Öffentlicher Verkehr

Im Fricktal fährt die unrentabelste Buslinie des Kantons – in Gefahr ist sie dennoch nicht

Das Ortsschild passiert der Bus der Linie 99 zwölfmal pro Tag und Fahrtrichtung.

Das Ortsschild passiert der Bus der Linie 99 zwölfmal pro Tag und Fahrtrichtung.

Die Buslinie Magden-Olsberg-Giebenach hat den niedrigsten Kostendeckungsgrad im Aargau.

Sie bildet das Schlusslicht im Kanton: die Buslinie von Magden über Olsberg nach Giebenach. Der «99er» erreicht nur gerade einen Kostendeckungsgrad von 14,1 Prozent – so tief ist er bei keiner anderen der 134 Aargauer Bahn- und Buslinien.

Karl Bürgi, Gemeindeammann von Olsberg, erstaunt das schlechte Abschneiden nicht. Der Andrang bei der Bushaltestelle halte sich jeweils in Grenzen, sagt er. Benutzt wird der Bus vor allem von Schülern, die im Tal zur Schule gehen, sowie von Schülern, welche die Tagesschule im Stift Olsberg besuchen. Entsprechend fährt am Samstag und Sonntag schon gar kein Bus mehr.

Viele Einwohner nutzten lieber das Auto, weiss der Ammann. Damit sei man unabhängiger und müsse nicht auf den Busfahrplan Rücksicht nehmen. Wobei: Das Fahrplanangebot ist mit 12 Fahrten pro Tag und Richtung nicht einmal so schlecht.

Missen möchten Bürgi und die Olsberger den Bus aber trotz schlechter Auslastung nicht. «Es ist wichtig für das Dorf, an den öffentlichen Verkehr angeschlossen zu sein», ist Bürgi überzeugt. Diesen Tenor höre er auch an den Gemeindeversammlungen. Nur eben: Der Wunsch, angeschlossen zu sein, heisst noch nicht, dass man das Angebot auch regelmässig nutzt. Würde ein dichterer Fahrplan da helfen? Bürgi ist skeptisch. Alle Wünsche könne man ohnehin nie erfüllen. Und eben: «Das Auto fährt rund um die Uhr.»

Auch für André Schreyer, Gemeindeammann von Magden, ist die schlechte Auslastung des «99ers» keine Überraschung. Neben Schülern würden ihn auch Pendler nutzen, die in Magden auf den Bus nach Rheinfelden umsteigen, weiss Schreyer. Diese Linie – sie führt von Rheinfelden über Magden nach Maisprach und Gelterkinden – sei für das Dorf «extrem wichtig», so der Ammann.

Die Gemeinde würde es begrüssen, wenn der «100er» auch das Quartier Breite bedienen würde. Doch da macht Postauto nicht einfach so mit. Die Gemeinde müsste zuerst einen dreijährigen Versuchsbetrieb finanzieren und zeigen, dass sich diese Schlaufe auch auszahlt. Kostenpunkt des Versuchsbetriebs: rund eine Million Franken pro Jahr. «Das ist uns zu teuer», sagt Schreyer. Sollte das Gebiet «Bünn» dereinst eingezont werden, «müssten wir es nochmals anschauen».

TNW drückt auf den Kostendeckungsgrad

Von den 18 Fricktaler Bahn- und Buslinien erreicht keine einzige einen Kostendeckungsgrad von 100 Prozent oder mehr, das heisst: Keine deckt ihre Kosten voll. Acht haben einen Kostendeckungsgrad von mehr als 50 Prozent, der Rest liegt darunter.  Wobei: Der Deckungsgrad allein sagt noch nicht allzu viel aus. Es spielen auch andere Faktoren, etwa politische, eine Rolle. Das Fricktal ist an den Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) angeschlossen und dieser verfolgt eine Politik der günstigen Fahrpreise. Damit liegt der Kostendeckungsgrad per se tiefer als in anderen Aargauer Regionen, wo die Benutzung des öffentlichen Verkehrs teurer ist.

Was ändert, wenn eine Linie schlecht frequentiert ist, ist die Beteiligung des Bundes. Normalerweise zahlt der Kanton 60 und der Bund 40 Prozent an die Kosten. Bei schlecht ausgelasteten Linien muss der Kanton mehr zahlen. Im Fall des «99ers» zahlt der Kanton um die 80 Prozent.

Ist der «99er» also akut gefährdet? Nein, sagt Jürg Bitterli, Projektleiter öffentlicher Verkehr beim Kanton. Der Kanton bekenne sich zu einem Basisangebot im ganzen Kanton. Dies kommt auch im Mehrjahresprogramm öffentlicher Verkehr 2020 zum Ausdruck, das der Grosse Rat im Dezember verabschiedet hat. Bitterli macht klar: «Aktuell ist keine Bus- oder Bahnlinie in Frage gestellt.»
Gerade im unteren Fricktal ist es für den Kanton einfacher als in anderen Regionen, den öffentlichen Verkehr zu planen. Denn dort sind die Verkehrsströme Richtung Basel fokussiert.

Schwieriger wird es in Regionen, die auf kein klares Zentrum zusteuern. Bitterli wertet den ÖV-Ausbau im Fricktal als sehr gut und erinnert daran, dass das Fricktal jene Region war, in der die Flirt-Züge zuerst verkehrten. Auch die Dosto-Züge kamen früh im Fricktal zum Einsatz. «Das Fricktal ist gut erschlossen», bilanziert Bitterli. Dass der ÖV dabei in den Seitentäler weniger stark ausgebaut ist als in den Gemeinden entlang der Hauptverkehrsachse, also der Bözberglinie, liegt in der Natur der Sache, Pardon: in der Natur der Täler.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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