Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das das Fricktal derzeit in schulpolitischen Fragen durchlebt. Da ist auf der einen Seite das Berufsbildungszentrum Fricktal (BZF). Es ist, mehr oder weniger, akut bedroht, da der Kanton die Berufsschullandschaft neu gestalten will. Dabei soll die Zahl der KV-Standorte von 7 auf 3 reduziert werden; als gefährdet gilt der KV-Standort am BZF, wo im letzten Schuljahr 125 angehende Kaufleute unterrichtet wurden.

Aber auch für die anderen Bereiche werden grosse Änderungen erwartet. In wenigen Wochen wird der Regierungsrat informieren. Es ist ein banges Warten. Fricktaler Grossräte haben sich bereits in Position gebracht: Sie wollen um den Erhalt des BZF kämpfen.

Am anderen Ende der Gefühlsskala ist die Fricktaler Seele in Sachen Mittelschule. Was 1981 im Schulgesetz festgeschrieben wurde, könnte bis 2028 endlich Realität werden: eine eigene Mittelschule. Weil bis 2040 rund 20 Prozent mehr Mittelschüler erwartet werden, fasst der Regierungsrat zwei neue Mittelschulen ins Auge – eine davon im Fricktal, die andere im «Gebiet Aarau, Brugg, Baden, Lenzburg».

Bis Ende Januar konnten sich Gemeinden und Verbände aus dem Fricktal als Schulstandorte beim Bildungsdepartement bewerben. Vier haben es getan; drei davon – Stein, Möhlin/Rheinfelden sowie das Oberstufenzentrum in Mumpf, das ab Sommer leersteht – sind bereits publik. Eine vierte Bewerbung ist wahrscheinlich jene von Frick. Die Gemeinde dürfte Anfang nächster Woche über ihr Dossier informieren.

Es ist, passend zum Ferienstart, Zeit für ein Zwischenzeugnis – (noch) ohne Noten.

1. Die Verfahrensfrage.

Die Gemeinden konnten sich mit ihren Standorten bewerben. Dieses Vorgehen finden die befragten Politiker gut. Zwar ist Stein im Schulgesetz als Standort eingetragen, «doch das ist lange her und eine neue Evaluation deshalb sinnvoll», findet CVP-Grossrat Alfons P. Kaufmann.

2. Die Standortfrage.

Das Bildungsdepartement hat den Gemeinden klare Vorgaben gemacht: Das Areal muss 30 000 Quadratmeter gross sein und über eine Reserve von 10 000 Quadratmetern verfügen. Wert legt der Kanton auf eine «gute Lage im Einzugsgebiet und eine leistungsstarke Erschliessung mit öffentlichen Verkehrsmitteln», wie Simone Strub vom Bildungsdepartement unlängst gegenüber der AZ sagte.

Die beiden Standorte Rheinfelden/ Möhlin und Stein sind in Sachen Anbindung an den öffentlichen Verkehr gegenüber Mumpf im Vorteil. In Rheinfelden/Möhlin käme die Mittelschule unmittelbar beim Bahnhof Möhlin zu liegen. In Stein hat der Gemeinderat vier Standorte eingegeben, drei davon im Gebiet Neumatt, einer im Gebiet Seematt.

Zwei Fragen interessieren derzeit besonders. Die erste: Was macht Frick? Vor einem Monat sagte Gemeindeschreiber Michael Widmer zur AZ: «Wir haben grosses Interesse.» Und: «Der Standort sollte in der Nähe des Bahnhofs liegen.» Man darf gespannt sein.

Die zweite Frage: Welche Präferenz hat die Politik? Sie – oder vielmehr der Grosse Rat – ist es ja, der am Schluss entscheidet. Die AZ hat mit mehreren Gemeindeammännern und Grossräten gesprochen. Die meisten halten sich noch bedeckt. Es sei zu früh, sich jetzt schon auf einen Standort festzulegen, lautet der Tenor. «Die Frage, wo die Mittelschule dereinst liegt, ist für mich derzeit zweitrangig», sagt Kaufmann. Zentral sei, dass das Fricktal eine Mittelschule bekomme.

Für Ratskollege Christoph Riner (SVP) kommen alle bekannten Standorte infrage. «Ob dieser nun im oberen oder im unteren Fricktal liegt, ist sekundär», so Riner. «Als Erstes müssen wir sicherstellen, dass wir eine Mittelschule bekommen. Wo sie ist, kommt in einem zweiten Schritt.»

Das sehen die Standortgemeinden, wenig verwunderlich, anders. Sie preisen ihren eigenen Standort je als besonders geeignet an – und verweisen auf die zentrale Lage und die gute Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Verkehr.

3. Die Verkehrsfrage.

Die Standorte an der Bözberg-Bahnlinie sind im Vorteil. Stein und Frick haben zusätzlich den Benefit, dass bereits heute viele Schnellzüge halten, was die Erreichbarkeit auch für (potenzielle) Schüler aus den umliegenden Regionen erhöht.

Welcher Standort hat nun, verkehrstechnisch, welchen Vorteil?

Frick verfügt heute über das breiteste öV-Angebot; neben den Zügen halten hier auch die Buslinien nach Brugg, Laufenburg, Aarau und Stein. Besonders interessant wird Frick, wenn Brugg, das als einer der Standorte für die zweite zu bauende Mittelschule gehandelt wird, den Zuschlag nicht erhält. Denn dann würde Frick zu einer (gewissen) Alternative zu Aarau und Baden für die Schüler aus der Region Brugg.

Für Stein spricht, dass die Gemeinde in der Mitte des Fricktals liegt – und somit ein gutschweizerischer, geografischer Kompromiss wäre. Für Stein als Standort macht sich Laufenburg stark; die Stadt ist damit die erste Kommune, die nicht selber im Rennen ist, die sich klar auf einen Standort festlegt. «Stein liegt mitten im Fricktal und ist von allen Seiten gut erreichbar. So bleiben die Wege für alle möglichst kurz», sagt Stadtammann Herbert Weiss und wirft ein weiteres Argument für Stein in die Waagschale: «Stein bietet die Chance eines antizyklischen Verkehrseffektes.» Am Morgen seien die Züge vor allem Richtung Basel voll; «indem die Schüler aus dem unteren Fricktal nach Stein fahren, kann ein Gegengewicht hergestellt werden», glaubt Weiss.

Das Argument gilt aber, noch im verstärkten Mass, auch für Frick.

Für Grünen-Grossrätin Gertrud Häseli dagegen ist die Distanz nicht das entscheidende Kriterium. «Man darf den Standort nicht nach Zugskilometern berechnen, sondern muss ihn nach der Infrastruktur auswählen.»

4. Die Schülerfrage.

Aktuell besuchen rund 660 Fricktaler eine Mittelschule. Der Grossteil von ihnen, um die 500, gehen in den Kantonen Basel-Stadt (150) und Basel-Landschaft (350) zur Schule. Das heisst: Nur jeder vierte Fricktaler besucht eine Aargauer Kantonsschule, vorab jene in Aarau und vorab aus dem oberen Fricktal.

83 Prozent der Schüler, deren Schulweg Richtung Basel führt, kommen aus Rheinfelden, Möhlin und den umliegenden Gemeinden. Diese Zahl führen Möhlin und Rheinfelden gerne als Argument für ihren Standort ins Feld. Die Rechnung muss allerdings neu gesamtfricktalisch gemacht werden, denn auch die 160 Schüler, die heute in Aarau oder einer anderen Aargauer Kantonsschule unterrichtet werden, gehen künftig im Fricktal zur Schule.

5. Die Bedarfsfrage.

Das Fricktal wächst. Dies spiegelt sich auch in der Zunahme der Schüler. Eine eigene Mittelschule – das Fricktal ist heute die einzige Region ohne eine Kantonsschule – ist deshalb angezeigt. Kommt hinzu, dass die beiden Basel gar nicht unfroh sind, wenn die Fricktaler nicht mehr zu ihnen kommen; sie haben selber Raumbedarf. «Ein Mittelschul-Standort im Fricktal macht für mich Sinn», sagt denn auch Hansueli Bühler, der viele Jahre Gemeindeammann von Stein und Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio war. Seit der letzten Evaluation vor 40 Jahren sei die Bevölkerung im Fricktal von 50 000 auf über 80 000 Einwohner angestiegen und werde auch noch weiter steigen. «Zudem nimmt der Anteil der Maturanden bei den Jugendlichen tendenziell zu.»

6. Die BZF-Frage.

Das Ab, das dem BZF zumindest droht, könnte zum Auf für die Mittelschule werden. Sprich: Sollte das BZF geschlossen oder stark verkleinert werden, so denkt der eine oder andere Politiker laut nach, könnte man doch den frei werdenden Raum für eine Mittelschule nutzen. Das grosse Fragezeichen dabei: die Infrastruktur. Das BZF ist viel kleiner, als es eine Mittelschule sein müsste. Die Schule müsste also stark erweitert werden. Hier ist offen, ob und wie dies zu bewerkstelligen wäre.

Solche Gedankenspiele hört man in Rheinfelden nicht gerne und auch mehrere angefragte Grossräte halten nichts davon. Dass man eine Mittelschule bekomme und im Gegenzug das BZF verliere, «kommt nicht infrage», sagt Riner. «Auf einen solchen Tauschhandel würde ich mich nie einlassen und mich mit allen Mitteln dagegen wehren.»

Ganz anders beurteilt es Häseli: Für sie ist das BZF als Standort nicht nur eine Option, sondern die optimale Lösung: «Wir müssen über die Grenzen hinausdenken», sagt sie. Will heissen: Die Berufsschule gehört für Häseli nach Muttenz, die Kantonsschule ans BZF. Sie denkt dabei interkantonal. «Wir tauschen gegenseitig die Schüler aus», sagt Häseli und verweist auf den aktuellen Vertrag, dank dem Fricktaler die Kanti im Baselbiet besuchen können. «Das funktioniert bestens.» Zudem: «Wenn die Kantonsschule nach Rheinfelden kommt, hilft das, einen allfälligen Verlust des BZF zu tragen», ist Häseli überzeugt.

Auch für Kaufmann ist es denkbar, dass Schüler aus Baselbieter Gemeinden im Fricktal zur Schule gehen. Dass das Engerfeld in Rheinfelden als Mittelschule genutzt wird, sieht er dagegen nicht – selbst dann nicht, wenn das BZF geschlossen würde, wogegen auch er kämpfen will.

7. Die Zentrumsfrage.

Was muss ein Mittelschulstandort bieten? Neben der guten Erreichbarkeit sicher ein breites kulinarisches Angebot sowie Einkaufsmöglichkeiten. Hier sind Rheinfelden und Frick gegenüber Stein im Vorsprung. Für Häseli sollte ein Standort zudem auch kulturell etwas zu bieten haben. Auch hier haben Frick und Rheinfelden die Nase vorne, mit leichten Vorteilen für Rheinfelden.

Häseli bleibt dabei: «Es muss Rheinfelden sein, denn den anderen Orten fehlen die Bevölkerungsdichte und die Zentrumsausstrahlung.»

8. Die Was-wenn-Fragen.

Davon gibt es derzeit unzählige. Eine lautet: Was macht man für die Zurzibieter, wenn es Stein wird? Für Kaufmann sollte dann das Zurzibiet – beispielsweise über die derzeit stillgelegte Rheintallinie – an Stein angeschlossen und so eine Alternative zur Kantonsschule in Baden geschaffen werden.