Eine Stunde vor dem Start kommt im Clubhaus des NK Pajde in Möhlin plötzlich Hektik auf. «Der Fernseher läuft nicht», sagt Patrick Ivanovic, Co-Trainer der ersten Mannschaft und Vorstandsmitglied des Vereins. «Bis jetzt hat er jedes Mal funktioniert, aber ausgerechnet beim Final nicht.»

40 Minuten vor Anpfiff die Erleichterung – die Übertragung läuft. Die Festbänke im Clubhaus füllen sich. Die meisten Fans kommen in den rot-weiss karierten Trikots der kroatischen Nationalmannschaft. Einige haben die kroatische Flagge auf die Wangen gemalt, auch die Fahnen dürfen nicht fehlen.

Kroatiens Natistar Rakitic kommt aus Möhlin

Der Mann aus Möhlin

Rund 70 Personen sind gekommen, um die Kroaten zu unterstützen. Einer steht dabei ganz besonders im Fokus: Ivan Rakitić. Der 30-jährige Mittelfeldspieler in den Reihen der Kroaten ist in Möhlin aufgewachsen und hat seine Fussballkarriere wenige Meter vom heutigen Clubhaus des NK Pajde entfernt lanciert.

Den Verein NK Pajde hat Rakitićs Vater Luka 1989 gegründet. Noch heute ist er Präsident. Rakitićs Bruder Dejan leitet gemeinsam mit Patrick Ivanovic die erste Mannschaft des Vereins, die in der 2. Liga inter spielt und jüngst den Aufstieg nur knapp verpasst hat.

Der Nachbar im WM-Final

Die Familie Rakitić ist beim Public Viewing nicht dabei. Sie ist gemeinsam mit weiteren Vereinsmitgliedern des NK Pajde nach Russland gereist, um Ivan live im Stadion anzufeuern. Schliesslich ist es der erste WM-Final überhaupt für Kroatien. Und es ist auch das erste Mal, dass mit Ivan Rakitić ein Schweizer auf der grösstmöglichen Fussballbühne aufläuft.

Patrick Ivanovic war auch in Russland. Er hat das Halbfinale live im Stadion mitverfolgt. «Ich sass direkt in der Ecke, wo die Familien der kroatischen Nationalspieler waren. Das war einmalig und die Stimmung einfach grossartig», so Ivanovic, der heute bei der Organisation des Public Viewings mithalf.

Ab dem dritten Gruppenspiel hat der NK Pajde die WM-Spiele von Kroatien in seinem Clubhaus übertragen. Zu Beginn der WM weilten sie selber noch in Kroatien und bestritten die kroatischen Europameisterschaften, an der kroatische Fussballvereine aus ganz Europa teilgenommen haben. Und das mit Erfolg: Der NK Pajde hat den Sieg geholt. Der Pokal steht im zweiten Stock des Clubhauses.

Auf der Terrasse gleich daneben wird der Grill aufgebaut. Grillmeister ist Goran Pavlovic, ehemaliger Nachbar von Ivan Rakitić. «Je näher das Spiel kommt, desto nervöser werde ich», sagt er, während er die ersten Fleischstücke auf dem Grill wendet. Und was ist es für ein Gefühl, den ehemaligen Nachbarn im WM-Final zu sehen? «Es ist speziell. Ich kenne ihn und seine Familie schon so lange und jetzt sehe ich ihn im WM-Final. Ich bin unglaublich stolz», sagt Pavlovic, der im Alter von zwei Jahren aus Kroatien in die Schweiz gekommen ist und seither in Möhlin wohnt.

Mittlerweile läuft das Spiel. Jedes Mal, wenn die Kroaten in die französische Platzhälfte kommen, steigt der Lärmpegel. Die Anspannung ist spürbar. Goran Pavlovic und Patrick Ivanovic verfolgen das Spiel etwas abseits.

Nach einer vergebenen Chance von Kroatien gibt’s eine kurze Zigarettenpause vor dem Clubhaus zur Beruhigung der Nerven. Dann durchleben die Fans innerhalb von 30 Minuten die ganze Bandbreite der Gefühle: Zuerst die Ernüchterung nach dem 0:1, dann die riesige Freude nach dem 1:1 und kurz darauf die Konsternation nach dem 1:2. Sofort entflammt die Diskussionen um den Videobeweis.

In der Pause beruhigen sich die Gemüter. Es wird gegessen und getrunken. Die Fans sind nach wie vor zuversichtlich. «Wir sind es gewohnt, Rückstände aufzuholen», sagt Goran Pavlovic. «Und das Penaltyschiessen haben wir sowieso im Griff», ergänzt Patrick Ivanovic.

Doch schon kurz nach Wiederanpfiff der Dämpfer: Frankreich schiesst das 3:1. Und spätestens nach dem 4:1 sechs Minuten später ist die Stimmung im Keller. Auch das zweite Tor der Kroaten kann die Stimmung nur kurz anheben. Nach dem Schlusspfiff fliessen gar einige Tränen.

Auch bei Goran Pavlovic ist die Enttäuschung riesig. «Es ist unglaublich schade. Aber wir sind ein kleines Land und haben es in den WM-Final geschafft. Darauf können wir stolz sein.»