Fricktal
Ammann will Wasser vom Rhein zurückpumpen, damit die Bäche nicht austrocknen

Die Sissle führt, einmal mehr, kein Wasser mehr, sie ist staubtrocken. Für Roger Fricker, Gemeindeammann von Oberhof, ist daran aber nicht nur der Klimawandel schuld. Er sagt: «Ein Grossteil ist hausgemacht, weil wir heute kein gereinigtes Abwasser mehr in die Bäche leiten.» Er fordert: Gebt den Bächen ihr Wasser zurück.

Thomas Wehrli
Drucken
Für Roger Fricker, Gemeindeammann von Oberhof, ist die Trockenheit der Bäche zu einem guten Teil hausgemacht.

Für Roger Fricker, Gemeindeammann von Oberhof, ist die Trockenheit der Bäche zu einem guten Teil hausgemacht.

Thomas Wehrli

Der Regen hat der Sissle nichts gebracht. Am Dienstagmorgen zeigen die hydrologischen Messungen beim Kanton für die Station in Eiken einen Pegelstand von -0,08 Metern und einen Abfluss von 0,00 Kubikmeter pro Sekunde. Mit anderen Worten: Der Bach ist noch immer staubtrocken; das Bild, das sich der AZ in der letzten Woche bot, damit unverändert.

In Hornussen hat die Sissle «immerhin» noch einen Pegel von 0,03 Metern; hier tröpfelt der Bach mit 0,01 Kubikmetern pro Sekunde vor sich hin. Auch für den Bruggbach, der beim Coop in Frick in die Sissle mündet, sieht es nicht viel besser aus. Für Gipf-Oberfrick meldet der Kanton am Dienstagmorgen einen Pegel von 0,02 Meter und einen Abfluss von 0,08 Kubikmeter pro Sekunde. Und die Wetterprognosen verheissen nichts Gutes für die kommenden Tage: Sonnenschein pur, kein Regen.

Viele Fische erlagen der Trockenheit

Wer ist schuld an dieser Tristesse, die auch in diesem Jahr wieder vielen Fischen – trotz Notabfischungen im Juli – das Leben gekostet hat? Zum einen sind es der mergelige bis karstige Boden im Fricktal. Das Wasser versickert hier einfacher und schneller, der Bach verliert so zusätzlich Wasser. Zum anderen ist es der Klimawandel, der mit seinen heissen und trockenen Sommern allen Fliessgewässern zu schaffen macht.

Da hilft auch die Niederwassergerinne nur bedingt, die bei Oeschgen zu Testzwecken gebaut wurde. Dieses soll dafür sorgen, dass das Wasser bei Niedrigwasser nicht mehr auf der gesamten Breite fliesst, sondern nur noch in der Mitte im Niederwassergerinne. «Die Fläche, auf der das Wasser versickern oder verdunsten kann, wird so verkleinert», erklärte Norbert Kräuchi, Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer beim Kanton, letzte Woche gegenüber der AZ.

Irgendwann trocknet jede Wasserrinne aus

Aber eben: Auch solche Massnahmen können bei lang anhaltender Trockenheit nicht verhindern, dass Bäche wie die Sissle austrocknen. Kräuchi gibt zu bedenken, dass die Extreme früherer Jahrzehnte zur neuen Normalität geworden sind und die neuen Extreme noch ausgeprägter sind.

«Wenn kein Regen vom Himmel fällt, so trocknet irgendwann jede Wasserrinne aus.»

Das ist auch Roger Fricker, Gemeindeammann in Oberhof, klar. Dennoch ärgert er sich über die immer gleichen Aussagen der Experten. «Alles wird dem Klimawandel in die Schuhe geschoben», enerviert sich der ehemalige SVP-Grossrat.

«Das ist einseitig und stimmt einfach nicht.»

Dass die Sissle Jahr für Jahr trocken liege, sei zu einem Grossteil auch hausgemacht, so Fricker. «Mit immer strengeren Umweltvorschriften konnten die kleinen Kläranlagen ihr gereinigtes Wasser nicht mehr in den Bach leiten. Und hier muss sich eben der Kanton selbst an die Nase fassen», erklärt er. «Denn damit ging den Bächen ein beachtlicher Zufluss verloren.»

In Wölflinswil und Oberhof wurde 1977 eine Kläranlage gebaut. Zuvor wurde das Abwasser in Güllegruben oder kleinen Drei-Stufen-Anlagen direkt bei den Häusern gereinigt.

Als dann in den 1990er-Jahren die Vorschriften, wie gut gereinigt das Wasser sein muss, um es in ein Fliessgewässer einzuleiten, deutlich verschärft wurden, schlossen sich Wölflinswil und Oberhof dem neugegründeten Abwasserverband Sisslebach an, der das Abwasser in der ARA Kaisten aufbereitet. Fricker sagt:

«Ein Umbau unserer Anlage wäre schlicht nicht bezahlbar gewesen.»

Fricker erinnert sich noch gut an die Gründungsversammlung in der ehemaligen landwirtschaftlichen Schule in Frick, dem heutigen Sitz des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL). «Ich fragte schon damals, ob wir den Bächen nicht gleich viel Wasser zurückgeben sollten, wie wir ihnen erziehen.» An die Antwort erinnert sich der Ammann nicht mehr – aber die Frage ist für ihn die gleiche geblieben. Er fordert immer noch, dass man den Bächen das Wasser zurückgeben müsse und sagt heute:

«Wenn wir wollen, dass die Sissle weniger schnell austrocknet, so müssen wir halt Wasser aus dem Rhein zurückpumpen.»

Das müsse ja nicht gleich bis Oberhof sein, denn der Bruggbach führe oberhalb von Frick ja meist noch Wasser, aber dann vielleicht doch bis Wittnau, wo das Wasserproblem akut werde.

Dass sein Vorschlag eine gewisse Absurdität beinhaltet, kaum finanzierbar und auch energetisch fraglich ist, weiss auch Fricker. Ihm geht es darum, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass viele Probleme hausgemacht sind und man nicht einfach dem Klimawandel, der notabene ebenfalls zu einem guten Teil vom Menschen verursacht ist, die Schuld in die Schuhe schieben könne. Fricker sieht es pragmatisch:

«Wir können sagen: Wir wollen kein Wasser zurück pumpen, das ist uns zu teuer – aber dann müssen wir auch mit den Konsequenzen leben.»

Auf jeden Fall will er bei künftigen Projekten, etwa dem Anschluss von Hornussen an die ARA in Kaisten, «den Finger draufhalten». Er überlegt sich auch, einen Grossrat oder eine Grossrätin zu motivieren, eine Interpellation im Parlament einzureichen. Denn er ist überzeugt:

«Es braucht verlässliche Daten, die zeigen, wie viel Wasser wir den Bächen durch die neuen Abwasservorschriften entzogen haben.»

Nur so lasse sich «fair und umfassend» über die Thematik sprechen. Das heisst allerdings nicht, dass sich Fricker die alten Zustände zurückwünscht. Der Abwasserverband funktioniere sehr gut. Dennoch:

«Es braucht künftig das Bewusstsein: Wenn wir Kläranlagen schliessen, dann hat das Folgen für die Bäche.»