Frick
Jeder kann charismatisch sein – sagt dieser Charisma-Papst

Peter Suter will die Schweizer das Charismatisch-Sein lehren, denn gemäss ihm kann jeder Mensch charismatisch sein. Er selbst hält sich an eine strikte Regel: «Ich rede dort, wo ich kompetent bin, und schweige da, wo ich nicht sattelfest bin.»

Thomas Wehrli
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«Charisma braucht Zuhörer»: Peter Suter erzählt gerne – und charismatisch.

«Charisma braucht Zuhörer»: Peter Suter erzählt gerne – und charismatisch.

zvg

Die Ansage ist nicht unbescheiden: «Ich will der Charisma-Papst der Schweiz werden», sagt Peter Suter, 67, entfernt eine Fussel von seinem Pullunder, lächelt milde. Es gebe zwar viele Bücher zum Thema, aber kaum eines sage, wie man charismatisch werde. «Ich rede nicht nur von Charisma, sondern ich gebe den Leuten in meinen Kursen die Werkzeuge dazu in die Hand.»

Den Einwand, Charisma besitze man (oder eben nicht), dies sei eine Gabe und deshalb nicht lernbar, wischt der Personalcoach aus Frick mit einer unwirschen Handbewegung und einem schnaubend-heftigen «Unsinn» vom Tisch.

«Jeder kann charismatisch sein», sagt Suter, «nur wissen viele nicht: wie und wo.» Denn klar sei: «Charismatisch kann jeder Mensch nicht in mehreren sozialen Rollen sein.»

Das Charisma des Apple-Chefs

Suter, seines Zeichens Krawatten- und Schnauzträger, streicht mehrfach über Letzteren, holt tief Luft und kommt in Fahrt – oder eben: wird charismatisch. «Steve Jobs», doziert er, «war auf der Bühne eine absolut charismatische Figur. Als Vorgesetzter jedoch war der Apple-Chef fragwürdig.»

Das sitzt. Suter sinniert kurz über das eben Gesagte nach, nickt. «Charisma kann schnell in psychopathische Anwandlungen kippen.» Immer dann, wenn es jemandem an Empathie fehle, an Wertschätzung auch, immer dann, «wenn jemand andere Menschen nur benutzt und über Leichen geht.» Dann werde aus einem Charismatiker ein Irrsinniger.

Man spürt die Abscheu, die Suter solchen Ich-und-nur-Ich-Menschen, diesen Wichtigtuern entgegenbringt – weil sie so anders sind, als er sich den Idealtypus des «homo prudens», des denkend-handelnden Menschen, vorstellt.

Suter lacht laut und herzhaft-bitter. Wenn jemand das Gefühl habe, er müsse zu allem und jedem seinen Senf dazu geben, wenn jemand nur einem Menschen zuhört – sich selber, «dann hat das nichts mit Charisma zu tun, sondern bestenfalls mit einem übergrossen Ego.» Und schlechtestenfalls? «Mit einer Profilneurose.»

Ganz Franziskus-like

Er selber halte es so: «Ich rede dort, wo ich kompetent bin, und schweige da, wo ich nicht sattelfest bin.» Ein genügsamer Charisma-Papst. Ganz Franziskus-like.

Was den Papst in Rom zum Amt befähigt hat, ist formal seine Bischofsweihe und inhaltlich sein Mensch-Sein. Und bei Suter? «Das Wissen, wie ich Menschen zu ihrem Charisma führe.»

Er habe früh gespürt, dass sein grosses Talent, sein Charisma also, das Motivieren von Menschen, das Anspornen zu Höchstleistungen sei. Entdeckt hat er diese Gabe in der EDV-Firma, die er 1978 mitgegründet hat.

Was als Kleinbetrieb mit fünf Mitarbeitenden begann, wuchs innert weniger Jahre zu einem mittelgrossen Unternehmen mit 250 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 36 Millionen Franken.

1992 verkaufte Suter seine Firma und widmet sich seither ganz seiner Leidenschaft: dem Coachen von Menschen. «Es ist ein herrliches Gefühl, zu sehen, wie Menschen wachsen und ihre Potenziale entdecken.»

Das Nicht-Wirken gibt es nicht

Wenn man Suter zuhört, wird einem schnell klar: Sein Charisma bricht dann wie ein Vulkan aus ihm heraus, wenn er Zuhörer hat, wenn er über die «Grundsätze der persönlichen Erkenntnis» und andere charismatische Kochutensilien referiert.

Dann fallen, einem Tremolo gleich, Sätze wie: «Charisma ist Sein und nicht Haben.» Oder: «Man kann nicht Nicht-Wirken.» Oder: «Charisma ist nicht nur wirken, sondern auch bewirken.» Oder auch: «Charisma braucht Zuhörer.»

Schalk spielt um seine Augen, wie er die Journalisten zu mehr Charisma in ihrer Branche aufruft, wissend, dass ihm dies eine charismatische Standpauke seines Gegenübers einträgt.

Für ihn ist dessen Reaktion ein Indiz, dass Selbiger sein Charisma gefunden hat. Nicht selbstverständlich, weiss Suter, denn: «Es gibt viele Menschen, die beruflich etwas machen, in dem sie überhaupt nicht stark sind.» Oft, weil sie in diese Rolle gezwängt wurden «und nie reflektiert haben: Bin ich das wirklich?»

Charismatiker sind authentisch

Diese Selbstreflexion rät Suter, der schnelle Wagen ebenso mag wie gemütliches Golfen, jedem. Denn zu wissen, wer man sei – und vor allem: wo man stark sei, «ist die Prise Salz, die das Leben erst lebenswert macht».

Suter, der Menschenfreund, bei dem jemand beweisen muss, dass er sein Vertrauen nicht verdient (und nicht umgekehrt), lehnt sich auf dem Bürostuhl in seinem Fricker Büro zurück. Nun wirkt er wirklich väterlich-päpstlich, wie er da sitzt und seine Predigt hält: «Charismatisch wird man, wenn man seine authentischen Seiten extensiv nach aussen lebt», philosophiert es aus ihm heraus.

«Charismatiker sind authentisch und hinterfragen sich und ihr Tun stets selber, im Bestreben, ihr Sein zu optimieren.» Dem bleibt, ganz päpstlich-ergeben, nur eines hinzuzufügen: Amen.

Peter Suter betreibt einen Charisma-Blog unter www.charismaleben.ch.