Bad Säckingen (D)

«Ich bin total überrollt worden» – Rentner wird über den Tisch gezogen und zahlt 11'000 Euro bar

Diese Rinnen aus dünnem Alu haben Abzocker am Haus von Werner Scholtz angebracht. Billig-Qualität, sagt ein örtlicher Handwerker bei der Prüfung. Marion Rank

Einem Rentner (86) wurden bei einem Haustürgeschäft billige Dachrinnen überteuert aufgeschwatzt. Einer der Betrüger fuhr mit dem Rentner sogar noch bis zur Bank, damit er das Geld abhebt.

Der vergangene Freitag war ein rabenschwarzer Tag für einen Rentner aus Bad Säckingen. Er wurde mit einem Schlag, innerhalb weniger Stunden, um 11'000 Euro erleichtert. Werner Scholtz, 86 Jahre alt, der bis zu seiner Pensionierung bei der Kriminalpolizei in Waldshut-Tiengen beschäftigt war, wurde nicht Opfer eines Überfalles, sondern Opfer dreier dreister Betrüger, die den Rentner bei einem sogenannten Haustürgeschäft über den Tisch gezogen haben.

Die Männer drehten dem Rentner neue Dachrinnen zu einem völlig überteuerten Preis an, aber in billigster Qualität. Hätte er die gleichen Arbeiten von einem hiesigen Handwerksbetrieb ausführen lassen, hätte ihn das Ganze in guter Qualität, inklusive Mehrwertsteuer, rund 2600 Euro gekostet.

Dachrinnen für 11'000 Euro

Was war passiert? Werner Scholtz hielt sich am Freitagmorgen gegen 9.30 Uhr in seinem Vorgarten auf, als ein vorbeifahrender heller Lieferwagen mit Esslinger Kennzeichen anhielt, ein Mann ausstieg und dem Rentner erklärte, dass man an seinem Haus neue Dachrinnen anbringen solle. Ein Preis wurde dabei nicht erwähnt, nur, dass man hochwertige Aluminium-Dachrinnen verbauen würde, die etwas teurer seien. Auf den Rentner, der bis dato keinen Gedanken daran verschwendet hatte, seine Dachrinnen ersetzen zu lassen, wurde so lange eingeredet, bis er unter Zeitdruck schliesslich einwilligte, wenigstens die vordere Dachrinne an seinem Haus ersetzen zu lassen.

Am Nachmittag liess Scholtz nun auch noch die Dachrinne auf der Rückseite des Hauses ersetzen. Jetzt endlich kamen Zahlen auf den Tisch: 14'000 Euro lautete das Angebot für die Dachrinnensanierung. Der Rentner versuchte, zu handeln, aber der Mann reduzierte den Preis nur bis auf 11'000 Euro. Scholtz akzeptierte schliesslich: «Weil ich glaubte, dass er ehrlich sei. Ich habe ihm einfach geglaubt», begründet er den Umstand, dass er nicht versucht habe, den Preis weiter zu drücken.

Der Rentner hatte jedoch nicht genügend Bargeld im Haus für den Anführer der Bande. «Ich gab ihm in meinem Wohnzimmer eine Anzahlung in bar, habe mich aber so überrumpelt gefühlt, dass ich nicht nach einer Quittung gefragt habe.» Scholtz erklärte dem Mann, dass er erst zu seiner Bank müsse, um die restliche Summe abzuheben. Es gab keine Chance zu entrinnen für den 86-Jährigen – der Kopf der Gruppe liess sein Opfer nicht aus seinen Fängen. «Dann fahr ich mit», sagte dieser, und: «Ich brauche das Geld heute noch in bar, ich muss nach Stuttgart», erklärte er dem völlig eingeschüchterten Rentner.

Gesagt, getan. Werner Scholtz stieg in seinen VW Golf, der andere Mann nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Seine beiden Komplizen fuhren in dem Lieferwagen weg. Scholtz fuhr mit seinem Bewacher ins Lohgerbe-Parkhaus in die untere Etage, gemeinsam gingen sie zur Sparkasse, wo der starke Raucher sein Opfer nicht mit hinein begleitete, sondern auf dem Platz zwischen Sparkasse und Kaufhaus Woolworth auf ihn wartete. Scholtz stand noch immer unter Schock, weil er dem Mann nun einen Grossteil seiner Ersparnisse aushändigen musste. Er registrierte zwar noch die Verwunderung der Bankangestellten, für die der Rentner plötzlich einen ungewöhnlich hohen Betrag von seinem Konto abhob, schaffte es aber nicht, in der Bank um Hilfe zu bitten.

Opfer leidet unter dem Betrug

Opfer und Täter trafen sich vor der Sparkasse, wo Letzterer wartete. Der Rentner übergab den Umschlag mit der Summe in 200-Euro-Scheinen und verlangte nach einer Rechnung, die der Täter aber mit der Begründung verweigerte: «Wir machen das so.» Mit diesen Worten machte sich der Betrüger aus dem Staub in Richtung Beck-Arkaden und liess einen völlig geschockten 86-Jährigen zurück. Er vermutet, dass die Komplizen dort in der Nähe warteten.

Der Rentner ist auch Tage nach dem Vorfall noch immer am Ende seiner Kraft, leidet unter Schlafstörungen, ist total verzweifelt. «Ich hatte da einfach nicht viel Zeit zum Nachdenken. Ich bin total überrollt worden», kann er noch immer nicht fassen, was geschehen ist. Aber er wird täglich an seine Gutgläubigkeit erinnert: Die Betrüger hatten die alten Dachrinnen nicht entsorgt, sondern im Garten des Rentners deponiert. Scholtz hat Strafanzeige erstattet. Er hegt die leise Hoffnung, dass er seine Ersparnisse doch noch irgendwie zurückbekommt.

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