Seit rund sieben Wochen stehen die Bauprofile des geplanten «Domus»-Hochhauses, das auf dem Kaiseraugster Liebrüti-Zentrum entstehen soll. Die Liebrüti-Eigentümer haben das Baugesuch eingereicht. Die öffentliche Publikation wird nach einer Vorprüfung wohl noch dieses Jahr erfolgen, wie ein Sprecher der Eigentümer sagt. Als es im Jahr 2014 um die Teilrevision des Bauzonenplans ging, die den Turmbau überhaupt erst ermöglichte, gingen in Kaiseraugst die Wogen hoch. Der Turm sei überdimensioniert, fanden die Kritiker und bezeichneten ihn als «Betonsilo».

Nach dem Ja der Gemeindeversammlung zur Teilrevision des Bauzonenplans ebbte die öffentliche Kritik ab. Nun flammt sie aber andernorts wieder auf: Unter dem Titel «Hochhaus Liebrüti: Baudenkmal droht Verschandelung» hat «Architektur Basel» in einem Beitrag auf dem eigenen Online-Portal heftige Kritik geäussert. «Architektur Basel» ist nach eigenen Angaben ein Kollektiv junger Architekten, dessen Ziel darin besteht, «das facettenreiche Architekturgeschehen in und um Basel zu dokumentieren und zu kommentieren». Architektur Basel vereine Newsportal und Baugedächtnis.

«Räumliche Grosszügigkeit fehlt»

In seinem Beitrag kritisiert Lukas Gruntz verschiedene Punkte. Der architektonische Ausdruck des Neubaus lasse «jeden Dialog mit der umgebenden Architektur vermissen», schreibt er. «Banale Bänder als Antwort auf die rhythmisch gegliederten Fassaden der bestehenden Zeilenbauten. Man könnte von einer architektonischen Gesprächsverweigerung sprechen.» Zudem fehle dem Hochhaus genau das, was die bestehende Überbauung auszeichne: «Die räumliche Grosszügigkeit.»

Im Gespräch mit der AZ präzisiert Gruntz: «Aus unserer Sicht ist das Hochhaus nicht gut eingegliedert.» Es mache den Anschein, als ob die Pläne hauptsächlich durch das Kriterium Schattenwurf entstanden seien. Weiter kritisiert Gruntz, dass kein Wettbewerb oder Studienauftrag stattgefunden habe. «In unseren Augen handelt es sich bei der Überbauung Liebrüti um ein Baudenkmal, bei dem man grösste Sorgfalt walten lassen sollte.» Er verstehe deshalb nicht, warum Heimatschutz oder Denkmalpflege sich nicht in den Planungsprozess eingeschaltet hätten.

Allerdings, dies attestiert auch Gruntz, sei der Prozess «juristisch und politisch korrekt abgelaufen». «Architektur Basel» sei bewusst, dass die Kritik zu spät erfolge. Einerseits habe es das Kollektiv in dieser Form 2014 noch nicht gegeben, begründet Gruntz die Verspätung. «Andererseits müssen wir selbstkritisch sagen, dass wir das Projekt damals nicht auf dem Radar hatten.» Dies sei möglicherweise der «Selbstbezogenheit der Stadtbasler» geschuldet. Dennoch habe man entschieden, die Kritikpunkte nun «zumindest noch zu thematisieren», damit Schlüsse für künftige Projekte daraus gezogen werden könnten.

«Kein Studienauftrag gefordert»

Die Liebrüti-Eigentümer haben die Kritik aus Basel zur Kenntnis genommen. Dies sei «Ansichtssache», sagen sie und betonen, dass es bislang im Laufe des Prozesses noch keine Kritik aus architektonischer Sicht gegeben habe. Für den Entwurf des «Domus» habe man einen bestehenden Partner gewählt. «Ein Architekturwettbewerb oder Studienauftrag war nicht gefordert», so die Eigentümer. Mit der Publikation des Baugesuchs werde man eine aktualisierte Visualisierung präsentieren. Die Öffentlichkeit wird also dann erfahren, wie der Turm und dessen Fassade derzeit geplant sind.

Isabel Haupt von der Aargauer Denkmalpflege sagt, man sei sich durchaus bewusst, «dass auch Bauten der Nachkriegsmoderne einen grossen Zeugniswert haben können». Die Siedlung Liebrüti stehe jedoch nicht unter kantonalem Schutz, und so sei die Denkmalpflege auch nicht ins Projekt involviert gewesen. Seitens des Aargauer Heimatschutzes sagt Geschäftsführer Henri Leuzinger, die Siedlung Liebrüti habe unter den in den 1970erJahren üblichen Gross-Siedlungen «gewiss einen besonderen Stellenwert». Man werde sich mit dem Baugesuch befassen, wenn es aufgelegt werde. Schliesslich zeige sich erst dann, wie der Neubau wirklich aussehen soll.