Durchgangsverkehr vom Bahnhofplatz wegbekommen. Und ein Stück weit auch aus dem Dorf. Für Gipf-Oberfrick geht es vorab um eine sichere Fuss- und Veloverbindung zum Bahnhof, und die Erschliessung des nördlichen Gemeindegebietes. Im Interview äussert sich der Gipf-Oberfricker Gemeinderat Jos Bovens über die schwierige Planung, die Verlierer und ob der Zug überhaupt Fahrt aufnehmen wird.

Jos Bovens, fast zehn Jahre doktert die Gemeinde bereits an einer Lösung für die Norderschliessung herum. Eine Zangengeburt?

Jos Bovens: Eine Zangengeburt ist es nicht, aber schon eine Herausforderung. Denn es sind viele Parteien involviert, die Platzverhältnisse sind eng, die Erschliessung geht durch besiedeltes Gebiet, und auch topografisch stellt sie uns vor Aufgaben.

Das tönt nach einer Herkulesaufgabe. Geht das – ohne einen Verlierer?

Nein, die perfekte Lösung gibt es nicht. Welche Lösung man auch durchdenkt – jemand wird immer tangiert sein. Mit der Variante «Mitte», so glauben wir, haben wir eine Lösung gefunden, um alle unsere Ziele zu erreichen und gleichzeitig wenige Parteien zu beeinträchtigen.

Insgesamt prüfte der Gemeinderat fünf Varianten. Ist die nun favorisierte Variante «Mitte» einfach das kleinste Übel?

Nein, überhaupt nicht. Es ist die Variante, welche die beste Lösung für die gestellten Aufgaben liefert. Gipf-Oberfrick ermöglicht sie eine attraktive, direkte Verbindung für den Langsamverkehr zum Bahnhof. Zudem stellt sie die künftigen Erschliessungen im nördlichen Siedlungsgebiet sicher. Frick kann so den Durchgangsverkehr über den Bahnhofplatz reduzieren und den Bahnhof ausbauen.

Sie sagen: Es gibt keine Lösung ohne Verlierer. Ich sage: Sie haben einfach zu wenig gut gesucht.

Ganz sicher nicht! Es gibt keine Erschliessung, die nicht die Interessen oder das Grundeigentum von Privatpersonen tangiert. Selbst wenn man auf der grünen Wiese plant, ist immer jemand davon betroffen oder nicht einverstanden. Eine 100-prozentige Zufriedenheit gibt es nie.

Einer der Hauptverlierer ist die Familie Hinden. Hand aufs Herz: Möchten Sie, dass der gesamte Verkehr direkt vor Ihrer Haustüre durchfährt?

Der Gesamtverkehr fährt auch jetzt schon an ihrer Haustüre vorbei. Der Unterschied ist ein anderer: Heute biegt der Verkehr nach der Bahnunterführung in Richtung Bahnhof ab. Künftig wird er dies vor der Bahnunterführung tun. Wir sind uns bewusst, dass die Lösung die Familie Hinden ebenso wie die Meliofeed AG beeinträchtigt. Aber, wie gesagt: Eine Lösung, die niemanden tangiert, gibt es schlicht nicht.

Die Familie Hinden lehnt die Variante «Mitte» ab. An der Infoveranstaltung sagten Sie, es werde eine Lösung geben. Wie soll das gehen? Das tönt nach der Quadratur des Kreises.

Es mag so tönen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir eine verträgliche Lösung für die Familie Hinden finden werden. Es sah zuerst so aus, dass sich eine Lösung anbahnt. Familie Hinden hat sich dann aber dafür entschieden, ihren Betrieb am heutigen Standort weiterzuführen.

Und jetzt?

Jetzt müssen wir weitersehen. Ich kann Ihnen heute noch keine Lösung präsentieren. Sie muss in der Detailplanung erarbeitet werden.

Wie soll das gehen? Die neue Strasse führt ja mitten durch den Hof.

Wir wissen erst seit rund einer Woche, dass sich die Familie umentschieden hat und am jetzigen Standort bleiben will. Die neue Lösungssuche beginnt jetzt erst.

Ritzt man nicht Grenzen, wenn man zu jemandem einfach sagt: So, nun bauen wir eine Strasse bei dir durch.

Fakt ist, dass wir eine Lösung für die Erschliessung finden müssen. Die anderen Varianten hatten ähnliche und weitere Nachteile. Es ist eine Abwägung der Interessen und ich verstehe, dass die Familie Hinden damit nicht glücklich ist. Wir werden die Familie nicht im Stich lassen. Wir werden als Gemeinde alles tun, um eine verträgliche Lösung zu finden.

Sie sagen, die Gemeinde musste eine Lösung finden. Es hätte auch eine zweite Option gegeben: Übungsabbruch.

Man kann nicht einfach vor einem Problem davonlaufen. Der Verkehr wird weiter zunehmen und muss neu geführt werden. Wir brauchen eine sichere Verbindung für den Langsamverkehr zum Bahnhof, wir brauchen die Erschliessung des nördlichen Gemeindegebietes und wir brauchen einen Bahnhof für das obere Fricktal.

Macht die Gemeinde Frick Druck, weil sie den Bahnhof neu erschliessen will?

Nein, Frick macht keinen Druck. Die Gemeinde hat ein Anliegen und dieses ist mit unseren Vorstellungen kompatibel.

Böse Zungen sagen: Eigentlich geht es Frick ja um etwas ganz anderes: Die Gemeinde will den Verkehr aus dem Benkental, der Richtung Basel rollt, aus dem Dorf eliminieren.

Er verschwindet nicht aus dem Dorf, sondern vom Bahnhofplatz. Dass er danach so weiter geführt wird, dass das Siedlungsgebiet möglichst wenig tangiert wird, macht Sinn. Am Verkehr aber, der Richtung Zürich oder ins Ortszentrum rollt, ändert die Norderschliessung nichts.

Das Projekt steht erst am Anfang. Es wird viel zu reden geben. Wird es bereits an der Gemeindeversammlung Schiffbruch erleiden?

Ich bin zuversichtlich. Die Gipf-Oberfricker sehen ein, dass wir die Norderschliessung brauchen. Mit dem Planungskredit haben wir die Möglichkeit, alle offenen Fragen zu klären. Dies ist die Basis, um überhaupt über das Projekt entscheiden zu können.

Ihre Prognose: Wann wird das erste Auto über die Norderschliessung rollen?

(Lacht.) Da kommt man immer flach heraus, wenn man eine solche Prognose abgibt. Ich weiss es nicht. Klar ist: Die Abstellgleise der SBB, die es für das Projekt braucht, stehen ab Fahrplanwechsel 2020 zur Verfügung. Dann wird der neue Bözbergtunnel eröffnet. Ob die Planung dann schon so weit ist, wird sich weisen.