Es ist der 13. November 2013, Mario S., der gestern als Angeklagter vor dem Bezirksgericht Rheinfelden stand, nimmt an einer offiziellen Treibjagd im Magdener Wald teil. Nicht als Jagdleiter oder Schütze; er hat acht gut ausgebildete und qualifizierte Hunde dabei.

Die Jagdhunde werden eingesetzt, um das Wild aus dem Dickicht zu treiben, sie sind darauf trainiert, das Freiwild lediglich auf die Beine zu bringen und dabei zu bellen, um den Jägern zu signalisieren, dass sie etwas verfolgen. Was die Jäger nicht ahnen können, ist, dass im Wald Ziegen auf freiem Fuss sind.

Ein mit Glöckchen und Leuchtweste ausgestatteter Jagdhund trifft in seinem Jagdgebiet auf eine Ziege. Was dann passiert, lässt sich nur vermuten: Das Verhalten der Ziege bringt den Hund, der auf Treiben und keinesfalls auf Fangen oder Beissen trainiert ist, aus der Fassung. Die Ziege hat nicht das ausgeprägte Fluchtverhalten eines Rehs, sie verhält sich nicht wie Wild, das eigentlich in diese Umgebung gehört.

Es beginnt eine Treibjagd, die Ziege rennt in Richtung Heimathof und schliesslich auf ihre schlecht eingezäunte Weide. Eine Ziege ist nicht fähig – wie ein Reh – schneller als ein junger Jagdhund zu sein. Der Hund erwischt die Ziege und reisst sie zu Boden.

Retter und böser Nachbar

Der Bauer vom Nachbarhof beobachtet die Szene und greift schliesslich ein. Er trennt die Ziege vom Hund, nimmt den Hund mit auf seinen Hof und ruft die Jäger an; die schwer verletzte Ziege rennt sofort wieder in den Wald, später wird sie gefunden und eingeschläfert.

«Der Hund wirkte nicht aggressiv, ich hatte zu keinem Zeitpunkt Angst vor ihm», sagt der Nachbar als Zeuge im Prozess. Probleme mit der Nachbarin Verena D. gäbe es nicht selten, sie sei im Dorf bekannt.

«Verena D. kümmert sich nicht um ihre Tiere, ich sehe ihre Kühe teilweise auf meinen Wiesen, die Ziegen laufen in den Wald, um genug Futter zu finden, das ist nämlich Mangelware auf dem Hof», sagt der Nachbar vor Gericht.

Grosse Waldschäden hätten ihre fast täglich frei herumstreunenden Ziegen angerichtet, der Grillplatz in der Nähe des Hofes sei ständig Kot-verdreckt und trotzdem werde der Zaun, der eigentlich die Ziegen in ihrer Weide halten sollte, nicht im Stand gehalten und geflickt.

Aussage gegen Aussage

Der angeklagte Jagdwächter und Jagdaufseher von mehreren Gemeinden fühlt sich durch die Zeugenaussage vom Nachbarn bestätigt. «Nutz- und Haustiere gehören nicht unbeaufsichtigt in den Wald. Ungewohnte Umstände führen zu nicht einschätzbaren Reaktionen bei Tieren; meinem Hund ist absolut nichts vorzuwerfen.»

Die Aussagen der Anklägerin schockieren Mario S.: Verena D. behauptet, bis zu 50 Hunde hätten ihre Ziegen verfolgt, sie beharrt darauf, dass jener Tag 2013 neblig war. «Bei Nebel wäre eine Treibjagd grobfahrlässig und hätte bestimmt nicht stattgefunden», argumentiert Mario S.

Das Bezirksgericht Rheinfelden spricht Mario S. strafrechtlich frei: Die Jagdgesetze wurden nicht missachtet. Die Zivilforderung von Verena D. nach mehreren tausend Franken Schadenersatz – unter anderem für das, nicht durch einen Tierarzt bestätigte, ungeborene Zicklein der getöteten Ziege und die Traumatisierung der ganzen Herde durch den Jagdhund – wird abgelehnt.